Wenn Schlagzeilen zur Stimmung werden: Zur Lage im Land

18. September 2025

2 3 Min.

politik gesellschaft medienkritik

Frau Marietta Slomka, ZDF, beklagt digitale Kloaken und meint damit die asozialen Medien. Damit bin ich zunächst einmal einverstanden! Allerdings gebe ich Folgendes zu bedenken: Arrivierte Journalisten wie Ulrich Reitz, Chefkorrespondent bei Focus, oder die üblichen Verdächtigen bei Springer und natürlich auch Herr Fleischhauer, Kolumnist bei Focus, sind Menschen, die jede verbale Gewalt von Links ausführlich und unmissverständlich brandmarken.

Sie und noch einige andere rechtskonservativ geprägte Journalisten mit nationaler Prominenz sind oft die Stichwortgeber für die, die sich in den asozialen Medien über alle Themen „hermachen“, die aus deren Sicht irgendwie zur Skandalisierung taugen.

So war es auch, nachdem Elmar Theveßen, ZDF, angebliche und vor allem unzutreffende Zitate des US-Aktivisten Charlie Kirk bei „Markus Lanz“ wiedergab. Er hätte sich dafür längst entschuldigen müssen, was er – soweit ich es verfolgt habe – bisher aber nicht getan hat. Der US-Starautor Stephen King, hat das getan, nachdem er ähnliche Aussagen über Kirk getroffen hatte.

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Marietta Sloma verteidigt Ihre Kollegen

Der Ton und die Aussagen sind furchtbar und zwar auf beiden Seiten. Keine Ausnahme war wieder einmal Markus Lanz, der in seiner Sendung aus meiner Sicht leider oft alles dafür tut, dass der Ton in unserem Land rauer wird.

Wen ich besonders in Schutz nehmen möchte, ist Dunja Hayali. Auf sie hat sich der rechte Mob seit Jahren eingeschossen. Sie erlebt in diesen Tagen eine neue Hochzeit im ganz negativen Sinne. Was man in den asozialen Medien und in zahlreichen, dieser bekanntlich superverrohten YouTube-Kanälen von rechten „Influencern“ hören muss, ist abstoßend und kann von niemandem als „Meinungsäußerung“ gelabelt werden.

Dabei hat sie in ihrer Moderation im „Heute Journal“ lediglich die „Tätigkeit“ des ermordeten US-Aktivisten, vielleicht dem einen oder anderen Attribut zuviel, beschrieben. Aus diesen Sätzen kreieren rechte Journalisten und solche, die sich dafür halten, einen Vergleich mit dem unter dem Namen Mescalero in die deutsche Geschichte eingegangenen Ausspruch der „klammheimlichen Freude“. Diese wurde damals diesem linken, unter Pseudonym agierenden Aktivisten, zugeschrieben. Diese Äußerung habe er nach dem Attentat der RAF auf den Generalbundesanwalt Siegfried Buback (✟ 1977) getätigt. Das löste damals völlig zu Recht große Empörung im Land aus.

Frau Hayali gilt in rechten Kreisen als linke Aktivistin. Davon abgesehen wird sie nicht als Deutsche, sondern als jemand mit migrantischer (arabischer) Herkunft mit infamsten Beleidigungen und Drohungen konfrontiert. Dunja Hayali ist in Deutschland geboren und besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihre Eltern stammen aus dem Irak.

Die von Hayali erfolgte Einordnung in der Anmoderation des Beitrages über Kirk führte zu einer weiteren Rufmordkampagne gegen sie. Und davon hat es so viele gegeben, dass man sich nur wundern kann, wie die Frau das aushält. Sie hatte vor wenigen Tagen angekündigt, dass sie sich eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückziehen wolle. Daraufhin habe ich Äußerungen rechter Drecksäcke gelesen, die rechtschaffende Menschen eigentlich nicht goutieren dürften. Zum Glück erhält Frau Hayali Zuspruch und Unterstützung. Sehr viel sogar, wenn mich meine Wahrnehmung nicht täuscht. Das ist das einzig Positive an diesem Fall.

Trumps Rhetorik und die Realität: Angriffe auf die amerikanische Demokratie

11. September 2025

2 3 Min.

politische Gewalt in den USA

Die Schieflage des von Donald Trump gezeichneten Bildes ist unübersehbar. Während der Ex-Präsident immer wieder von angeblicher linker Gewalt spricht, reißen die Nachrichten über Angriffe von rechts auf Demokrat:innen nicht ab. Ich fürchte, auch das wird die US-Demokraten nicht aktivieren. Eigenartig, wie apathisch die Bevölkerung mit der Demokratiezerstörung durch Trump und seine Magas umgehen.

Bereits im Jahr 2020 erschütterte ein Komplott rechter Extremisten die USA: Sie planten die Entführung der Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer. Nur durch das Eingreifen der Sicherheitsbehörden konnte die Tat verhindert werden. Kurz darauf stürmte ein MAGA-Mob am 6. Januar 2021 das US-Kapitol, um die Bestätigung des Wahlsiegs von Joe Biden zu stoppen. Zeitgleich wurden in den Hauptquartieren der beiden großen Parteien Rohrbomben gefunden.

Angriffe auf führende Demokraten

Im Oktober 2022 kam es zu einem weiteren Schock: Ein Mann drang in das Haus der demokratischen Politikerin Nancy Pelosi ein und attackierte ihren 82-jährigen Ehemann mit einem Hammer. Auch andere hochrangige Demokraten waren Ziel von Gewalt: Im Juni 2022 wurde die Sprecherin des Repräsentantenhauses von Minnesota, Melissa Hortman, in ihrem Wohnhaus von einem als Polizisten verkleideten Angreifer attackiert, der auch ihren Ehemann erschoss.

Die Anschläge beschränkten sich nicht auf einzelne Politikerinnen und Politiker. Im selben Jahr wurde das Haus des Gouverneurs von Pennsylvania in Brand gesetzt, nachdem Angreifer Molotow-Cocktails gegen das Gebäude schleuderten. Auch auf regionale Parteibüros und Wahlhelferinnen und Wahlhelfer gab es Einschüchterungen und Gewaltandrohungen.

Trumps einseitige Rhetorik

Trotz dieser Vorfälle fanden die Angriffe in Trumps Stellungnahme nach dem Attentat gegen Charlie Kirk keine Erwähnung. Stattdessen erklärte er: „Die politische Gewalt der radikalen Linken hat zu vielen unschuldigen Menschen Schaden zugefügt und zu viele Menschenleben gekostet“. Mit solchen Aussagen befeuert er den Kulturkampf weiter – ohne Beweise für eine linke Täterschaft vorzulegen.

Märtyrer im politischen Kampf

In der Welt der MAGA-Bewegung erhalten die Opfer rechter Gewalt dennoch eine paradoxe Rolle. Selbst ein ermordeter Parteifreund wie der konservative Aktivist Charlie Kirk wird dort zur Ikone stilisiert. Trump sprach von einem Märtyrer, dessen Stimme und Vermächtnis „für unzählige Generationen weiterleben“ sollen.

Die Realität zeigt jedoch: Die Gewalt richtet sich in den vergangenen Jahren zunehmend gegen Demokratinnen, Demokraten, ihre Familien und Institutionen. Während die politische Rhetorik weiter eskaliert, bleibt die Frage, wie viel die amerikanische Demokratie noch aushält.

Dieses Mal ging der Kelch in Form von Starkregen nicht an uns vorbei.

9. September 2025

2 3 Min.

Unwetter Starkregen
Unwetter Starkregen

Das war eine „tolle“ Nacht. Gestern Abend gings schon los. Starker Regen und einige Blitzeinschläge, die für taghelle Umgebung sorgten. Außerdem knallte es. Gewitter waren halt auch unterwegs. Die Internetverbindung war kurzfristig unterbrochen. Aber das alles war nichts gegen den Regen, der in unserer Region niederprasselte. Heute heißt es, dass beispielsweise in Weiler-Hohenholz, einem kleinen Örtchen, das zum Stadtgebiet Bedburg zählt und das keine 4 km von uns entfernt ist, über 140 Liter/qm niedergingen. Die vorausgesagten Niederschläge lagen laut Wetterbericht zwischen 60 und 80 Litern/qm. Es wurde zum Teil sehr viel mehr. Man sollte auf Kachelmann hören – jedenfalls beim Wetter.

Wir gingen erst gegen 2.00 Uhr heute Morgen zu Bett und wurden zwischen drei und vier von unserer Nachbarin geweckt. Unser Keller war vollgelaufen. Nicht übertreiben, lieber Horst! Ich glaube, mehr als zwei bis drei Zentimeter waren es nicht. Dafür verteilten sich Schlick und Regenwasser gleichmäßig in allen Kellerräumen. Der Geruch war immerhin einigermaßen erträglich. Das mag allerdings auch an meinem leichten Schnupfen gelegen haben.

Die Feuerwehr war alarmiert, nur hatte die mit parallel über 100 Einsatzorten ihre liebe Müh‘. Wir waren also auf uns angewiesen und das war angesichts der vergleichsweise begrenzten Wassermenge voll OK. Zum Glück besitzt unser Nachbar einen Industriestaubsauger. Der war heute wirklich Gold wert. Trotzdem haben wir so manchen Eimer mit Wasser und Schlick aus dem Keller getragen, das wir etwas mühsam mit handelsüblichen Wasserschiebern quasi von Hand aufsammelten. Nach ungefähr zwei 1/2 Stunden waren sechs Kellerräume, Waschküche und Heizungskeller fast wie neu. Das war eine gute Teamleistung. Auch, wenn man bedenkt, dass die meisten von uns schon über 70 Jahre alt sind. Im Fahrradkeller war merkwürdigerweise kein Wasser eingedrungen.

Andere Bewohner unseres Städtchens hatten weniger Glück. Gleich nebenan wohnt ein Mann, der gesundheitlich sehr angeschlagen ist. Er wohnt in einer Souterrain-Wohnung und war über Nacht zur Dialyse im Krankenhaus. Dieser Prozedur unterzieht er sich alle zwei Tage. Er wurde in der Nacht von seinem Nachbarn telefonisch geweckt, weil – wie bei ihm selbst – die komplette Wohnung unter Wasser stand (50 cm hoch), erzählte er mir. Teile des Wohnungsinventars lagen bereits auf der Wiese vor dem Haus. Man hat eine Idee davon, welche Wunden solche Erfahrungen reißen können. Wenn dann auch noch solche Bedingungen hinzukommen, ist die Erfahrung doppelt schlimm.

In einem Ortsteil wurden ganze Häuser evakuiert, weil ein Bach (Pützer Bach) zu einem reißenden Fluss mutiert ist. In eine Ressourcensiedlung (siehe obiger Link), die erst vor kurzer Zeit fertiggestellt und bezogen wurde, ist das Wasser mit aller Macht eingedrungen. Zum Glück haben die Maßnahmen zu ihrem Schutz wohl das Schlimmste verhindert. Die Aufräumarbeiten werden allerdings intensiv und vielleicht einigermaßen langwierig.

Mich stört an diesem Fall, dass erst vor einer kurzen Zeit eine andere Neubausiedlung im Stadtgebiet ebenfalls von einem Starkregenereignis getroffen wurde. Ein hinter dieser Siedlung liegendes Feld hatte sich quasi verselbständigt. Matsch und Wasser waren nicht aufzuhalten. Das geschah ebenfalls, kurz nachdem die Leute ihre neuen Häuser bezogen hatten. Das ist wirklich schrecklich.

Wir wissen alle, wie teuer heutzutage Häuser sind und auch wie gefragt, neuer Wohnraum ist. Diesbezüglich ist in unserer Stadt viel passiert und ich führe das vor allem auch auf das große Engagement unseres Bürgermeisters zurück. Auf der anderen Seite stelle ich mir die Frage, wie es sein kann, dass bei Neubauten und den damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen die Möglichkeit von Starkregenereignissen womöglich unzureichend berücksichtigt wurde.

Wie kann es sonst sein, dass insbesondere in den erwähnten Neubaugebieten die Folgen des Starkregens besonders krass hervorgetreten sind? Das wird sicher nicht nur mich beschäftigen! Und am kommenden Sonntag sind Kommunalwahlen. Der alte Bürgermeister will (und soll!) auch der neue sein. Jedenfalls werde ich ihn wählen. Das Unglück kommt für ihn sicher zur Unzeit, weil wohl nicht nur die betroffenen Siedlungsbewohner Fragen hinsichtlich der Verantwortung haben dürften. Ich hoffe, dass der Gegenkandidat fair bleibt und auch, dass die AfD, die das nach meinem Gefühl wenige Tage vor dem Wahltag wohl thematisieren wird, dieses Unglück nicht wie üblich ausschlachtet.

Empörung statt Einsicht: Das deutsche Dilemma in Krisenzeiten

31. August 2025

2 3 Min.

reformstau-symbol

Egal, welche Politiker oder Wissenschaftler sich zu den Krisen in Deutschland äußern – sie können sicher sein, immer denselben Vorwürfen und „Gegenargumenten“ zu begegnen. Die linke Presse trägt selten dazu bei, die Dinge ins Lot zu rücken, sondern springt den Kritikern reflexhaft zur Seite. Mein Eindruck ist: Aussagen von Wissenschaftlern überzeugen in grün-linken Kreisen nur dann, wenn sie die eigene Meinung bestätigen.

Natürlich gibt es – wenn man es sich einfach machen will – linke und rechte Wissenschaftler. Doch vor allem gibt es jene, die sich um evidenzbasierte Aussagen bemühen. Dass dabei unterschiedliche Thesen in den öffentlichen Raum gelangen, sollte eine aufgeklärte Gesellschaft weniger überraschen, als es in Deutschland der Fall ist. Wir scheinen nichts dazulernen zu wollen. Die Reaktionen jedenfalls lassen kaum erkennen, dass man Einsichten wissenschaftlicher Debatten ernsthaft aufnimmt.

Cancel Culture statt Auseinandersetzung

Linke Akteure arbeiten sich auf immer gleiche Weise an denen ab, die Kritik am Mindestlohn oder an der Überforderung der Gesellschaft durch Massenmigration äußern. Am liebsten würden sie diese unliebsamen Stimmen aussortieren – so mein Eindruck. Genau das bezeichnet man als Cancel Culture. Links-Grün will davon jedoch nichts wissen. Stattdessen versuchen ihre Vertreter, diese undemokratischen Mechanismen zu verbergen oder zumindest zu verniedlichen.

Das geschieht etwa mit dem Argument, Rechte seien überempfindlich und würden bloßen Widerspruch mit Einschnitten in die Meinungsfreiheit verwechseln. Wenn es doch so einfach wäre. Doch neue Einsichten entstehen auf dieser Basis nicht.

Was wollte Fratzscher eigentlich erreichen?

Sein Vorschlag zielte in erster Linie nicht auf direkte staatliche Einsparungen, sondern auf:

  • Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts: Ältere sollten ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Zeit stärker in die Gesellschaft einbringen.
  • Entlastung von Pflege, sozialen Diensten und Ehrenamt: Gerade dort, wo Fachkräfte fehlen (Kitas, Pflegeheime, Vereine, Nachbarschaftshilfe).
  • Signalcharakter: Ein „Generationenvertrag“ in neuer Form, also das Prinzip: Junge finanzieren die Renten – und Ältere geben durch Engagement etwas zurück.

Kurz: Es war ein sozialpolitischer Appell mit ökonomischem Unterton, weniger ein fiskalischer Sparplan.


Bringt das dem Staat finanzielle Vorteile?

  • Direkt: Nein, weil es sich nicht um Einsparungen im klassischen Sinn handelt (z. B. geringere Rentenzahlungen oder niedrigere Sozialausgaben). Rentner würden ihre Rente ja weiter erhalten.
  • Indirekt: Ja, weil unbezahlte Arbeit von Rentnern staatliche Ausgaben in Bereichen wie Pflege oder sozialer Infrastruktur teilweise ersetzen könnte. Man könnte also von einer Art „implizitem Sparvolumen“ sprechen.

Wie hoch wären mögliche Einsparungen?

Das ist schwer zu beziffern, aber man kann grob schätzen:

  • In Deutschland gibt es ca. 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner.
  • Nähme man auch nur 20 % davon für ein verpflichtendes soziales Jahr (also ca. 4 Mio. Menschen), entspräche das – selbst bei Teilzeiteinsätzen – Milliarden Euro an Arbeitswert, wenn man es mit Mindestlohn oder Fachkräftegehältern gegenrechnet.
  • Beispiel: 4 Mio. Menschen × 20 Wochenstunden × 12 Monate × 12 € Mindestlohn ≈ 46 Mrd. Euro Arbeitswert pro Jahr. Natürlich wäre das rein theoretisch, weil man niemanden bezahlen würde – aber das ist genau der Punkt, warum es als „Ersatz für staatliche Ausgaben“ interpretiert werden kann.

Was würde die Maßnahme bringen?

Gefahr, dass staatliche Strukturen noch stärker auf billige Ehrenamtler setzen, statt Fachkräfte auszubilden oder zu bezahlenn content

Potenzielle Vorteile:

Entlastung von Sozialsystemen und Fachkräften

mehr Begegnungen zwischen Generationen

stärkere Einbindung älterer Menschen ins gesellschaftliche Leben

Probleme/Kritik:

massive Eingriffe in die persönliche Freiheit Älterer („Zwangsdienst“ nach einem langen Arbeitsleben)

real kaum durchsetzbar (logistisch und politisch)

Grimm, Fratzscher und der deutsche Reformstau

Man erkennt ein Muster: Wissenschaftler, die Reformvorschläge machen, riskieren heute vor allem Empörung. Ob es Fratzschers Generationenvertrag für Rentner war oder Monika Grimms Forderung nach Lockerung des Kündigungsschutzes und moderaterem Mindestlohn – jeder Ansatz wird reflexhaft abgewehrt.

Wirtschaftsweise attackiert Mindestlohn – DGB schlägt zurück: „Weltuntergangsmärchen“

Fratzscher wollte Generationengerechtigkeit, konnte aber nicht erklären, wie sein Modell praktisch wirken würde. Grimm wollte mehr Flexibilität für Unternehmen und setzte auf die Hoffnung, dass so die wirtschaftliche Misere beendet werden könnte. Ihre Gegner hingegen scheinen nur ein Ziel zu haben: dass alles weiterläuft wie bisher. Doch die Rechnung ohne die Wirtschaft geht selten auf.

Was, wenn die Arbeitslosigkeit steigt?

Unternehmen kündigen weiteren Stellenabbau an. Wir haben 3 Mio. Arbeitslose, die höchste Zahl seit 10 Jahren! Die konjunkturelle Lage bleibt schwach, aber die strukturellen Defizite sind viel gravierender. Dazu zähle ich persönlich auch das Mindset unserer Bevölkerung. Es gibt keinerlei Hinweise, dass sich die Situation von selbst bessern wird. Ohne Reformen bleibt die Lage verfahren.

Doch die große Koalition aus SPD und CDU/CSU wird sich im Herbst kaum zu echten Reformen durchringen. Über Reformen wird zwar ständig gesprochen, aber sobald es konkret wird, beginnt der Streit.

Deutschland kennt die Muster: Lobbygruppen, Gewerkschaften, politische Gräben, wissenschaftliche Profilierungssucht – ein Cocktail, den wir seit fünfzig Jahren beobachten. Nur: Heute geht es nicht mehr um einen „Klassenfeind“. Der Gegner ist die eigene Trägheit.

Und deshalb werden wir uns schwerlich auf die richtigen Reformen einigen. Stattdessen gaukeln wir uns vor, weitermachen zu können wie immer. Ein gefährlicher Selbstbetrug. Außerdem scheint die letzte Patrone, wie Söder meinte, schon den Lauf verlassen haben. Zuversicht ist fehl am Platze.

Wenn Erwerbstätigkeit nicht mehr vor Obdachlosigkeit schützt

25. August 2025

2 3 Min.

wohnungsnot deutschland

Die Tagesschau berichtete jüngst von der beunruhigenden Entwicklung, dass die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland weiterhin steigt und zwar selbst unter Menschen, die einer regulären Arbeit nachgehen. Was lange wie ein Phänomen des amerikanischen Traums im Verfall wirkte – Job ja, Wohnung nein – erreicht also auch unsere Städte.

Dass Arbeit längst nicht mehr automatisch Schutz vor Armut bietet, ist bekannt. Doch dass selbst ein festes Einkommen nicht genügt, um ein Dach über dem Kopf zu sichern, rührt an den Kern unseres sozialen Selbstverständnisses.

Die Ursachen liegen offen zutage: steigende Mieten in Ballungszentren, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, das Zurückfahren des sozialen Wohnungsbaus in den letzten Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass die Politik zwar über Neubauquoten streitet, die Realität aber hinter den Plänen zurückbleibt.

Und es ist kein rein deutsches Problem. Auch in den Niederlanden kämpfen Städte wie Amsterdam mit ähnlichen Dynamiken. Wohnungsnot ist ein europäisches, ja globales Symptom: Der Markt folgt der Logik der Rendite, während soziale Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

Deutschland darf sich nicht an den USA orientieren, wo Zeltstädte längst Teil des urbanen Bildes sind. Doch die wachsende Zahl von Erwerbstätigen ohne Wohnung mahnt uns: Wir laufen Gefahr, denselben Weg zu beschreiten, wenn wir nicht konsequent gegensteuern.

Obdachlose Frauen

„Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder umgeht.“ Der Satz wird unserem ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann zugeschrieben. Welches sind die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft? Sind es die Jüngsten, die Alten, die Kranken, die Obdachlosen, die Geflüchteten oder die Arbeitslosen?

Betroffenheit hilft nicht weiter

Wahrscheinlich geht es mir wie vielen anderen. Ich bin von der schieren Menge schlimmer Schicksale sicher schon abgestumpft. Die Medien liefern die Bilder und Geschichten. Es werden jährlich Pressefotografen für ihre Fotos ausgezeichnet. Meist sind es natürlich sehr eindrucksvolle aber oft auch beklemmende Bilder, die wir auch nach Jahrzehnten wiedererkennen, sobald sie am Bildschirm erscheinen.

Link: Archive | World Press Photo

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Bilder mehr als tausend Worte sagen. Dass in dieser Welt, in der die meisten Menschen das längst wissen, Abwehrreaktionen entstanden sind und zu diesem Zweck mit Unterstellungen und gewissermaßen „Gegenpropaganda“ gearbeitet wird, ist eine traurige Tatsache. Nicht der betroffene Mensch ist wichtig, sondern die Absicht, die mit dem Foto verbunden wird. Ob es zutrifft oder nicht. Der Wert eines Bildes steht längst infrage.

Wir erinnern uns noch, als überall auf der Welt das Foto des im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi gezeigt wurde und welche Reaktionen dadurch ausgelöst wurden.

Obdachlosigkeit

Ich habe hier schon erzählt, dass mir am Beispiel der Stadt Köln aufgefallen ist, wie die Zahl der Obdachlosen sichtbar zugenommen hatte. Wir hatten einige Jahre hindurch ein Abo des „Theaters am Dom“ und fuhren deshalb zu verschiedenen Jahreszeiten am späten Abend durch Teile der Stadt. Weil wir uns mit dem Fahren abgewechselt haben, entging es mir nicht, wie sich das Stadtbild im Lauf der Jahre verändert hat. Es waren – so schien es mir – deutlich mehr Obdachlose zu sehen. Ich fand das bedrückend. Ich nehme an, dass sich allein aufgrund der Wohnungsnot in Großstädten diese Situation auch an vielen anderen Orten findet.

Im WDR – Fernsehen habe ich in dieser Woche den Beitrag „Weiblich, obdachlos, unsichtbar: Frauen zwischen Straße und Notunterkunft“ gesehen. Die Zahl obdachloser Frauen ist in Köln fast ebenso hoch wie die der Männer. 45 % der Obdachlosen sind Frauen. Schlimm ist die Verschärfung, die mit Corona eingetreten ist. Die von den Städten bereit gestellten Quartiere können aufgrund der Infektionsgefahr nicht in dem Maße genutzt werden, wie das normalerweise der Fall wäre.

Link zum Video in der WDR Mediathek:
Weiblich, obdachlos, unsichtbar: Frauen zwischen Straße und Notunterkunft

Deutschland geht es gut ??

Mir fällt zu solchen Berichten immer gleich der Spruch der CDU ein: „Deutschland geht es gut„. Beim Land trifft das zu. Es kann sich momentan spottbillig refinanzieren und ein Ende dieser EZB-Politik ist nicht in Sicht. Dass es aber Menschen in Deutschland gibt, denen so ein Spruch wie Hohn klingt, können wahrscheinlich viele Bürger:innen nachvollziehen. Im europäischen Vergleich steht der „gemeine Deutsche“ nicht gut da. Sowohl beim Renteneintrittsalter als auch bei der Rentenhöhe liegen wir weit hinten. Ebenso beim Wohneigentum oder bei Aktienkapital. Dazu passt es (sic?), dass Deutschland bei Steuern und Abgaben gleich hinter Belgien auf dem 2. Platz liegt.

Dass angesichts dieser Ausgangslage so wenig gegen Obdachlosigkeit unternommen wird, ist ein Skandal. Schließlich könnte der Staat, wie er in der Corona-Krise beweist, viel mehr tun, wenn es politisch gewollt wäre. Stattdessen lässt er es zu, dass Menschen wie die im Film beschriebenen, in unwürdigsten Verhältnissen leben müssen.

Da komme ich wieder zu den Bildern, über die ich eingangs sprach. Das Elend der Obdachlosen lässt sich nicht gut einfangen. Da scheitern wahrscheinlich sogar die besten Fotografen. Oder sie betrachten die Menschen als Element von Streetart Projekten. Das ist ein bisschen heftig.

Obdachlosigkeit ist brutal und unwürdig. Wie schlimm Obdachlosigkeit ist und wie sich die Betroffenen fühlen, zeigen die drei im Film gezeigten Geschichten. Und zwar selbst dann, wenn sie, was hoffentlich nicht nur ausnahmsweise der Fall ist, den Weg zu ein anderes, besseres Leben schaffen.

Obdachlos
30. January 2021, 19:01 0 Boosts 0 Favoriten

weitere Informationen:
Wohnungs- und Obdachlosigkeit – Diakonie Deutschland
Wohnungslosigkeit in Deutschland: Immer mehr Menschen haben trotz Job keine Wohnung | DIE ZEIT

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