Wenn Erwerbstätigkeit nicht mehr vor Obdachlosigkeit schützt

25. August 2025
2 Min.

Immer mehr Menschen in Deutschland verlieren trotz Arbeit ihr Zuhause. Die Entwicklung erinnert an die USA und zeigt, dass auch hierzulande der Wohnungsmarkt in Schieflage geraten ist – ähnlich wie in den Niederlanden.

wohnungsnot deutschland

Die Tagesschau berichtete jüngst von der beunruhigenden Entwicklung, dass die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland weiterhin steigt und zwar selbst unter Menschen, die einer regulären Arbeit nachgehen. Was lange wie ein Phänomen des amerikanischen Traums im Verfall wirkte – Job ja, Wohnung nein – erreicht also auch unsere Städte.

Dass Arbeit längst nicht mehr automatisch Schutz vor Armut bietet, ist bekannt. Doch dass selbst ein festes Einkommen nicht genügt, um ein Dach über dem Kopf zu sichern, rührt an den Kern unseres sozialen Selbstverständnisses.

Die Ursachen liegen offen zutage: steigende Mieten in Ballungszentren, der Mangel an bezahlbarem Wohnraum, das Zurückfahren des sozialen Wohnungsbaus in den letzten Jahrzehnten. Hinzu kommt, dass die Politik zwar über Neubauquoten streitet, die Realität aber hinter den Plänen zurückbleibt.

Und es ist kein rein deutsches Problem. Auch in den Niederlanden kämpfen Städte wie Amsterdam mit ähnlichen Dynamiken. Wohnungsnot ist ein europäisches, ja globales Symptom: Der Markt folgt der Logik der Rendite, während soziale Bedürfnisse auf der Strecke bleiben.

Deutschland darf sich nicht an den USA orientieren, wo Zeltstädte längst Teil des urbanen Bildes sind. Doch die wachsende Zahl von Erwerbstätigen ohne Wohnung mahnt uns: Wir laufen Gefahr, denselben Weg zu beschreiten, wenn wir nicht konsequent gegensteuern.

Obdachlose Frauen

„Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder umgeht.“ Der Satz wird unserem ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann zugeschrieben. Welches sind die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft? Sind es die Jüngsten, die Alten, die Kranken, die Obdachlosen, die Geflüchteten oder die Arbeitslosen?

Betroffenheit hilft nicht weiter

Wahrscheinlich geht es mir wie vielen anderen. Ich bin von der schieren Menge schlimmer Schicksale sicher schon abgestumpft. Die Medien liefern die Bilder und Geschichten. Es werden jährlich Pressefotografen für ihre Fotos ausgezeichnet. Meist sind es natürlich sehr eindrucksvolle aber oft auch beklemmende Bilder, die wir auch nach Jahrzehnten wiedererkennen, sobald sie am Bildschirm erscheinen.

Link: Archive | World Press Photo

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum Bilder mehr als tausend Worte sagen. Dass in dieser Welt, in der die meisten Menschen das längst wissen, Abwehrreaktionen entstanden sind und zu diesem Zweck mit Unterstellungen und gewissermaßen „Gegenpropaganda“ gearbeitet wird, ist eine traurige Tatsache. Nicht der betroffene Mensch ist wichtig, sondern die Absicht, die mit dem Foto verbunden wird. Ob es zutrifft oder nicht. Der Wert eines Bildes steht längst infrage.

Wir erinnern uns noch, als überall auf der Welt das Foto des im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi gezeigt wurde und welche Reaktionen dadurch ausgelöst wurden.

Obdachlosigkeit

Ich habe hier schon erzählt, dass mir am Beispiel der Stadt Köln aufgefallen ist, wie die Zahl der Obdachlosen sichtbar zugenommen hatte. Wir hatten einige Jahre hindurch ein Abo des „Theaters am Dom“ und fuhren deshalb zu verschiedenen Jahreszeiten am späten Abend durch Teile der Stadt. Weil wir uns mit dem Fahren abgewechselt haben, entging es mir nicht, wie sich das Stadtbild im Lauf der Jahre verändert hat. Es waren – so schien es mir – deutlich mehr Obdachlose zu sehen. Ich fand das bedrückend. Ich nehme an, dass sich allein aufgrund der Wohnungsnot in Großstädten diese Situation auch an vielen anderen Orten findet.

Im WDR – Fernsehen habe ich in dieser Woche den Beitrag „Weiblich, obdachlos, unsichtbar: Frauen zwischen Straße und Notunterkunft“ gesehen. Die Zahl obdachloser Frauen ist in Köln fast ebenso hoch wie die der Männer. 45 % der Obdachlosen sind Frauen. Schlimm ist die Verschärfung, die mit Corona eingetreten ist. Die von den Städten bereit gestellten Quartiere können aufgrund der Infektionsgefahr nicht in dem Maße genutzt werden, wie das normalerweise der Fall wäre.

Link zum Video in der WDR Mediathek:
Weiblich, obdachlos, unsichtbar: Frauen zwischen Straße und Notunterkunft

Deutschland geht es gut ??

Mir fällt zu solchen Berichten immer gleich der Spruch der CDU ein: „Deutschland geht es gut„. Beim Land trifft das zu. Es kann sich momentan spottbillig refinanzieren und ein Ende dieser EZB-Politik ist nicht in Sicht. Dass es aber Menschen in Deutschland gibt, denen so ein Spruch wie Hohn klingt, können wahrscheinlich viele Bürger:innen nachvollziehen. Im europäischen Vergleich steht der „gemeine Deutsche“ nicht gut da. Sowohl beim Renteneintrittsalter als auch bei der Rentenhöhe liegen wir weit hinten. Ebenso beim Wohneigentum oder bei Aktienkapital. Dazu passt es (sic?), dass Deutschland bei Steuern und Abgaben gleich hinter Belgien auf dem 2. Platz liegt.

Dass angesichts dieser Ausgangslage so wenig gegen Obdachlosigkeit unternommen wird, ist ein Skandal. Schließlich könnte der Staat, wie er in der Corona-Krise beweist, viel mehr tun, wenn es politisch gewollt wäre. Stattdessen lässt er es zu, dass Menschen wie die im Film beschriebenen, in unwürdigsten Verhältnissen leben müssen.

Da komme ich wieder zu den Bildern, über die ich eingangs sprach. Das Elend der Obdachlosen lässt sich nicht gut einfangen. Da scheitern wahrscheinlich sogar die besten Fotografen. Oder sie betrachten die Menschen als Element von Streetart Projekten. Das ist ein bisschen heftig.

Obdachlosigkeit ist brutal und unwürdig. Wie schlimm Obdachlosigkeit ist und wie sich die Betroffenen fühlen, zeigen die drei im Film gezeigten Geschichten. Und zwar selbst dann, wenn sie, was hoffentlich nicht nur ausnahmsweise der Fall ist, den Weg zu ein anderes, besseres Leben schaffen.

Obdachlos
30.01.2021, 19:01 0 Boosts 0 Favoriten

weitere Informationen:
Wohnungs- und Obdachlosigkeit – Diakonie Deutschland
Wohnungslosigkeit in Deutschland: Immer mehr Menschen haben trotz Job keine Wohnung | DIE ZEIT

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

2 Kommentare zu „Wenn Erwerbstätigkeit nicht mehr vor Obdachlosigkeit schützt“

  1. Letztendlich ist es der „Durchmarsch“ des Kapitalismus seit der Wende: Keine Systemkonkurrenz mehr, also gibt es keine Schranken mehr für das Profitstreben. (Dazu passt, dass 1990 die Gemeinnützigkeit des Wohnungsbaus abgeschafft wurde, die neue Version von 2024 ist KEIN vergleichbarer Ersatz!)

    Im Detail sind die Ursachen natürlich vielschichtig, ein Faktor ist die Vorschriftendichte beim Neubau. Berlin hat ein „schneller-bauen-Gesetz“ verabschieden, wenn ich mir dessen „Maßnahmenpaket“ ansehe, wird mir ganz schlecht, denn da wird auf einmal transparent, was bei einem Neubau alles beachtet werden muss, bzw. einem Neubau entgegen stehen kann. Auch reicht ein Landesgesetz bei weitem nicht und im Bund machen sie offenbar langsam voran.

    Zu den Gründen des Mengels zählt der Bevölkerungszuwachs, der fehlende Sozialwohnungsbau, der Trend zu 1-Personenhaushalten, aber auch der für viele unerschwinglich gewordene Eigenheimbau (inkl. Grundstückspreise) – die bleiben also in ihren Mietwohnungen. Dazu kommt die Umwandlung in Ferienwohnungen, Leerstand aufgrund von Spekulation – und eben auch die langwierigen Prozesse, wenn kreative Architekten Bürobauten in Wohnungen umwandeln wollen. Auch der Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft (Verluste bei Corona) soll mehr Bautätigkeiten im Wege stehen.

    Ich fürchte mich durchaus ein wenig, auch mit Altmietvertrag und einem „vernünftigen“ Einzeleigentümer als Vermieter – irgendwann kommen die Erben oder er kann den Verlockungen des Geldes nicht mehr widerstehen. Dann steh ich mit 70plus auf der Straße!

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