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Immer öfter frage ich mich, was eigentlich aus unserer Bloggeria geworden ist, die einmal so etwas wie ein offenes Labor des Denkens gewesen sein will. Demokratiebelebend sollte sie wirken. Ein Ort, an dem man Ideen ausprobierte, Gedanken herumwarf, Widerspruch bekam – und dabei nicht sofort das Gefühl hatte, in einer Arena zu stehen, in der irgendwo im Schatten jemand mit faulen Tomaten wirft.
Heute lesen wir stattdessen immer öfter diese Sätze: Ich denke darüber nach, meinen Blog zu schließen. Oder noch schlimmer: Ich werde ihn schließen.
Bloggeria – Überall Ernüchterung?
Und jedes Mal denke ich: Schon wieder einer weniger. Und mir geht es nicht anders. Ich kam auf komische Gedanken. Sollte ich den Kommentarbereich schließen, um nicht in die Bredouille zu kommen, »dumme« Kommentare gar nicht erst ignorieren zu müssen? Oder weil mir die überwiegend mehr als knapp formulierten Leserreaktionen kaum etwas zu geben hatten. Was denken aber die paar Stammleser*innen darüber, wenn ich ihre Reaktionen im Grunde auf diese Art und Weise entwerte? Ist der Blogger, der keine Kommentare zulässt, einfach nur arrogant oder noch sehr viel mehr ignorant? Wir tauschen uns seit Jahren wieder und wieder darüber aus, ob Blogs ohne Kommentare überhaupt Blogs sind.
In meinen Augen gibt’s tolle Blogs, die auch ohne diese direkte Form der Kommunikation lesenswert geblieben sind und viele Leser*innen haben.
Natürlich haben solche Gedanken die Eigenart, wie die pure Selbstbespiegelung zu wirken. Man kommt immer wieder auf ähnliche Themen zurück. Nicht nur, weil man ahnt, dass sie auf größere Resonanz stoßen als das Bild eines hübschen Marienkäfers.
Kein Massenhobby
Bloggen war nie ein Massenhobby, und es ist heute noch weniger eines. Wer von meinen Freunden und Bekannten schaut wenigstens gelegentlich mal hier rein? Die allerwenigsten tun das, und das sagt viel aus. Politische Gedankenspiele oder Kommentare sind nicht für jeden was. Überhaupt, die Massen an Videos und Podcasts, die einfacher zu »konsumieren« sind, als womöglich längere Texte über politische Zusammenhänge, über die man persönlich ohnehin ganz anders denkt, halten wie die dämlichen sozialen Medien, die Leute davon ab, mal einen Blogbeitrag zu lesen. Dass meine Texte nicht den Qualitätsstandards all der Experten da draußen entsprechen, darf ich an dieser Stelle nicht verschweigen.
Texte wie dieser mögen das Resultat einer gewissen Überempfindlichkeit sein. Auch so etwas habe ich schon von solchen Experten für Meinungsfreiheit gelesen. Ich möchte denjenigen erleben, wenn er denn selbst bloggen würde oder das jemals getan haben sollte, wie er in konkreten Situationen reagiert hätte.
Ein anderer Teil des Problems ist dieses mittlerweile völlig gedanken-, respekt- und substanzlose Gerede, das durch das Netz wabert wie abgestandenes Bier in einer Eckkneipe: die Sache mit den »alten weißen Männern«. Danke an dieser Stelle noch mal an Sophie Passmann!
Man kann über alles reden. Wirklich über alles. Da darf es ruhig mal etwas ruppig zugehen. Aber was zu oft passiert, ist kein Diskurs mehr, sondern bloße Provokation. Und wie das immer so ist: Opfer finden sich immer. Also Menschen, die sich angegriffen und verletzt fühlen. Nur ficht das diejenigen, die sich solche (neudeutsch) Rants aus dem Arsch leiern, werden von manchen genau für diesen Ton gefeiert.
Freie Meinungsäußerung
Der Diskurs, der ursprünglich einmal Kritik an Machtstrukturen formulieren sollte, wird heute viel zu oft als Universalkeule benutzt. Und natürlich – wie könnte es anders sein – anonym, aus der sicheren Deckung heraus. Dass der Idiot bei Hetzer seine Website verfeuert, kann jeder herausfinden. Ansonsten darf spekuliert werden.
Ein feiger Hund.
Denn wer so redet, meint selten Machtstrukturen. Aber immerhin sind die Alten (nicht nur die alten, weißen Männer) wahltechnisch eine Größenordnung, auf die Politik in einer Demokratie zum Ärger der Nutzer solcher Zuweisungen nicht vorbeikommt. Das ist frustrierend, weil es die Spielräume für persönliche Ansprüche, Hoffnungen und Träume untergräbt.
Der Autor, der diesen Blogpost ausgelöst hat, greift Menschen an, die er aufgrund vereinzelter Äußerungen in einer Art und Weise angeht, die bezeichnend ist für eine ekelhafte Überheblichkeit, die seit einer ganzen Weile um sich greift. Da werden einzelne Menschen angepöbelt, die keine politischen Ämter bekleiden, prominent sind oder sich sonst irgendwelcher Arschigkeiten schuldig gemacht hätten. Nein, sie bloggen oder versuchen es, ihren Blog mit halbwegs beleidigungsfreien Texten zu füllen.
Leute, die schreiben, fotografieren, nachdenken, sich öffentlich äußern. Menschen, die ihr kleines digitales Blögchen offenhalten, obwohl das Interesse stark schwindet.
Und dann stehen da plötzlich welche verbalen Schlägertrupps im Türrahmen und brüllen: »Alter weißer Mann!« Das ist ungefähr so geistreich, wie jemandem auf der Straße »Du Mensch!« hinterherzurufen. Aber aggressiver.
Sprücheklopfen – aber anonym
Der eigentliche Witz – wenn es denn einer wäre – liegt darin, dass genau diese Sorte Sprüche gerne aus einer Ecke kommt, die sich selbst permanent als besonders sensibel, diskriminierungskritisch und aufgeklärt (woke halt) versteht. Man ist also gegen Diskriminierung. Außer natürlich, wenn man sie selbst gerade praktiziert. Das ist dann der eine, ureigenste Teil der freien Meinungsäußerung und damit eines Wertes, den man anderen nur zu gerne aus der Hand schlagen möchte.
Ich weiß nicht, ob die Leute, die so etwas raushauen, jemals darüber nachdenken, was sie damit eigentlich tun. Wahrscheinlich. Denn dumm sind sie nicht. Sie wissen: Das Netz belohnt Schnappatmung mehr als Nachdenken.
Das Ergebnis sehen wir wieder einmal.
Menschen ziehen sich zurück. Blogs verschwinden. Stimmen verstummen.
Und das passiert nicht nur wegen ein paar dämlicher Kommentare. Es passiert auch wegen dieses wachsenden Gefühls von Ohnmacht. Man schaut auf die Welt, liest Nachrichten, sieht Kriege, politische Verrohung, den ganzen Irrsinn – und fragt sich irgendwann: Wozu eigentlich noch schreiben?
Wen interessiert das noch?
Ein Blogbeitrag gegen die große Dummheit der Welt fühlt sich manchmal an wie ein Teelöffel gegen einen Waldbrand.
Trotzdem: Ich glaube nicht, dass das Bloggen daran scheitert. Nicht wirklich.
Ist Bloggen eine Generationenfrage?
Was es zermürbt, ist dieses permanente Hintergrundrauschen aus Spott, moralischer Selbstüberhöhung und dieser merkwürdigen Lust, andere Menschen in Schubladen zu stopfen. Die Ironie ist dabei kaum zu übersehen: Während man laut über Diskriminierung klagt, sorgt man gleichzeitig dafür, dass sie weiter praktiziert wird.
Wenn laut Umfragen etwa 13 % der Menschen in Deutschland Diskriminierungserfahrungen machen, dann tragen solche Debatten sicher nicht dazu bei, diese Zahl zu verkleinern. Im Gegenteil.
Wir Blogger reiben uns freiwillig an solchen Figuren. Vielleicht, weil wir stur sind. Vielleicht, weil wir glauben, dass Worte immer noch etwas wert sind.
Aber manchmal denke ich: Es ist schon ein ziemlich schräges Hobby, sich freiwillig mit Blödmännern auseinanderzusetzen.
Trotzdem schreibe ich weiter.
Nicht weil ich glaube, die Welt damit zu retten.
Sondern weil ich mich von anonymen Feiglingen ganz bestimmt nicht aus meinem eigenen Wohnzimmer vertreiben lasse.



Genauso ist das, lieber Horst. Eines ist mir aber in meiner Mini-Auszeit bewusst geworden. Es ist nur eine kleine Gruppe, die da ständig und immer wieder herumpöbelt. Die große Masse der Bloggenden ist schon gut drauf oder hält sich aus solchen Dingen komplett raus. weil es denen zu doof ist (und das vollkommen zu Recht). Das, zwei Gespräche im Background, und ein Blick auf die vielen positiven Reaktionen der letzten Monate haben mich davon überzeugt, dass ein kompletter Rückzug keine Option ist. Ich mache das jetzt seit 19 Jahren, eine solche Form von Trolling, habe ich bis heute nicht erlebt. Warum auch, ich schreibe noch nicht einmal groß über brisante politische Themen. Es sind doch nur persönliche Dinge.
Bei mir kommen noch sehr persönliche, psychische Probleme dazu, die das dann darüber hinaus solche Aktionen verstärken. Interessiert aber auf der anderen Seite keinen, so viel zum Thema sensibel. Ich habe sogar schon zu lesen bekommen, wenn ich das nicht abkann, soll ich nicht im Netz präsent sein. So viel zum Thema Diskriminierung und Rücksichtnahme.
Ich habe schnell gemerkt, ohne Blog ist doof. Selbst diese knapp 24 Stunden fühlten sich nicht richtig an. Das Ding begleitet mich seit 19 Jahren, das stellt man nicht einfach so ab. Also, Lass sie reden von den Ärzten in Dauerschleife angehört. Dann geht es wieder.