Es gibt Texte, die wie eine kleine Fingerübung wirken – und doch ganze Weltanschauungen freilegen. Dieser Tagesschau-Artikel über Ingwershots erinnert mich daran. Erst die begeisterte Bestandsaufnahme des Hypes, dann der Blick ins Labor, schließlich das nüchterne Fazit: »Ganz nett, aber überteuert.«

In der Politik heißt es gern: Die Richtung stimmt, aber das Gesetzesvorhaben geht nicht weit genug … Es bestehe Nachbesserungsbedarf … Wer, verflucht, hat dieses Wort Nachbesserungsbedarf eigentlich erfunden? Ich tippe mal auf Journalisten.
Ich ertappe mich dabei, wie ich lächle. Nicht wegen des Ingwers. Sondern weil diese Dramaturgie längst zu einem deutschen Grundrauschen geworden ist – ein vertrauter Dreiklang aus Hoffnung, Analyse und Ernüchterung. Ein Trend taucht auf, wir schauen neugierig hin, machen Messreihen daraus, ziehen Expertinnen und Experten (die sind gaaanz wichtig!) heran, und am Ende bleibt: ein leicht enttäuschter Unterton, ein Schulterzucken, das sich anfühlt wie: »War ja klar.«
Vielleicht steckt darin eine stille Logik – oder eine kollektive Eigenart. Wir Deutschen lieben es, Dinge zu sezieren. Daher kommt womöglich unser Ruf als Dichter und Denker. Wir hängen am Detail. Und so wird aus jeder Welle, die anrollt, quasi eine mathematische Übung: Erst ein Aufsehen, dann eine Warnung, dann das Preisschild – meistens mit dem Hinweis, dass es etwas zu teuer ist und/oder etwas zu viel versprochen hat. Schauen wir uns um: Die Muster wiederholen sich in anderen Bereichen so oft, dass man das einfach nicht übersehen kann.
Ein neues Smartphone erscheint, die Werbung jubelt, die ersten Nutzerinnen und Nutzer posten euphorische Kommentare. Nur wenige Tage später tauchen die Rezensionen auf, in denen das Display zu blass, die Kamera überbewertet und der Preis selbstverständlich nicht gerechtfertigt ist. Das Ding könnte die Wäsche waschen und die Steuererklärung miterledigen – irgendwas gäbe es trotzdem zu meckern.
Oder die Politik. Neue Reform? Erst die Vision. Dann die Bedenken, die langen Absätze voller Skepsis und Einwände. Schließlich die Haushaltsrechnung: »Gut gedacht, schlecht finanzierbar.« Und zack – zurück in den Stand-by-Modus kollektiver Skepsis. Aus dem Schritt nach vorn wird Stillstand, womöglich folgen Rückschritte.
Oder die Ernährung. Ach, die Ernährung! Superfoods fliegen wie Sternschnuppen durch die Feeds. Wir greifen zu, versprechen uns Wunder, lassen es untersuchen – und landen wieder dort, wo wir immer landen: »Ganz nett, aber selbst schnippeln wäre billiger.« Womöglich finden sich in Laboren sogar toxische Rückstände. Und mögen sie noch so weit unter der Bedenklichkeitsschwelle liegen, Hauptsache, die Experten haben gesprochen. Ein Mantra, das sich zwischen Küchenzeile und Apothekerschrank eingenistet hat.
Diese Mechanik wirkt wie ein Schutzpanzer gegen arge Enttäuschungen. Ein Reflex, der uns vor dem Überschwang bewahren soll. Ein Land, das erst mal fragt, ob der Zauber überhaupt haltbar ist. Zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht hat das seine Vorzüge: Wir fallen nicht auf jede Marketing-Flöte rein, lassen uns nicht überrumpeln von Trends, die eine halbe Woche später schon wieder verpufft sind. Es steckt darin auch ein Gespür für Bodenhaftung, ein leiser Widerstand gegen das oberflächliche »Immer höher, immer weiter«. Wenns doch so wäre!
Manchmal ist der fehlende Esprit ermüdend. Unsere Vorsicht ist so flächendeckend. Als müssten wir Positives unverzüglich infragestellen, jeden Funken Begeisterung durch die TÜV-Prüfung schicken. Vielleicht wäre es wohltuend für uns alle, gelegentlich aufkeimende Begeisterung nicht gleich im Keim zu ersticken.
Vermutlich bleibt alles, wie es ist. Die Zuversicht geht ja schon gegen null. In der Regel halten wir kurz inne, schauen kritisch darauf, wägen ab, sortieren – und schließen mit diesem typisch deutschen Fazit:
»Im Prinzip gut. Aber…«


Das mit den Trends wird sich eh bald erledigt haben. Das ist ein Ding, was ausschließlich die Bourgoisie, bzw. Mittelschicht betrifft.
Die Oben schaffen die Trends und nutzen sie zur Profitmaximierung, lange bevor es die anderen entdecken können und die Unten müssen noch die letzte Stromrechnung abstottern.
@juri nello: Du bist ja erfrischend zuversichtlich. Stell dir vor, die hätten die Stromsteuer wirklich gesenkt. Die Einsparungen je Bürger bzw. Familie wären so krass, dass die Regierungskrise, die die Entscheidung auslöste, absolut angebracht war. /ironie
Mit Trends kann man viel Geld verdienen, vermutlich ist das der Sinn!
@anonym: Bestimmt verdient man Geld damit. Auch wenns nur gelesen wird, ein paar folgenden den Ratschlägen immer. So funktioniert das Spam-Prinzip.
Ich habe mir auch schon einige Male einen Ingwershot selber gemacht. Ist nicht sehr aufwändig und günstig.
Das ist ein Vorteil des Internets 😉
@Su Mu: Stimmt. Ich trinke selbst häufig Ingwer-Tee. Sofern ich Tee trinke.
Ja, so ist wohl der deutsche Michel.
@Gerhard: Eine unannehm deutsche Art. Fällt uns derzeit gewaltig auf die Füsse, glaube ich.
Es kommt ja auf die Art und Weise der Infragestellung an. So, wie beim Klimatrend.