
Ich habe darüber nachgedacht, wo ich in meinem Leben schon einmal etwas riskiert habe. Ich meine damit nicht, irgendwelche freiwilligen Arztbesuche, die ich aus Ignoranz nicht gemacht hätte. Oder der mögliche berufliche Neuanfang in Berlin, der meine Frau und mich aus unserer gemeinsamen Sicht in die Diaspora /ironie verschlagen hätte. Nein, ich musste schon etwas nachdenken, bis mir eine Begebenheit einfiel, die zu diesem Thema passend sein könnte.
Freitagnachmittag, Mitte meiner Dreißiger.
Ich saß allein im Büro. Die Kollegen längst im Wochenende verschwunden. Auf meinem Schreibtisch stapelte sich die Arbeit, und die Lust, auch nur eine Unterlage anzufassen, war irgendwo zwischen Aktenordnern und Kaffeetasse verdampft.
Freitags war in unserem Gewerbegebiet ab zwölf »tote Hose«. Hallen leer, Büros verriegelt, die Rollläden der Imbissbude schon heruntergelassen. Kein Baumarkt, kein Publikumsverkehr, kein Leben. Nur Asphalt, Beton und diese seltsame »Stille«, die sich wie Watte in die Ohren legt.
Dann hörte ich ein Auto. Und eine Frau schrie um Hilfe.
Ich ging ins Nachbarbüro. Von dort hatte man freien Blick auf die Straße. Direkt vor unserem Gebäude stand eine weiße Mercedes-Limousine. Auf dem Beifahrersitz eine Frau, die verzweifelt um sich schlug. Der Fahrer beugte sich zu ihr hinüber. Auf mich wirkte das vom Fenster aus, ein wenig zu nah. Zu aufdringlich. Es war keine Szene, die man missverstehen konnte.
Das war Mitte der Achtziger. Keine Handys. Keine schnelle Nummer im Display. Ich erinnerte mich an das monströse Autotelefon meines Chefs in seiner S-Klasse – ein Statussymbol mit Kabeln und Hörer wie aus einem schlechten Film. Aber hier draußen gab es nichts. Nur mich. Und zwanzig Meter Luftlinie.
Ich nahm meine Schlüssel vom Schreibtisch. Ich ging in Richtung Eingangstür. Sie lag nur wenige Meter von der Straße entfernt, auf der sich die Geschichte ereignete. Ich öffnete die Tür. Ich erinnere mich nicht, ob ich nachgedacht habe, ob ich überhaupt gedacht habe.
Zwanzig Meter sind nicht weit. Aber sie können lang werden.
Ich machte mich durch starkes Klopfen an die Seitentür bemerkbar, die Tür, hinter der die Frau saß.
Ich sagte etwas lauter, als es vielleicht nötig gewesen wäre: »Kann ich Ihnen helfen?«
Mein Blick blieb an dem Mann hängen. Ich wollte wissen, ob er aufspringen würde. Ob er vielleicht sogar zuschlägt. Ob ich mich gerade überschätze. So was kam mir nun in den Sinn. Bisschen spät. Ich fühlte mich jedenfalls weder überlegen noch besonders mutig. Immerhin war ich da.
Der Mann war zunächst erstaunlich kleinlaut.
Ich fragte die Frau, ob sie mit ins Büro kommen wolle. Ich könne ihr ein Taxi rufen.
»Ja«, sagte sie sofort und stieg aus.
In dem Moment öffnete der Fahrer ebenfalls seine Tür. Mein Magen zog sich zusammen. Das hier konnte kippen. Aber er blieb am Wagen stehen und schimpfte nur hinter uns her.
Ich schloss die Eingangstür schneller als sonst. Rief ein Taxi. Es kam rasch. Die Frau fuhr davon. Gehört habe ich nie wieder was von ihr.
Sie erzählte mir, sie habe sich mit ihrem Mann aus einem nichtigen Grund gestritten. Mehr wollte ich nicht wissen. Es ging mich nichts an. Oder vielleicht doch? Diese Frage stellte ich mir später.
Ich habe sicher nicht eingegriffen, weil ich furchtlos wäre. Oder leichtsinnig. Oder mich für stark hielt. Nichts davon. Ich habe nicht groß nachgedacht und abgewogen, ob ich nicht besser die Polizei hätte rufen sollen.
Auch im Nachhinein hat mich genau das noch beschäftigt: wie automatisch das ablief. Wie schnell. Wie wenig kalkuliert.
Nachdem Taxi und Frau verschwunden waren, räumte ich meinen Schreibtisch auf. Ganz ordentlich sogar. Dann begann auch mein Wochenende. Ich hatte keine Böcke mehr, noch weiterzuarbeiten.
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