Wenn Sahra Wagenknecht wie NIUS und die AfD klingt

Sahra Wagenknecht war einmal eine der profiliertesten Stimmen der politischen Linken. Heute bedient sie bei Migration, Medien, Bürgergeld und Russland erstaunlich häufig dieselben Narrative wie AfD und rechte Medien. Besonders NIUS scheint sich in dieser Gedankenwelt ausgesprochen wohlzufühlen.

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Gleiche Narrative anders verpackt

Bei Sahra Wagenknecht weiß man inzwischen manchmal nicht mehr recht, wo ihre eigene politische Erzählung endet und jene der AfD und einschlägiger rechter Medien beginnt. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass BSW und AfD dasselbe wären. Es bedeutet auch nicht, dass Kritik an Migration, öffentlich-rechtlichem Rundfunk oder der deutschen Ukrainepolitik automatisch rechts wäre.

Aber Sprache verrät, wie Politik Wirklichkeit sortiert. Und da wird es bei Wagenknecht inzwischen bemerkenswert.

Im August erklärte sie, die AfD sei im Osten „die einzige Volkspartei“. Schuld an deren Aufstieg seien vor allem die „alten Parteien“ mit ihren Fehlentscheidungen und ihrer Arroganz – und der „Mainstream-Journalismus“, der sachliche Debatten durch „Hysterie und selbstgefällige Moral“ ersetzt habe. Gleichzeitig sprach sie von Überwachung, Einschüchterung und Strafverfolgung und behauptete, der „autoritäre Umbau unserer Gesellschaft“ sei längst im Gange. Den Verfassungsschutz rückte sie sogar in die Nähe einer künftigen „Geheimpolizei“.

Man muss kein Freund des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein, um zu erkennen, welches politische Weltbild hier zusammengesetzt wird: auf der einen Seite ein angeblich selbstgefälliger politisch-medialer Mainstream, auf der anderen die Bürger, deren legitime Sorgen unterdrückt, moralisiert oder gar sanktioniert würden. Dazwischen Wagenknecht als Anwältin derjenigen, die angeblich nicht mehr sagen dürfen, was sie denken.

Wo haben wir das bloß schon einmal gehört?

„Die halbe Welt ins Bürgergeld eingeladen“

Besonders drastisch zeigt sich die Annäherung beim Thema Migration und Sozialstaat. Ausgerechnet bei NIUS erklärte Wagenknecht 2025: „Wir haben ja auch die halbe Welt eingeladen ins Bürgergeld.“

Das ist kein nüchterner Satz über Sozialpolitik. „Die halbe Welt“ ist eine bewusste Überzeichnung. Sie erzeugt ein Bild: Deutschland als Selbstbedienungsladen, in den Menschen aus aller Welt hineingebeten werden und anschließend vom deutschen Sozialstaat leben. Genau dieses Bild gehört seit Jahren zum kommunikativen Grundinventar der AfD.

Dass ausgerechnet NIUS daran Gefallen findet, überrascht deshalb wenig. Schon bei der Gründung des BSW präsentierte das Portal Wagenknechts Forderung, die „unkontrollierte Zuwanderung“ müsse gestoppt werden, ausgesprochen wohlwollend.

Natürlich darf und muss über die Grenzen der Aufnahme- und Integrationsfähigkeit Deutschlands gesprochen werden. Ich selbst halte es für einen Fehler, reale Überforderung in Kommunen, Schulen, Behörden und Teilen der Bevölkerung kleinzureden. Nur besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dieser notwendigen Debatte und der rhetorischen Konstruktion eines Landes, das angeblich „die halbe Welt“ in seine Sozialkassen eingeladen habe.

Wagenknecht kennt diesen Unterschied. Umso befremdlicher ist, dass sie ihn immer häufiger ignoriert.

Der „Mainstream“ ist wieder schuld

Noch deutlicher wird die Übereinstimmung bei einem anderen Lieblingsbegriff des rechten Medienmilieus: dem „Mainstream“.

Im Juni 2026 ging das BSW noch einen Schritt weiter. In einer Einladung an Alice Weidel stellte die Partei nach einem Bericht der ZEIT BSW und AfD gemeinsam als Opfer dieses „Mainstreams“ dar. Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bezeichnete das BSW sogar als „propagandistischen Staatsfunk“.

„Staatsfunk“ – ernsthaft?

Das ist keine sachliche Kritik an ARD und ZDF mehr. Es ist ein Kampfbegriff, der seit Jahren dazu dient, öffentlich-rechtlichen Journalismus nicht lediglich zu kritisieren, sondern grundsätzlich als politisch gesteuerte Propaganda zu delegitimieren.

Und wieder findet sich dasselbe Muster: Wir hier unten gegen die da oben. Bürger gegen Eliten. Freie Meinung gegen Mainstream. Wahrheit gegen Propaganda.

Das Absurde daran: Eine Frau, die seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Politikerinnen Deutschlands gehört, zahllose Talkshows besucht, Bücher in großen Verlagen veröffentlicht und von praktisch allen bedeutenden Medien interviewt wurde, inszeniert sich als Stimme außerhalb eines angeblich hermetisch abgeschlossenen Meinungskorridors.

Das muss man erst einmal fertigbringen.

Auch Russland verbindet die Erzählungen

Noch problematischer wird es beim russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Selbstverständlich darf man Waffenlieferungen kritisieren, Verhandlungen fordern und die deutsche Russlandpolitik grundsätzlich infrage stellen. Demokratie lebt gerade davon.

Aber auch hier fällt auf, wie ähnlich die Erzählungen geworden sind.

Wagenknecht behauptete jüngst, die Russland-Sanktionen würden „unsere Industrie zerstören“, während Friedrich Merz mit seiner Politik Deutschland in einen direkten Krieg mit Russland führen könne. Gleichzeitig fordert sie ein Ende der Sanktionen. AfD und BSW verlangen inzwischen beide wieder Energieimporte aus Russland; beide wollen über Nord Stream wieder russisches Gas beziehen.

Dabei sollte gerade Wagenknecht ein wenig vorsichtiger geworden sein. Noch vier Tage vor Putins Überfall auf die Ukraine erklärte sie, Russland habe „faktisch kein Interesse daran, in die Ukraine einzumarschieren“. Die Wirklichkeit widerlegte sie auf denkbar brutale Weise. Der ARD-Faktenfinder hat zudem mehrere Aussagen aus dem Umfeld des BSW dokumentiert, die mit russischen Propagandanarrativen übereinstimmten.

Irren darf man sich. Auch gewaltig. Aber wer sich derart fundamental geirrt hat, könnte wenigstens etwas vorsichtiger auftreten, bevor er erneut erklärt, wer angeblich den Frieden gefährdet.

Die Brandmauer wird zum Problem erklärt – nicht die AfD

Und nun ist Wagenknecht beim nächsten AfD-Narrativ angekommen: Nicht die zunehmende Radikalisierung der AfD sei das zentrale Problem, sondern ihre Ausgrenzung.

Die Brandmauer nennt sie einen „demokratischen Irrweg“. Ächtung und Ausgrenzung würden Radikalisierung fördern, Regierungsaussichten dagegen Anpassung. In Sachsen-Anhalt erklärte sie nach der Landtagswahl sogar ihre grundsätzliche Bereitschaft, mit der AfD gemeinsam politische Veränderungen durchzusetzen.

Damit verschiebt sich etwas Entscheidendes. Plötzlich muss sich nicht mehr die AfD dafür rechtfertigen, weshalb beträchtliche Teile ihrer Partei immer radikaler geworden sind. Stattdessen müssen sich ihre Gegner dafür rechtfertigen, weshalb sie mit dieser Partei nicht zusammenarbeiten wollen.

Ein bemerkenswerter Rollentausch.

Man kann dieselben Probleme sehen, ohne dieselben Geschichten zu erzählen

Das eigentlich Ärgerliche daran ist, dass einige Probleme, auf die Wagenknecht hinweist, tatsächlich existieren.

Deutschland hat Probleme mit Migration und Integration. Kommunen sind überfordert. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat Fehler und blinde Flecken. Die Corona-Politik verdient eine ernsthafte Aufarbeitung. Auch die Folgen der Sanktionen und die Milliardenhilfen für die Ukraine dürfen selbstverständlich diskutiert werden. Wer all das bestreitet oder jede Kritik daran vorschnell nach rechts sortiert, macht es AfD, NIUS und inzwischen eben auch Wagenknecht unnötig leicht.

Aber aus realen Problemen folgt nicht automatisch die Richtigkeit jener Erzählungen, die um sie herum gebaut werden.

Genau darin liegt für mich Wagenknechts politische Grenzüberschreitung. Sie kritisiert nicht mehr nur dieselben Missstände wie die AfD. Immer häufiger übernimmt sie deren Deutungsrahmen: der „Mainstream“, der die Wahrheit unterdrückt; der „Staatsfunk“, der Propaganda betreibt; die Migration, die den Sozialstaat ausplündert; die etablierten Parteien, die eigentlich für den Aufstieg der AfD verantwortlich seien; Russland, mit dem man nur wieder vernünftig reden müsse; und schließlich die Brandmauer, die angeblich gefährlicher sei als ihre schrittweise Beseitigung.

NIUS muss Wagenknecht dafür nicht einmal vereinnahmen. Das Portal kann sie inzwischen einfach interviewen und reden lassen.

Das Ergebnis passt erstaunlich oft von ganz allein.

Und vielleicht ist genau das die bitterste Pointe dieser Entwicklung: Sahra Wagenknecht wollte einmal die politische Linke aus ihrer vermeintlichen Selbstgerechtigkeit befreien. Inzwischen klingt sie streckenweise wie eine intellektuell geschliffenere Ausgabe jener rechten Gegenöffentlichkeit, die sie früher vermutlich selbst bekämpft hätte.

Man kann das „Vernunft“ nennen.

Man kann aber auch feststellen, dass die Grenzen verdammt durchlässig geworden sind.

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