Heute Morgen beim Frühstück, der Geruch von frischem Kaffee in der Nase, fragte ich mich (Spotify im Ohr), ob geschmackliche Aspekte tatsächlich so krass von nostalgischen überlagert werden können. In meinem Fall scheint es so.

Anfang der 1970er Jahre standen deutsche Schlager (Bernd Clüver z.B.) aber sowas von ganz unten auf meiner Beliebtheitsskala … Ich stand (stehe!) auf Led Zeppelin. Die Gitarren schrien, der Bass dröhnte im Magen, und wenn »Whole Lotta Love« lief, war das kein Lied, sondern ein Angriff auf die Zimmerwände. Das war keine Musik zum Mitsummen, das war Musik zum Aufdrehen – bis die Eltern klopften.
Meine damalige Freundin, mit der ich in diesem Jahr fünfzig Jahre verheiratet bin, und ihre Freundinnen waren abgestuft, aber doch überwiegend für »Whole Lotta Love« nicht zu haben. Trotzdem haben wir alle gemeinsam die Tanzfläche gefüllt. Und das über einige Jahre an jedem Mittwoch und jedem Wochenende. Natürlich auch bei deutschen Schlagern. Eng umschlungen ließen sie sich ertragen.
Schon in den 1980er Jahren hatte sich viel verändert. Die neue Deutsche Welle nahm Einfluss, ich war raus. Meine fünf Jahre jüngere Schwester, die, obwohl erst 15/16, von einem zum nächsten Konzert reiste, prägte in diesen Zeiten so etwas wie einen Leitsatz, den ich nie mehr vergessen habe: »Du bist ja völlig raus der Szene«. Das war die Antwort auf die falsche Antwort auf die Frage, was wohl dieser Tage in war.
So war das in meinem Fall. Nach all den Jahren bin ich längst bei Jazz und Klassik gelandet. Jazz kam früher, die Klassik folgte etwa in den 1990ern.
Die Diskussion über die »richtige« Musik wird bestimmt auch heute noch in der einen oder anderen Art geführt, obwohl sich der Wert von Musik nicht nur durch den zunehmenden Anteil von KI-generierten Stücken, sondern auch aufgrund der insgesamt seit Langem hohen Frequenz täglich neu erscheinender Titel stark verändert hat. Der Wert von Musik hat zu meinem Bedauern, ich empfinde es persönlich so, durch die extreme Verfügbarkeit (Musik in allen Räumen) verringert.
Und doch geht mir das Herz auf, wenn ich nicht schon völlig beliebig den ganzen Tag irgendwelche Playlists (eigene oder gefundene) gehört habe, sondern sie (erstmals am Tag) nur zu einer bestimmten Zeit einschalte. Plötzlich überkommt es mich und ich wähle für eine Weile Playlists mit Schlagern der 1970er Jahre aus. Dann singt Bernd Clüver ein Lied von einem kleinen Prinzen oder was von einem Jungen mit einer Mundharmonika. Was einst dazu führte, dass sich mir die Fußnägel hochrollten, weckt heute in mir nostalgische Gefühle, und plötzlich ist auch diese Musik schön.


Das deutsche Liedgut ist mit Udo Lindenberg seinerzeit bei den Teens und Twens angekommen, kein Vergleich mit der »neuen deutschen Welle«, mit der ich als Jugendlicher malträtiert war. Obwohl es einige gute Stücke gab, war das auch nicht meine Musik. BTW: Udo Lindenberg wird dieses Jahr achtzig, das hätte er selber wahrscheinlich am wenigsten erwartet. 😄
@Peter Lohren: Ja, Lindenberg hat viel für deutsches Liedgut getan. 🙂 Allerdings gabs schon Liedermacher vom Schlage eines Reinhard Mey. In den Mainstream hat dieses allerdings Lindenberg katapultiert. Katapultiert ist übertrieben. Aber es ist schon einiges in Bewegung gekommen. Ich bekomme Magengrimmen bei Rap und Techno. Beide waren nie meins und werden es auch nie werden. Dass es selbst in diesen Genres Ausnahmen gibt, versteht sich von selbst.
Ja, der Udo wird 80. Unglaublich.