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X ist relevant – und ekelhaft!

x plattform spaltung internationale perspektive
x plattform spaltung internationale perspektive

Für die einen ist X noch immer ein Fenster zur Welt. Für andere ist das längst zugeschlagen, verriegelt, verrußt von Hass, Häme und Dauerempörung. Für mich persönlich ist dieser Gegensatz kein Problem, ich konsumiere keine sozialen Netzwerke mehr. Flickr und YouTube ausgenommen. Erhalte ich aufgrund meiner Entscheidung später, weniger oder eingeschränkte Informationen?

Mein Rückzug liegt inzwischen einige Jahre, bei einigen wenigen (Facebook, Instagram) einige Monate zurück. Ich habe das Gefühl, die Entscheidung war richtig und hilft mir sogar dabei, die Informationsspreu vom Weizen zu trennen. Ich schreibe das, obwohl ich mir dessen bewusst bin, dass ich mich über die gleichen Themen (auch hier) empöre, die auch anderswo kritisch behandelt werden.

International betrachtet ist X keineswegs bedeutungslos. Politiker, Militärsprecher, Aktivisten, Journalisten – sie alle sind noch da. Regierungen reagieren auf Tweets. Märkte zucken. Narrative entstehen in Echtzeit. Wer globale Debatten verfolgt, kommt an X nicht vorbei. Ich brauche es nicht. Den angeblichen Vorteil schneller, relevanter Information macht das Gesamterscheinungsbild von Musks Hass-und-Lügen-Netzwerk zunichte.

Millionen User haben sich abgewandt. Wahrscheinlich lag der Grund auch in ihrer Erschöpfung. Kein Diskurs trägt, wenn jede Aussage sofort im Schlamm der Verachtung und Lüge versinkt. Weil Moderation zur Ideologie erklärt wurde. Weil Lautstärke als Freiheit missverstanden wird.

Die neue Ordnung unter Musk

Elon Musk hat X nicht nur gekauft, er hat es umgebaut. Radikal, bewusst, mit ideologischem Impuls. Weniger Regeln, mehr »free speech«, ein Begriff, der international sehr unterschiedlich gelesen wird. In den USA oft als Freiheitsversprechen, in Europa eher als Rückzug des Schutzes.

Die Folgen sind messbar. Studien zeigen, dass Hassrede und Desinformation zugenommen haben. Nicht überall gleich, aber deutlich genug, um Vertrauen zu zerstören. Wer früher diskutierte, blockiert heute. Wer argumentiert, verlässt den Raum.

Rechte Dominanz – Wahrnehmung oder Realität?

Ob die »rechte Blase« X dominiert, ist international betrachtet keine einfache Ja-Nein-Frage. In Lateinamerika wird X anders genutzt als in Europa. In Indien anders als in Deutschland. Und doch gibt es ein gemeinsames Muster: Polarisierung wird belohnt. Zuspitzung verstärkt. Empörung skaliert besser als Differenzierung.

Das ist kein Zufall, sondern Systemlogik. Wer schreit, wird gesehen. Wer hetzt, wird geteilt. Wer erklärt, geht unter.

Viele haben daraus ihre Konsequenz gezogen. Sie sind gegangen, nicht weil sie Diskussion scheuen, sondern weil sie Würde einfordern. Zurück bleibt ein Raum, der dadurch noch homogener wirkt. Ein Teufelskreis.

Relevanz ohne Vertrauen

X ist relevant, ja. Aber Relevanz ohne Vertrauen ist fragil. International wird die Plattform genutzt, beobachtet, instrumentalisiert. Geliebt wird sie kaum noch. Dafür fürchtet man sie. Oder ignoriert sie.

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: X ist kein öffentlicher Platz mehr. Und so stehen wir in einer merkwürdigen Gegenwart. Eine Plattform, die die ganze Welt erreicht, aber deshalb keineswegs verbindet. Ein globaler Marktplatz, auf dem Aufmerksamkeit gehandelt wird, nicht gemeinsam errungene Erkenntnis.

X ist nicht tot. Für mich ist es das jedoch schon seit Langem.

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