Zwischen Medikamenten und Skalpell: Was uns die Debatte um Hendryk Streeck auch verrät

Die Kritik an Hendryk Streeck lenkt den Blick auf eine Schieflage im Gesundheitssystem: Bei Medikamenten für Ältere wird laut skandalisiert, während teure Operationen selbstverständlich bleiben. Anhand der Geschichte einer Nachbarin stellt der Text grundsätzliche Fragen zur medizinischen Versorgung.

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Gegen Hendryk Streeck habe ich eigentlich nichts. Ich war während der Pandemie zwar keiner, der seine Ansichten teilte, aber dass die anderen der Weisheit letzten Schluss auch nicht kannten, ist inzwischen Gewissheit.

Nun steht er, was man in unserem Land leicht voraussehen konnte, wegen seiner Äußerungen über die Versorgung älterer Menschen mit Medikamenten in der Kritik.

Wenn man erst einmal selbst betroffen ist

Ich hatte davon erzählt, dass eine Nachbarin, sie ist in unserem Alter, sich bei einem Sturz auf dem Bahnhofsvorplatz am Kölner Hauptbahnhof (legendär) die Schulter gebrochen hat und sich nach eingehender Überlegung, gegen ärztlichen Rat, für eine »konventionelle« Behandlung entschieden hatte. Also KEINE Operation. Die Fortschritte sind bislang okay. Wir wünschen ihr, dass sich ihre Hoffnungen bewahrheiten und dies die richtige Entscheidung gewesen ist. Die weitere Behandlung wird es zeigen.

Dass es Länder gibt, in denen Operationen dieser Art (vorwiegend bei Knien und Hüften) in anderen Ländern viel seltener sind, hat diese Bevölkerung stillschweigend akzeptiert. Und das, obwohl selbst aus dem Bereich der Fachärzte genügend kritische Anmerkungen dazu gekommen sind.

Nun kann man sich doch fragen, warum bei Medikamenten so viel Aufstand gemacht wird, die vielen teureren Operationen in Deutschland jedoch gängige Praxis bleiben. Ich finde, auch das wirft kein gutes Licht auf unsere medizinische Versorgung. Wie so viele andere Dinge auch.

Kostenfrage

Die Kosten für Medikamente verschlingen einen großen Teil des Budgets. Neben den Patienten profitieren von der gängigen Praxis alle Menschen, unabhängig davon, ob sie reich oder arm sind. Bei OPs, würde ich allerdings annehmen, verdienen viele Ärzte. Also die, die sie ausführen, sowie die sie beschäftigenden Krankenhäuser so gut, dass man mit einer Reduktion von Medikamentenausgaben leben kann, nicht jedoch mit einer durch Druck erzeugten deutlichen Senkung der Zahl von Operationen. Kann man das so einfach sagen?

In anderen Ländern werden, soweit ich weiß, Brüche (beispielsweise durch Skifahren) häufiger konventionell behandelt. Man lässt sie, laienhaft gesagt, zusammenwachsen. Das scheint ja zu funktionieren. Aber in Deutschland läuft auch das etwas anders. Nur leider eben nicht besser.

Gebrochene Schulter

Für genau diesen Bruchtyp gibt es eine frische D-A-CH-Vergleichsstudie:

Deutschland operiert deutlich häufiger (Platten/Schrauben = Osteosynthesen) als Österreich und die Schweiz. Die Operations-Inzidenz1 für osteosynthetische Versorgung ist in Deutschland rund 1,7-mal höher als in Österreich oder der Schweiz. 




  1. Anzahl der Operationen pro Jahr pro definierter Bevölkerungsgröße
    ↩︎

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