Zwischen Sorbonne und Schweigen

Macron hat Europa strategisch neu vermessen, Deutschland hat weggesehen. Von Merkels Schweigen nach der Sorbonne-Rede bis zum heutigen Lavieren zeigt sich ein Muster: Berlin scheut Verantwortung, Paris denkt voraus. Die Rechnung zahlen wir jetzt.

Politik

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Inhalt

Die Beziehungen zwischen Berlin und Paris wirken derzeit wie ein altes Ehepaar, das sich noch gut kennt, aber kaum noch zuhört. Man ist höflich, routiniert, professionell. Und innerlich längst auf Distanz. Das ist kein Drama mit Paukenschlag, sondern ein schleichender Bedeutungsverlust – für beide, vor allem aber für Europa. Inwieweit der zu befürchtende und leider wahrscheinliche Wechsel zu extremen politischen Kräften (Le Pen oder Mélenchon) durch die Ignoranz der Deutschen mitverursacht wurde, vermag ich nicht zu sagen. Eine Stärkung Macrons war das Verhalten der deutschen Regierung definitiv nicht.

Emmanuel Macron hat früh begriffen, dass sich die Welt neu sortiert. Die USA unberechenbarer, China strategischer, Russland aggressiv. Europa, so seine Überzeugung, kann in diesem Konzert nur bestehen, wenn es lernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Militärisch, wirtschaftlich, politisch. Seine große Rede an der Sorbonne war 2017 genau das: ein Angebot, ein Entwurf, eine Einladung zur gemeinsamen Selbstbehauptung Europas.

Das deutsche Schweigen

Und was kam aus Berlin? Fast nichts. Angela Merkel ließ die Rede höflich würdigen, aber politisch versanden. Keine eigene Vision, kein Gegenvorschlag, kein ernsthafter Dialog auf Augenhöhe. Stattdessen Arbeitskreise, Prüfaufträge, das bekannte deutsche Mantra der »gründlichen Abstimmung«. Übersetzt hieß das: abwarten, aussitzen, verwalten.

Dieses Schweigen war keine Nebensächlichkeit. Es war eine bewusste Entscheidung. Deutschland wollte Macrons Europa nicht – aus Angst vor Kosten, vor Verantwortung, vor Machtverschiebungen innerhalb der EU. Lieber blieb man im Windschatten der USA und nannte das Stabilität.

Scholz und die Fortsetzung des Zauderns

Unter Olaf Scholz hat sich daran wenig geändert. Zwar spricht man heute häufiger von Zeitenwenden, doch das Denken bleibt erstaunlich kleinteilig. Der ausbleibende Dialog mit Paris war von der zurückhaltenden Art des Olaf Scholz beeinflusst, vorsichtig ausgedrückt. Strategische Autonomie wird rhetorisch beschworen, praktisch aber sofort relativiert. Immer mit dem Blick nach Washington, immer mit dem Hinweis auf Bündnistreue. Als sei Eigenständigkeit ein Verrat.

Macrons Geduld damit ist sichtbar geschrumpft. Seine Skepsis gegenüber einer EU, die sich sicherheitspolitisch vollständig an die USA bindet, ist keine antiamerikanische Pose. Sie ist nüchterne Analyse. Wer Europas Sicherheit allein an Wahlausgänge jenseits des Atlantiks knüpft, handelt fahrlässig.

Die deutsche Lebenslüge

Deutschland klammert sich an eine Lebenslüge: dass wirtschaftliche Stärke politische Führung ersetzt. Dass man sich schon irgendwie durchwurschteln kann, solange die Exportzahlen stimmen. Doch diese Rechnung geht nicht mehr auf. Die Welt wartet nicht, bis Berlin sich sortiert hat.

Das heutige Lavieren deutscher Politiker – zwischen Macron, Washington und neuen rechten Versuchungen – ist Ausdruck genau dieser Orientierungslosigkeit. Man will nichts verlieren, riskiert aber alles: Einfluss, Glaubwürdigkeit, Gestaltungsmacht.

Europas verpasster Moment

Macrons Vorschläge waren unbequem, ja. Sie hätten Entscheidungen verlangt, Investitionen, Mut. Deutschland hat sich diesem Moment entzogen. Nicht einmal widersprochen, sondern ignoriert. Das ist vielleicht der größte Vorwurf.

Heute, mit Trump-Drohkulissen, geopolitischen Erpressungen und einer EU, die wieder um ihre Rolle ringt, wirkt dieses Wegsehen wie politische Fahrlässigkeit. Paris denkt strategisch. Berlin reagiert. Immer noch.

Europa braucht beides: deutsche Stärke und französische Vision. Solange Berlin aber glaubt, sich vor klaren Positionen drücken zu können, wird Paris weiter allein vorangehen – und Europa weiter hinterherhinken.


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