Es klingelt und keiner steht vor der Tür

Klin­gel­männ­chen mit uner­freu­li­chem Ende für alle Beteiligten


| Aktualisiert: 10. Juli 2020   2 Kommentare 3 Min. Lesezeit

Ich bil­de mir ein, ein bra­ves Kind gewe­sen zu sein, schüch­tern und gut erzo­gen. Wahr­schein­lich sagen die meis­ten das oder etwas ähn­li­ches von sich. Beson­ders dann ver­mut­lich, wenn die Jugend schon etwas län­ger zurück­liegt. Bekannt­lich blei­ben mit zuneh­men­dem zeit­li­chen Abstand die posi­ti­ven Din­ge bes­ser in unse­rer Erin­ne­rung haf­ten als die schlechten. 

Einer­seits war es eine herr­li­che, behü­te­te und unbe­schwer­te Kind­heit, die mei­ner Schwes­ter und mir auf dem «Son­nen­hof» ver­gönnt war, ande­rer­seits war es manch­mal doch etwas ein­sam, weil die meis­ten unse­rer Freun­de in der Stadt leb­ten. Die lag lei­der eini­ge Kilo­me­ter von uns ent­fernt. Erst als wir etwas älter waren und unse­re Eltern es uns erlaub­ten, uns mit unse­ren Fahr­rä­dern zu bewe­gen, waren wir nicht mehr so stark auf unser häus­li­ches Umfeld fest­ge­legt. Ich schät­ze, wir waren 9 oder 10 Jah­re alt. 


Wenn ich mit mei­nen Freun­den unter­wegs war, gehört es zu unse­ren größ­ten Freu­den, «Klin­gel­männ­chen» zu spie­len. Kein Tag, der nicht sei­nen Aus­klang nahm, ohne irgend­wel­che «frem­den» Men­schen an die Tür zu locken. Ich glau­be, jeder wird wis­sen, was das Wort «Klin­gel­männ­chen» bedeu­tet. Unter dem Ein­trag bei Wiki­pe­dia fin­den sich dazu noch vie­le wei­te­re Begrif­fe. Das zeigt, wie popu­lär die­ser «Zeit­ver­treib» war und offen­bar auch noch heu­te ist. 

Schaut man sich aber die Ergeb­nis­se einer Goog­le-Suche an, so stellt man fest, dass vie­le Men­schen die­se Frei­zeit­be­tä­ti­gung aber nicht so sehr mögen. Im Mai die­ses Jah­res wur­de sogar auf «die Täter» geschos­sen. Ein 6jähriger Jun­ge wur­de von einer Luft­ge­wehr­ku­gel leicht verletzt.


Wir haben die­se Schelm­stü­cke (das Wort ist so alt, dass es nicht mal einen Wiki­pe­dia – Ein­trag gibt) auch gemacht und hat­ten mas­sig Spaß dabei. Natür­lich sind wir nicht ein­fach weg­ge­lau­fen und haben uns in unse­rer Fan­ta­sie die Reak­tio­nen unse­rer «Oper» vor­ge­stellt. Wir gin­gen plan­voll vor und haben uns auf die Lau­er gelegt, um die Bewoh­ner des Hau­ses bei ihrem Ver­är­gert­sein beob­ach­ten zu kön­nen. Der Reiz lag also auch ein biss­chen dar­in, viel­leicht ja doch erwischt zu werden… 

Einen unse­rer Leh­rer hat­ten wir dabei beson­ders auf dem Kie­ker. Mit ande­ren Wor­ten, er wur­de regel­mä­ßig von uns heim­ge­sucht. Sein Haus hat­te eine vor­teil­haf­te Lage, weil auf der gegen­über­lie­gen­den Stra­ßen­sei­te eine ziem­lich hohe dich­te Hecke den Stra­ßen­rand säum­te. Dahin­ter konn­ten wir uns pri­ma ver­ste­cken und waren in der Lage, die Wir­kung unse­rer Untat genau­es­tens zu verfolgen.

Bed­burg ist nur ein klei­nes Städt­chen. Als Urein­woh­ner kennt man natür­lich beson­ders geeig­ne­te Zie­le für sol­che Aktio­nen. Das ist heu­te nicht anders als früher ™. 


Krank

Trotz­dem war ich über­rascht, als ich heu­te davon las, dass ein paar Kids auf genau die­ser Stra­ße, auf der wir vor über 50 Jah­ren «aktiv waren», Klin­gel­männ­chen gespielt hat­ten und dabei – im Gegen­satz zu uns – böse auf­ge­fal­len sind. 

Ein alter (66jähriger) wei­ßer Mann ??‍?(also exakt so alt wie ich) fand die­ses Spiel doof und woll­te drei Kin­dern im Alter von 11 bis 13 Jah­ren eine Quit­tung für die­se uner­hör­te Stö­rung prä­sen­tie­ren. Grund­sätz­lich gehört eine Reak­ti­on Beklin­gel­ten unbe­dingt dazu, also zu den Spie­gel­re­geln von Klin­gel­männ­chen. Nichts ist doch lang­wei­li­ger, als wenn die Bewoh­ner nicht zu Hau­se sind oder den Bra­ten gero­chen haben und sich eben gar nicht erst zeigen. 

Der 66jährige Beklin­gel­te nahm mit einem Fahr­rad die Ver­fol­gung der flüch­ti­gen Jugend­li­chen auf und die Sache nahm einen von bei­den Sei­ten eher unge­plan­ten Ver­lauf, der dem Opfer die­ser jugend­li­chen Unge­zo­gen­heit schluss­end­lich ein Straf­ver­fah­ren ein­brin­gen könn­te. Einer der Jun­gen und der Mann wur­den leicht ver­letzt. ??‍♂️

Die drei Kin­der lie­fen ver­folgt vom Rad­fah­rer von der Goe­the­stra­ße in eine Stich­stra­ße und von dort auf die Les­sing­stra­ße. Dort setz­te der 66-Jäh­ri­ge zum Über­ho­len an, um die wei­te­re Flucht eines Zwölf­jäh­ri­gen zu unter­bin­den. Dabei fuhr er das Kind an, wel­ches sich leicht ver­letz­te. Der Rad­fah­rer selbst stürz­te in einen Vor­gar­ten und ver­letz­te sich eben­falls leicht. 

POL-REK: 191122 – 3: Kin­der­streich ende­te im War­te­zim­mer eines Arz­tes – Bed­burg | Pres­se­por­tal

Ich möch­te mir lie­ber nicht aus­ma­len, wel­ches Damo­kles – Schwert damals über mei­nen Freun­den und mir schweb­te. Was alles hät­te pas­sie­ren kön­nen?! Ein alter Mann auf­’m Fahr­rad, wut­schnau­bend, mit man­geln­der kör­per­li­cher Fit­ness und noch gerin­ge­rer Kör­per­be­herr­schung holt zum Gegen­schlag gegen nerv­tö­ten­de Klingelmännchen*fräuchen aus. 

Ob es heu­te eigent­lich tat­säch­lich mehr Leu­te als frü­her ™ gibt, die es nervt, wenn es gele­gent­lich mal bei ihnen klin­gelt und doch mal wie­der kei­ner vor der Tür steht…? Ein­sam­keit macht aggres­siv – oder so.

Viel­leicht hat das alles auch ganz ande­re Ursa­chen und es ist, wie ein befreun­de­ter Blog­ger ver­mu­tet. Ja, das Grund­was­ser ent­hält tat­säch­lich gefähr­li­che Sub­stan­zen, die uns alle nach und nach zu Spiel- und Spaß­ver­der­bern oder noch viel Schlim­me­rem machen. Ich per­sön­lich tip­pe natür­lich aufs Inter­net als Wur­zel allen Übels.

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Horst Schulte
Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 67 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo.

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2 Gedanken zu „Es klingelt und keiner steht vor der Tür“

  1. Schel­len­klop­pen hieß das bei uns. Haben wir, jaaa so war’s, schon recht oft gemacht. 🙂
    Erwischt hat uns aber nie jemand. Oder bes­ser: gese­hen beim Weg­ren­nen haben uns man­che Bewoh­ner schon, aber zu ver­fol­gen waren wir nie wirk­lich. Da gab es dann ein paar Beschimp­fun­gen vom Fens­ter aus.

    Das High­light war eines Abends, ziem­lich spät an einem Som­mer­abend, es war schon dun­kel, wir waren um die Häu­ser gezo­gen und haben geschwätzt und gelacht und hat­ten auch schon die eine oder ande­re Klin­gel gedrückt. Wir waren zu dritt oder viert, 14 oder 15 Jah­re jung. Es gab dort in der Sied­lung, wo wir wohn­ten, ein ziem­lich neu­es 18-stö­cki­ges Hoch­haus, ich glau­be, mit 4 Woh­nun­gen pro Eta­ge. Wir waren eigent­lich schon am Nach-Hau­se-Gehen, da sah einer von uns am Rand eines Müll­ton­nen­plat­zes ein ziem­lich gro­ßes Sperr­holz­brett ste­hen – wir wuss­ten sofort, was damit zu tun war.
    Zurück zum Hoch­haus, es deck­te fast das gan­ze gro­ße Klin­gel­brett ab, wir hiel­ten das Brett davor und drück­ten mal eben kurz zwei- oder drei­mal gleich­mä­ßig zu.
    Dann, Brett fal­len gelas­sen, und wir rann­ten, so schnell wir konn­ten. Ein paar Rufen­de haben wir gehört, aber wir waren schnell außer Reich­wei­te und ver­folgt hat uns nie­mand. Aber wir sind fast den gesam­ten Weg zu unse­ren Häu­sern zurück gerannt und haben uns dabei fast kaputt gelacht.

    Das war eins mei­ner Jugend-High­lights, was Strei­che angeht, ich werd’s nie vergessen… 🙂

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  2. Schel­len­klop­fen ist schön. Den Namen hat­te ich noch nicht gehört 🙂 Das mit dem Brett ist in die­ser Kon­stel­la­ti­on eine tol­le Idee gewe­sen. Ein Höchst­maß an Effi­zi­enz. Sowas wäre hier an man­chen Stel­len auch mög­lich gewe­sen. Wir haben wir aber eher auf Ein­fa­mi­li­en­häu­ser fest­ge­legt. Da war die Zahl der mög­li­chen Ver­fol­ger über­schau­ba­rer. ??‍♀️

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