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Engagement gegen den Antisemitismus in Deutschland

Wie reagiert die Gesellschaft auf den Antisemitismus und die zunehmenden Morddrohungen gegen Journalisten und Ehrenämtler?

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Immer wenn von Nazi-Deutschland die Rede ist, frage ich mich, ob dieser Verschleierungstrick nicht auch dazu beigetragen hat, dass der Antisemitismus bei uns wiedererstarkt. Sollte nicht besser «nur» von Deutschland die Rede sein, statt von Nazi-Deutschland?

So eine Konstruktion (Nazi-Deutschland) dient denen, die es mit der deutschen Erinnerungskultur nicht so haben oder sie bekämpfen. Sie bietet die Option, das Unvorstellbare in ein anderes Deutschland zu verorten. Wir waren DAS nicht!

Antisemitismus schien doch fast überwunden

Solche Gedanken mögen der Verzweiflung geschuldet sein, weil ich nicht verstehe, wie wir nach jahrzehntelanger trügerischer Ruhe wieder in Größenordnungen mit einem Phänomen des Unmenschlichen konfrontiert sind, das wir mit all unserer Erinnerungskultur und unzähligen guten und schlechten Reden, nicht hinter uns gelassen haben.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass jüdische Institutionen von der Polizei beschützt werden müssen. Wäre es anders, wenn wir uns nicht daran gewöhnt hätten? Wir hätten etwas unternehmen müssen gegen diejenigen, die jüdischen Kindern ins Gesicht spucken oder Menschen mit Kippa verbal und physisch angreifen. Es gibt so viele Beispiele. Und so viele von uns haben sich entsetzt. Und?

Antisemitismus
Auschwitz / Polen

Es wird in unseren Medien darüber berichtet, alle wissen davon und irgendwie habe ich das Gefühl, dass die meisten wegschauen. Vielleicht auch, weil sie es nicht wahrhaben wollen?

Jedenfalls wird es schlimmer. Natürlich auch deshalb, weil die AfD vor allem in den drei ostdeutschen Bundesländern die großen Wahlgewinner waren. Die Argumente der AfD-WählerInnen, erinnern mich an die Menschen, die die Entstehung des Dritten Reichs herbeigewählt haben. Alles, was nicht gut läuft in unserem Land wird vor allem denjenigen angelastet, die «nicht dazu gehören». Und wer nicht dazu gehört, bestimmt die Partei. Wenn es Menschen nicht gut geht, suchen sie Sündenböcke.

Welt-Autor Henryk M. Broder mokiert sich sinngemäß, weil linke Politiker davon sprechen, dass den Worten Taten gefolgt sind. Er sieht keinen Zusammenhang zwischen dem, was AfD-Leute an Hass verbreiten und den Gewalttaten, die geschehen sind. Weil, so Broder, umgekehrt dann ja auch gute Taten auf gute Worte folgen müssten. Dafür wird er von Rechts beklatscht. Für mich ist Broder ein alter Hetzer, dem es Freude macht, als Agent Provocateur durch die Medien zu tingeln und den fiesen Deutschen das letzte Stückchen Selbstwert zu stehlen. Er würde meinen Vorwurf wohl als Antisemitismus identifizieren.

Was also beispielsweise in Halle geschehen ist, soll nichts mit den Funktionen zu tun haben, die die AfD für alle Rechtsextremen im Land übernommen hat?

Klare Haltung gegen Antisemitismus

Für die AfD sind die Gegner leicht auszumachen: Regierung, Medien und die Muslime, Ausländer überhaupt.

Damals waren es die Juden, die den Volkszorn auf sich zogen. Dass der Antisemitismus eine deutsche Geschichte hatte, erleichterte den Nazis ihre Wahl. In der AfD sind zwar Antisemiten aktiv, aber die Partei ist nicht so dumm, sich von diesen zu distanzieren. Nur überzeugt mich das nicht!

Sie haben die Flüchtlingspolitik als Geschenk der etablierten Politik empfunden und hetzen seither gegen Flüchtlinge, vor allem aber gegen Muslime.

Jetzt, viele Jahrzehnte nach dem Holocaust, sind (zu) viele in Deutschland schon wieder dazu bereit, Menschen mit anderer Kultur und Herkunft auszugrenzen. Bei der großen Mehrheit der Deutschen trifft das auf Widerspruch. Dieser ist aber nicht laut und nicht stark genug.

Die Antifa ist wichtig

Diejenigen Antifaschisten, die sich nicht nur mit Worten gegen diesen Wahnsinn stellen, werden von Rechten erfolgreich diskreditiert. Dabei werden sie vom Staat unterstützt. Die Law and Order – Gemeinde, vermutlich die meisten BürgerInnen, mögen es nun einmal nicht, wenn was zu Bruch geht. Sie haben es gern ruhig.

Aber vielleicht ist genau diese Entschiedenheit und der Krawall nötig, um dem Rechtsruck im Land ein klares NEIN entgegenzusetzen? Ich plädiere hier nicht für Gewalt, die Antifa tut sich und der Sache mit ihren Aktionen keinen Gefallen. Aber das Gegeneinanderaufrechnen von linker und rechter Gewalt ist ein Ablenkungsmanöver.

Die pluralistische, freie Gesellschaft wird nicht von der Antifa, sondern von den Rechten aus dem Umfeld der AfD bedroht. Und dagegen gilt es zu kämpfen! Wenn die graue Masse wenigstens das begreifen würde.

Es gibt Journalisten, die eine kristallklare Haltung zur AfD und ihren WählerInnen einnehmen. Sie gehen soweit, dass sie jedes Gespräch, jeden Auftritt von AfD-Funktionären in Talkshows madig machen. Der ehemalige Spiegel-Autor, Hasnain Kazim, erklärte, weshalb er an einer Diskussion mit Thilo Sarrazin (vormals SPD) nicht teilnehmen will:

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Ich halte es gefühlsmäßig lieber mit Ex-Bundespräsident Gauck, der sich in Grenzen dafür einsetzt, den (kritischen) Dialog zwischen den Menschen nicht zu begrenzen oder zu unterbinden.

Aber ist nicht genau das nötig, um notwendige und klare Grenzen zu ziehen? Sollen wir mit Leuten diskutieren, die anhand ihrer Ansichten zu bestimmten Fragen doch längst klargemacht haben, wie sie denken und wie sie mit den Problemen umgehen werden, sollten sie dazu irgendwann tatsächlich in der Lage sein? («Wir werden sie jagen» u.s.w.)

Aber – ein Gesprächsfaden existiert nicht!

Vielleicht müssen die meisten von uns sich endlich mal klar entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, einen klaren Standpunkt einnehmen und schlussendlich auch für ihn streiten?

Wollen wir auf die zugehen, die doch nur vorgeben, für die vielen bestehenden Probleme Lösungen zu kennen? Ihre Lösungen bestehen doch nur darin, anderen für alles die Schuld zu geben, was falsch läuft!

Persönliche Erfahrungen

Ich habe in diesen Tagen einiges über deutschen Antisemitismus gelesen. Dieser Artikel von Dmitrij Kapitelman im Spiegel hat mich besonders angesprochen. Ich fürchte, solche Erfahrungen wie die, die Kapitelman in Leipzig machen musste, können auch anderswo in Deutschland gemacht werden. Auch wenn die Zahl Gleichdenkender noch nicht in diesen Prozentzahlen zu Buche schlägt. Mich beruhigt das nicht!

Wahrscheinlich kann nur derjenige, der das persönlich erfahren hat, solche Erfahrungen zu 100% nachvollziehen. Uns anderen bleibt nur das, was uns gegeben ist: unser Einfühlungsvermögen. Das aktiv zu halten ist schwer genug, weil unsere Ellenbogengesellschaft und die Überflutung mit schlechten Nachrichten eine negative Wirkung auf unser Interesse am Schicksal anderer Menschen zur Folge haben dürfte. Anders kann ich mir die Gleichgültigkeit im Land nicht erklären.

Es ist furchtbar, in einem Land mit dieser Geschichte zu leben, in dem trotz allem Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie wieder zunehmen. Ich als Jude, Flüchtling, Muslim oder Anderslebender lebe mit der bangen Ahnung, dass sich Geschichte doch wiederholen kann.

Kämpfen gegen den Antisemitismus und gegen den Rassismus!

Was sollten wir tun, um uns diese Sorgen zu nehmen?

Wir sind über den Punkt hinaus, mit denen, die den Faschisten hinterherrennen, zu reden.

Es könnte aber helfen, ihnen überall zu widersprechen (Privat, am Arbeitsplatz, in der Kneipe, auf der Straße und natürlich im Internet), sie nicht zu Wort kommen zu lassen, ihnen das Wort abzuschneiden, nicht gemeinsam mit ihnen auf einem Podium zu sitzen oder ihre Bücher zu lesen.

Es hilft, sich klarzumachen, was das Grundlegende ist. Was ist uns in unserem praktischen Leben so ein Satz wert, der ganz vorn im Grundgesetz steht? Wenn die Würde des Menschen unantastbar ist, gilt das für alle, die hier leben.

Und zwar nicht deshalb, weil Deutschland ein Hort für alle Beladenen sein soll, sondern weil es einfach richtig ist, Menschen davor zu beschützen, von anderen aus purem Hass willkürlich angegriffen zu werden.

Es wurde so viel über das Thema Antisemitismus und Rassismus geforscht. Trotzdem schaffen wir Menschen es immer noch, trotz all der Bücher und Filme darüber, trotz der Prävention an Schulen und trotz aller Reden, den Wahnsinn wieder aufflammen zu lassen.


Bild von Frank Meitzke auf Pixabay
Bild von larahcv auf Pixabay





Artikelautor Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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