Gesellschaft   ·  3 Min.

Das Ding mit dem Nationalismus – wie wirkt 1 fehlendes Bekenntnis zu unserem Land auf Migranten?

Wie halten wir es mit der Nation? Was empfinden wir, wenn wir über Deutschland reden? Werden Nationalismus oder Patriotismus mehrheitsfähig?



Der Begriff der Nation ist für Deutsche ein kritischer. Es gibt Linke, die „Deutschland verrecke“ skandieren und es gibt Rechte, die die Nation trotz unserer Vergangenheit immer noch für das Größte überhaupt halten.

Einstellungssache Nationalismus

Ich hege für beide Position keine allzu große Sympathie. Einerseits gibt meine Herkunft und meine Bildung es kaum her, mich als Kosmopolit auszugeben, andererseits ist mir die europäische Idee sehr wertvoll. Jedenfalls in der Theorie. Einerseits ist Nationalismus ein Begriff, den ich mit Aus- und Abgrenzung verbinde, andererseits ist Deutschland für mich ein wunderbares Land auf das wir stolz sein können. Vielleicht ist es übertrieben, wenn man davon spricht, sein Land zu lieben. Jedenfalls meinte das Gustav Heinemann. Ich sehe das weniger eng. Ich merke, dass da mehr ist als reines Heimatgefühl.

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„Report Mainz“

Jetzt zu meinem Punkt. Bei „Report Mainz“ habe ich einen aufschlussreichen wie erschreckenden Bericht über türkische Einwanderer der 3. und 4. Generation gesehen. Derzeit leben hier noch 1,4 Mio. Türken, 1999 waren es 2,1 Mio. Die Anzahl türkischstämmiger Menschen, also mit deutschem Pass, betrug in 2018 2,8 Mio., im Jahr 2006 waren es 2,6 Mio.

Die Antwort auf die Frage, wie gut sich Türken und türkischstämmige Menschen in unsere Gesellschaft integrieren, wird pauschal kaum beantwortet werden können. Eine so genannte repräsentative Studie des ZDF vom Ende 2018 ergab, dass zwei Drittel der Türken sich in Deutschland gut integriert fühlen. Fragt man Deutsche danach, wird nur 38% der Türken eine gute Integration bescheinigt. Die meisten der Befragten äußerten dazu keine Meinung. Ich erwähne diese Differenz, weil ich daraus schließe, wie klein das Interesse „der Deutschen“ an der Integration von Türken ist. Die Türken repräsentieren die mit Abstand größte Zahl von Migranten. Mehr als die Hälfte der 2,8 Mio. türkeistämmigen Menschen sind in Deutschland geboren.

Willig und fähig

Wie steht es um deren Integrationswillig- und fähigkeit? Obwohl die Chancengleichheit beim Thema Bildung nach wie vor nicht gegeben ist, liegt das größere Hemmnis für eine gelungene Integration in meinen Augen nicht an der Unwilligkeit türkischer Einwanderer, sondern an der Integrationsunwilligkeit unserer Gesellschaft! Ich hätte ebenso schreiben können, es läge an unserem fehlenden Interesse daran, Menschen aus einem so viel anderen Kulturkreis bei uns aufzunehmen.

Importierter Nationalismus

Tugrul Selmanoglu
Screenshot

Es geht nur darum, dass wir täglich Gewalt erleben, dass wir tagtäglich Hass erleben. Der Staat tut nix, um uns zu beschützen – leider. Dann müssen wir natürlich zur Vorsicht mahnen.

Blogger Tugrul Selmanoglu

Wie macht er das? Er haut solche Sprüche raus:

Hetze gegen Deutsche
Screenshot

Wir erleben, wie insbesondere die türkische Community unter sich bleibt. Ganze Stadtviertel und Straßenzüge sind in türkischer Hand. Manche sagen, sie wurden von Türken übernommen. Diese Eigenart gibt es aber nicht nur in Deutschland. Auch im (früheren) Einwanderungsland No. 1, den USA, kennen wir solche Viertel. Und doch scheint die Integration dort so viel besser zu funktionieren. Natürlich bezieht sich das auch auf Menschen aus muslimischen Ländern.

Sprechen und Denken

Als wenig weltläufiger Mensch kann ich es nicht aus eigenem Erleben beurteilen. Aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass auch in anderen Ländern innerhalb der Communites die Sprache „der Heimat“ gepflegt und gesprochen wird.

Wenn also in dem erwähnten „Report Mainz“ – Beitrag kritisiert wird, dass die Spieler türkischer Mannschaften, die in ihrer Liga gegen deutsche Teams spielen, „ausschließlich“ in türkischer Sprache miteinander reden, würde so etwas – jedenfalls nach meiner Theorie – auch in anderen Ländern der Fall sein. Eine andere Frage ist allerdings, weshalb es überhaupt so viele türkische Fußballclubs in Deutschland gibt? Warum gehen die fußballverrückten Türken nicht in deutsche Clubs? Der Sport wäre (nimmt man die Erfahrungen Özils einmal aus) doch ein prädestinierter Ort, um Integration zu fördern.

Es gibt Blogs, in den denen allen Ernstes gefragt wird, ob im türkischen Fußball eine besondere Gewaltbereitschaft kulturell angelegt sei? Wenn ich mir die Spiele unserer deutschen Ligen anschaue, kann ich mir ein verzerrtes Lächeln nicht verkneifen. In welchem Land überlegen die Behörden, die Kosten für die allwöchentlichen Polizeieinsätzen gegen Hooligan – Gewalt auf die Liga-Vereine abwälzen können? Unabhängig davon, gibt es positive Beispiele, die nicht übersehen werden sollten.

Interesselos

Abgesehen davon, dass viele Deutsche wenig Interesse an ihren türkischen Nachbarn und Arbeitskollegen zeigen, hält es sie nicht davon ab, ihrerseits aber von Migranten ein klares Bekenntnis zu Deutschland einzufordern.

Ob diese ihr eigenes Verhältnis zur Nation geklärt haben? Oder ist so ein Gedanke nur einer, der von Konservativen aufgenommen wird und der dieser modernen Gesellschaft keinen Platz mehr hat? Dass Erdogan hier viele Anhänger vor allem auch bei jungen Türken gewonnen hat, finde ich beunruhigend. Und wie sich manche der türkischstämmigen Deutschen im „Report – Mainz“ – Beitrag äußern, ist mehr als unsympathisch. Damit können manche Deutsche sicher viel anfangen.

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

2 Gedanken zu „Das Ding mit dem Nationalismus – wie wirkt 1 fehlendes Bekenntnis zu unserem Land auf Migranten?“

  1. Das Einwanderer eigene Viertel bilden ist glaube ich ein ganz normaler Vorgang. Aus persönlichem Erleben kenne ich das jetzt nur aus England, aber ich denke mal in den USA ist es genauso. Ich halte es auch für normal, dass die Heimat der Eltern oder Großeltern auch immer ein Teil der neuen, hier geborenen Generation ist. Das Problem ist in erster Linie aber, dass es eben nur ein Teil sein sollte, der andere Teil kommt von dem Land in dem man lebt oder schon geboren wurde. Das gestörte Verhältnis der Deutschen zur Nation verhindert aber, das wir ihnen überhaupt ein Angebot machen. In was für eine Kultur sollen sie sich denn einleben, wenn man ihnen mit einem Multikulti eine Beliebigkeitskultur vorlebt. Mag sein, das viele Deutsche damit leben können, aber vielleicht liegt das nur daran, dass ihnen auch kein Angebot vorliegt. Die Türken haben das, sie können sich dann eben ganz auf ihre türkische Identität zurückziehen.

    Nation ist in Deutschland ein vergifteter Begriff. Nationalisten sind Idioten, und wahrscheinlich sind die meisten, die sich Patrioten nennen, eigentlich Nationalisten. Aber Nation bedeutet eben auch Gemeinschaft, Sicherheit, für einander einstehen. Ich glaube, dass die Zerissenheit in diesem Land auch darauf zurückzuführen ist, dass der einigende Charakter der Nation fehlt. Du kannst reich oder arm sein, Arbeiter oder Akademiker, Mann oder Frau, aber du bist dennoch Teil eines Ganzen. Das dabei immer eine latente Gefahr mitschwingt, keine Frage, aber ist das nicht meist der Fall. Und ist der Jetztzustand wirklich besser? Der von vielen in der türkischen Community zur Schau getragene Nationalismus ist eine Katastrophe, aber er überrascht mich nicht. Ich finde ihn sogar folgerichtig, und er hat nichts mit einer besonderen türkischen Mentalität zu tun. Und auch nur begrenzt mit der Benachteiligung, die türkischstämmige Menschen in unserem Bildungs- und Arbeitssystem täglich erleiden. Das ist lediglich ein verstärkender Faktor.

    Europa ist dabei eher ein schwammiger Idenitätsbegriff, auf den sich viele Deutsche gerade in Ermangelung eines Angebots stürzen. Das Bedürfnis zu einer Gemeinschaft zu gehören, verschwindet ja nicht, nur weil man nicht deutsch sein soll. Natürlich gibt es ein gemeinsames europäisches Dach, es gibt viele Aspekte, die alle Europäer teilen. Aber wenn in 30 Ländern die Menschen Franzosen und Europäer, Spanier und Europäer, Iren und Europäer usw. usf. sind, aber die Deutschen nur Europäer sein wollen, hat der Deutsche einen vollkommen anderen Europabegriff. Ironischerweise halte ich den deutschen Europabegriff dann für besonders totalitär, weil er darauf abzielt den Franzosen Frankreich, den Spaniern Spanien oder den Iren Irland madig zu machen. Dass das so nicht funktioniert, zeigt nicht nur eine Marine Le Pen, die sich gerade wieder anschickt französische Präsidentin zu werden und erneut Chancen dazu hat, das auch zu werden.

  2. Es mag schon so sein, dass die gespaltene Einstellung zur Nation den Integrationsprozess nicht befördert, sondern erschwert. Aber ich spüre, wie ablehnend viele Deutsche insbesondere gegenüber Türken aber auch anderen Migranten aus muslimischen Ländern sind. Diese Ablehnung oder Interessenlosigkeit könnte ihren Ursprung auch darin haben, dass die Migranten es schwerer haben, sich in eine westliche Kultur zu integrieren. Vielleicht das alles mehr damit zu tun, als der Aufnahmebereitschaft der Mehrheitsgesellschaft auf der einen Seite oder der Integrationsbereitschaft auf der anderen Seite? Dafür wäre es nötig, Vergleiche mit anderen Ländern anzustellen. In Frankreich (7,5%) klappt die Integration von Muslimen nur bedingt, obwohl dort viel mehr Erfahrung existiert, in Neuseeland gab es bis Christchurch keine Probleme. Die Gewalt ging von einem rechten Idioten aus. Dort gibt es ansonsten wohl deshalb keine Probleme, weil die dortige Community ziemlich klein (1,2%) ist. Bei uns beträgt der Anteil 5,8%, in anderen europäischen Ländern liegt der Anteil ebenfalls bei knapp unter 6%.

    Insbesondere die Türken fallen mit einem Nationalismus auf, der von den meisten Deutschen kaum nachvollzogen werden kann. Hinzu kommt eine scheinbar größere Gewaltbereitschaft und ein martialisches Gehabe, das wiederum mit einem übersteigerten Nationalismus erklärt werden könnte. Die fehlenden Kontakte zwischen den Communities (Beispiel der Hochzeit im „Report Mainz“ – Betrag) spielen bestimmt eine Rolle, wenn auf die Spannungen schaut. Die Medien heizen diese ohnehin nicht gute Lage mit Berichten an, in denen sich Deutschtürken abfällig über Deutsche äußern. Inwieweit solche Sichtweisen von einer Mehrheit der Deutschtürken geteilt werden, bleibt offen. Aber die unverschämten und beleidigenden Aussagen erzeugen Wirkungstreffer. Jedenfalls bei mir.

    Ich befürchte, dass Marine Le Pen die nächsten Präsidentschaftswahlen gewinnen wird. Dann besteht die Chance darauf, dass Frankreich wie Großbritannien die EU verlässt. Le Pens Partei gibt sich zwar etwas gemäßigter als früher, aber sie bleibt eine rechtsradikale Partei mit stark nationalistischem Einschlag.

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