Robert Habecks Abschied aus der Politik hat eine Welle von Kommentaren ausgelöst, wie sie in Deutschland nur allzu vertraut geworden ist: Häme ersetzt Argument, Spott tarnt sich als Analyse. Wer genauer hinschaut, erkennt weniger journalistische Tiefenschärfe als den Reflex, noch einmal nachzutreten.
Broder als Stichwortgeber der Häme
Da sitzt Henrik M. Broder im Studio und kommentiert Habecks Rückzug – und die Sätze tropfen vor Verachtung.
„Ja, also der ehemalige Wirtschaftsminister verlässt den Bundestag. Unter Absingen schmutziger Lieder sind diese Misstöne eines ehemaligen Kanzlerkandidaten würdig, der ja immerhin mal die Mitte der Gesellschaft einen wollte.“
Broder
Man kann das originell finden. Man kann es aber auch schlicht als billige Pose deuten: Spott ohne Substanz. Habeck hat, ob man seine Politik mochte oder nicht, Verantwortung getragen. Ihn auf „schmutzige Lieder“ zu reduzieren, sagt mehr über den Spötter als über den Politiker.
Der „leere Joghurtbecher“
Auch Franz Josef Wagner (Bild) kann sich nicht verkneifen, in die gleiche Kerbe zu schlagen:
„Lieber Robert Habeck … Der Joghurtbecher ist leer.“
— Bild.de
Man möchte zurückrufen: Nein, leer ist nicht der Politiker, leer ist so ein Satz. Wagner eben. Flach, unwürdig.
„Wählertäuschung“ und „schlechter Verlierer“
Die Welt versammelt Stimmen aus der Politik, die sich in der Entwertung überbieten:
„Wählertäuschung“, „schlechter Verlierer“ – heftige Reaktionen auf Habecks Abgang.
— Welt.de
Doch wo bleibt hier die Fairness? Wer Habeck politisch kritisieren will, soll das tun – an seinen Entscheidungen, an seinem Kurs. Aber ihn pauschal zum „schlechten Verlierer“ zu stempeln, ersetzt Debatte durch Schlagwort. So typisch für Grünen-Hasser, dass ich diesen Hetzern am liebsten (Sorry!) vor die Füße kotzen möchte. Dabei war und bin ich nie Grünen-Wähler gewesen.
Der Spott der Leser
Focus Online wiederum erhebt den Kommentarbereich zur Bühne der Verachtung:
„Danke für nichts. Er hat genug Schaden angerichtet.“
„Als bislang schlechtester Wirtschaftsminister…“
— Focus.de
Lesermeinungen als Pranger – auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Respektlosigkeit wird zur Währung, Häme zur Unterhaltung.
Mythologische Überhöhung im Spiegel
Selbst der Spiegel kann sich nicht enthalten, Habeck ironisch zu überhöhen:
„Odysseus, Zeus, Habeck.“
Ein hübsches Wortspiel, sicher. Aber unter dem Lächeln liegt wieder das Gleiche: Der Rückzug wird zum Theaterstück, das Publikum darf lachen, statt nachzudenken.
Serraos „Gernegroß“
Und schließlich Marc Felix Serrao (deutscher Schreib-Söldner in Diensten der NZZ):
„Ein Irrtum namens Robert Habeck: Der Gernegroß der deutschen Politik tritt ab.“
— NZZ
Das ist ein Urteil mit dem Holzhammer. „Gernegroß“ – das klingt, als sei alles an Habecks Weg nur Täuschung gewesen. Doch wer sich mit Politik befasst, weiß: Auch Irrtümer sind Teil des Prozesses. Aber sie so pauschal als Lebenswerk zu etikettieren, entwertet die Mühen eines ganzen politischen Kapitels.
Dass Ulf Poschardt (Herausgeber der Welt) im Nachhinein ein eher gemäßigtes Urteil zu Habecks Abgang fand und darüber hinaus versprach, nun kein einziges Mal mehr über ihn zu reden, hat in diesem Zusammenhang schon fast etwas Tröstliches.
Stammtischtiefflieger versus Robert Habeck – Jenseits des täglichen Wahnsinns
Schlussgedanke
Natürlich darf man Habecks Bilanz kritisieren. Man darf seine Fehler benennen, seine Schwächen aufzeigen. Aber wer seine politische Karriere ausschließlich mit Spott beendet, macht es sich zu einfach.
Politik braucht Streit, aber sie braucht auch Respekt. Und der Abgang eines Ministers – ob man ihn mochte oder nicht – ist nicht der Moment für schmutzige Lieder, leere Becher oder mythologische Witze. Es ist der Moment, Bilanz zu ziehen. Und ja: dazu gehört mehr als Häme.
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