Inhalt
Nach dem Kanzler kam das Volk. Montag stellte die ARD erneut die Frage, ob »Kommunikationsexperimente« wie »Die 100 – was Deutschland bewegt« ihrem demokratischen Anspruch gerecht werden, lässt sich nur mit einem »eher nein« beantworten. Könnte eine Sendung weiter davon entfernt sein, einen Beitrag zur Debattenkultur zu leisten? Einer meiner Leser stellt das Format mit knappen, harschen Worten infrage. Seine Kommentare zur Position und Bewertung unserer Mainstream-Medien brachte mich auf die Idee für diesen Artikel. Sicher, reden kann nicht schaden. Aber das Niveau sollte nicht unter der Grasnarbe zu finden sein.

Anspruch vs. Inszenierung
Offiziell will das Format Bürgerinnen und Bürger mit unterschiedlichen Perspektiven ins Gespräch bringen, Fakten liefern und eine faire Pro- und Contra-Abwägung ermöglichen – so beschreibt es der NDR selbst in seiner Programminformation zu »Die 100 – was Deutschland bewegt mit Ingo Zamperoni«. In der konkreten Umsetzung dominiert jedoch die Eventdramaturgie: Straffe Regie, emotionale Einspieler, Applausregie und klar erkennbare Spannungsbögen erzeugen eher den Charakter einer Show als den eines offenen Deliberationsraums – eine Einschätzung, die etwa auch eine Kritik bei Cicero aus dem Vorjahr nahelegt. Ich habe den Eindruck, die meisten Medien haben sich zur Sendung überhaupt nicht mehr äußern wollen. Die Frage steht im Raum: Wo hat sich der Anspruch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens u.a. im Hinblick auf den Informationsauftrag verflüchtigt?
Die Inszenierung von »Die 100« folgt damit weniger den Logiken einer politischen Debatte als denen eines Unterhaltungsformats, das zwingend auf pointierte Wendungen, eindeutige Bilder und einen »Aha-Moment« am Ende zusteuert. Aus Sicht von Demokratietheorie und politischer Bildung ist aber gerade das Aushalten von Unentschiedenheit, Ambivalenz und konflikthaften Ergebnissen zentral – genau das, was in einem quotengetriebenen Showsetting kaum Platz hat.
Framing statt offener Suche
Medienkritische Beiträge weisen darauf hin, dass Themenwahl, Fragestellung und Besetzung der »100« erkennbar nicht neutral sind, sondern bestimmte Deutungsrahmen (Frames) stärken – etwa wenn eine Sendung faktisch zu einer Anti-AfD-Argumentationsschau gerät, auch wenn sie formal als offene Diskussion etikettiert wird; eine entsprechende Stoßrichtung kritisiert unter anderem die Focus-TV-Kolumne zu »Die 100 – Was Deutschland bewegt« . Schon scheinbar kleine Entscheidungen – welche Grafik, welches Beispiel, welche Wortwahl – legen nahe, welche Position als »vernünftig« und welche als »extrem« wahrgenommen werden soll.
Berichte über tendenziöse Fragestellungen oder den Einsatz von Typisierungen unter den Teilnehmenden verstärken den Eindruck einer subtil gelenkten Meinungsproduktion, selbst wenn am Ende tatsächlich abgestimmt wird; kritische Analysen sprechen hier von einem experimentellen Agenda-Setting, das eher auf Ergebnissteuerung als auf ergebnisoffene Suche angelegt ist. In dem Moment, in dem das Publikum das Setting als »pädagogisch gelenkt« erkennt, kippt das gewünschte Lernexperiment in ein Misstrauensexperiment.
Vertrauensverlust und Polarisierung
Formate wie »Die 100« entstehen vor dem Hintergrund massiven Vertrauensverlusts in etablierte Medien – sie sollen Nähe, Beteiligung und Transparenz herstellen. Wenn aber der Eindruck entsteht, hier werde in Studioatmosphäre ein »richtiges« Weltbild eintrainiert, während kritische oder oppositionelle Positionen vor allem als Folie zur moralischen Selbstvergewisserung dienen, verstärkt dies bei skeptischen Milieus genau den Verdacht einseitiger »Staatsnarrative«.
Dass Ausschnitte aus »Die 100« in Social-Media-Videos und alternativen Informationskanälen zirkulieren, um »Framing« oder »Propaganda« zu belegen, zeigt, wie stark solche Experimente als Polarisierungsbeschleuniger funktionieren können. Anstatt Vertrauen in das System zu stärken, liefern sie beständigen Stoff für Gegenöffentlichkeiten, die die Inszenierung als »entlarvendes« Material gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einsetzen.
Was ein sinnvolles Format bräuchte
Aus der Perspektive der deliberativer Demokratietheorie wären andere Kriterien wichtig, wenn es wirklich um Kommunikations- und Demokratieexperimente ginge: transparente Auswahl der Teilnehmenden, klare Trennung von Information und Kommentar, sichtbare Ergebnisoffenheit, die Möglichkeit, dass eine Debatte »ohne Auflösung« endet, und ein Modus, der eher auf Wiederholung und Prozess als auf einmalige Eventspitzen setzt. Das verträgt sich schlecht mit der Logik einer Prime-Time-Show, in der jedes Thema in 90 Minuten mit eindeutiger Pointe zu einem konsumierbaren TV-Produkt geformt werden muss – wie es die Kritik bei Cicero und anderen Medien explizit hervorhebt.
Solange Reichweite, Markenprofilierung und »Didaktik mit eingebauter Pointe« im Vordergrund stehen, wird ein Format wie »Die 100« deshalb eher als kontrolliertes Stimmungsmanagement wahrgenommen – und damit dem eigenen Anspruch, Demokratie durch Kommunikation zu stärken, nicht gerecht. In dieser Spannung zwischen Bildungsauftrag und Showlogik liegt der Kern des Problems: Das Experiment demonstriert vor allem, wie schwer es dem öffentlich-rechtlichen System fällt, tatsächliche Offenheit zuzulassen, wenn gleichzeitig Quoten und politische Erwartungen bedient werden sollen.


Politik als Karnevalsschau. Leider ohne Pointen. Dafür mit mit Schlagertechno.
Man stellt sich unwillkürlich immer diesen Tusch vor: Tätä-täta-tätä!
Gibt es da eigentlich einen Merch Shop? So mit aufblasbarem Merz und so?
Das war wohl das, wovor Mielke seine Genossen kurz vor dem Ende der DDR noch gewarnt hat.
@juri nello: Ja, die Kommunisten haben ihre Fehler nie gesehen, immer nur die der anderen.