Digitale Demenz und die Krise der Aufmerksamkeit

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In einer Welt, die von Krisen und Kriegen überflutet wird, erscheint die KI als ambivalenter Rettungsanker. Doch während wir das Denken delegieren, verlieren wir die fundamentale Bindung zur Realität und zueinander. Eine kritische Reflexion über die Folgen unserer digitalen Verwahrlosung.

digitale verwahrlosung gesellschaft krisen
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Inhalt

Es ist von einer fast schmerzhaften Tragik, dass ausgerechnet in jener Epoche, in der die Menschheit von einer beispiellosen Kaskade globaler Krisen erschüttert wird, die Künstliche Intelligenz ihren Siegeszug antritt. Wir blicken auf eine Weltkarte, die vor Brandherden kaum noch zu erkennen ist: Kriege, wirtschaftliche Instabilität, die schleichende Erosion demokratischer Werte durch aufkeimenden Faschismus, dazu Rassismus, Misogynie und eine Inflation, die den Alltag vieler zur reinen Überlebensübung degradiert. Wer angesichts dieser Ballung an Hiobsbotschaften nicht von einer tiefen Überforderung ergriffen wird, mag entweder über eine beneidenswerte stoische Ruhe verfügen oder schlicht die Tragweite der Ereignisse ignorieren. Doch genau hier schaltet sich die KI ein – als vermeintliches Allheilmittel, das uns das abnimmt, was uns in diesen Zeiten am schwersten fällt: das eigene Nachdenken.

Die Delegation des Geistes

Wir erleben momentan eine schleichende Kapitulation des Intellekts. Das Narrativ der Stunde lautet, dass wir komplexe Probleme einfach an Algorithmen delegieren können. Während wir uns in theoretischen Diskursen über die Effizienz von Sprachmodellen verlieren, offenbart sich an der Basis unserer Gesellschaft eine ganz andere, beunruhigende Realität. Ein Bildungsfunktionär berichtete unlängst davon, dass Kinder heute mit Defiziten in die Schule kommen, die früher undenkbar gewesen wären. Das Binden von Schnürsenkeln oder der selbstständige Gang zur Toilette werden zur Herausforderung. Die Ursache? Ein Blick in den Alltag genügt. Man beobachte Mütter und Väter beim Spaziergang mit ihren Sprösslingen: Die Augen sind nicht auf das Kind gerichtet, sondern fest auf das Display in der Hand fixiert. Das darf nicht als Verallgemeinerung verstanden werden, auch wenn es so klingt. Sicher teilen viele diese Beobachtungen. Dass Frau Reichnik (LINKE) und Frau Carmen Wegge (SPD) einem Nutzungsverbot von sozialen Medien für Jugendliche widersprechen, überrascht mich nicht. Schließlich kam dieser Vorschlag von anderen. Dass er in Australien erfolgreich umgesetzt wurde – soweit ich mitbekommen habe –, ficht die Damen nicht an. Sie argumentieren, dass die jungen Leute einen Weg fänden, solche Verbote zu umgehen. Ach so.

Das Echo der Leere

Diese Form der emotionalen und kognitiven Verwahrlosung hat Konsequenzen, die wir heute erst in Ansätzen begreifen. Wir bewegen uns in einer »schönen neuen Welt«, in der die technologische Brillanz die menschliche Interaktion zusehends ersetzt. Wenn schon der Blickkontakt zwischen Eltern und Kind der digitalen Zerstreuung zum Opfer fällt, wie wollen wir dann als Gesellschaft die Empathie und Resilienz aufbringen, um den großen Krisen unserer Zeit zu begegnen? Die Verantwortung im Umgang mit diesen Werkzeugen ist ungleich verteilt, und die Langzeitfolgen dieser Entwicklung sind kaum absehbar.

Die Illusion der besseren Antwort

Man könnte nun die KI selbst befragen, wie wir aus diesem Labyrinth der Entfremdung und Überforderung wieder herausfinden. Doch die Wahrheit ist vermutlich ernüchternd: Die Maschine wird uns keine Lösungen präsentieren, die wir nicht längst selbst kennen könnten, wenn wir nur den Mut zum eigenständigen Denken aufbrächten. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass keine Technologie uns die Verantwortung für unser Menschsein und unsere Verbindung zur Welt abnehmen kann. Wir müssen wieder lernen, hinzusehen – weg vom Bildschirm, hin zum Gegenüber.

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2 Gedanken zu „Digitale Demenz und die Krise der Aufmerksamkeit“

  1. Das Problem sehe ich nicht in der Zunahme der Digitalisierung, sondern in der beschriebenen Anteilslosigkeit aufgrund exzessiver Handynutzung durch die Eltern. Wie soll denn ein Kind begreifen, dass TikTok, Instagram und co nicht die Welt ist, in der das Lebe stattfindet? Erziehung ist in erster Linie Vorleben und in zweiter Konsequenz. Beides scheint mir heute nicht mehr allzu häufig vorzukommen in der Welt junger Eltern. Die Lösung ist einfach – wie du im letzten Satz ja selber schreibst – Back to the Roots. Ich kann mich schwach an die Abendessen in meiner Kindheit zu Haus erinnern; jedenfalls an den Aufruf: »Leg endlich das Heftchen aus der Hand.« Die Konsequenz bei Nichtbeachtung war, dass es ohne Abendessen ins Bett ging. Meiner Meinung nach sind nicht Verbote, sondern Erkenntnis die Voraussetzung für eine vernünftige Nutzung der digitalen Medien.

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