Das ist eine wirklich lohnende Stunde, die zeigt, wie selbst gestandene Journalisten angesichts der momentanen Weltlage sich als ratlos outen. Journalisten im Podcast: Ulf Röller, Elmar Theveßen und Katrin Eigendorf. Wir sind also nicht allein!
Es ist ein seltener Moment, wenn Journalisten nicht nur über Krisen sprechen, sondern über sich selbst. Nicht eitel, nicht klagend, sondern tastend. Fast vorsichtig. In diesem Podcast geschieht genau das: Drei Menschen, die ihr Berufsleben damit verbracht haben, Welt zu ordnen, benennen offen, dass ihnen diese Ordnung entgleitet.
Das ist mehr als eine Randnotiz. Es ist ein Symptom unserer Zeit.
Wenn Analyse an Grenzen stößt
Die Sätze sind unscheinbar, aber sie tragen Gewicht. »Es überfordert mich.« »Ich misstraue meinem eigenen Urteil.« »Die Mechanismen funktionieren nicht mehr.« Das sind keine hilflosen Ausrufe, sondern nüchterne Feststellungen. Menschen, die gelernt haben, Distanz zu wahren, geben zu, dass Distanz allein nicht mehr trägt.
Was hier bricht, ist nicht Kompetenz, sondern Gewissheit. Jahrzehntelang konnte man politische Prozesse erklären, Konflikte einordnen, Eskalationen vorausahnen. Heute wirkt vieles wie ein permanenter Regelbruch: moralisch, politisch, institutionell. Wer das benennt, wirkt plötzlich unsicher. Wer es nicht tut, unglaubwürdig.
Die Angst vor dem falschen Ton
Besonders bemerkenswert ist die journalistische Selbstreflexion. Da ist die Sorge, durch Berichterstattung selbst Teil des Problems zu werden. Hoffnungslosigkeit zu befördern. Zynismus salonfähig zu machen. Oder schlimmer noch: autoritäre Sehnsüchte zu normalisieren, weil das Chaos zu groß erscheint.
Diese Angst ist berechtigt. Geschichte zeigt, wie schnell Verunsicherung in den Wunsch nach dem starken Mann kippen kann. Wenn Eliten moralisch versagen, wächst nicht automatisch der Ruf nach mehr Demokratie. Oft wächst der nach weniger.
Verunsicherung als Haltung
Und doch liegt gerade hier eine Stärke. Wer Zweifel offenlegt, verweigert die Illusion von Allwissenheit. Wer sagt, »ich weiß es nicht mehr sicher«, öffnet einen Raum für gemeinsames Nachdenken. Das ist kein Rückzug, sondern eine Form von Redlichkeit.
Vielleicht ist das die neue journalistische Haltung: weniger Orakel, mehr Begleiter. Weniger große Erzählung, mehr sorgfältiges Stückwerk. Orientierung nicht als fertige Antwort, sondern als Prozess.
Demokratie braucht Ehrlichkeit, keine Gewissheit
Wir leben in einer Zeit, in der Gewissheiten zerfallen, schneller als neue entstehen. Das macht Angst. Auch denen, die beruflich damit umgehen müssen. Aber vielleicht ist genau diese Angst der letzte Beweis von Verantwortungsbewusstsein.
Denn gefährlich wird es dort, wo niemand mehr zweifelt. Wo alles erklärt scheint. Wo einfache Antworten die Komplexität erschlagen. Verunsicherung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Warnsignal. Und manchmal auch ein Kompass.
Nicht perfekt. Aber menschlich.
Dazu lässt sich viel sagen.
Ein guter Freund hat mir mal gesagt, daß er anders wie die meisten keine vorschnelle Urteile fällen mag, auch im privaten Umfeld. Wer kennt schon all die Motive, kennt den Background, die Vorgeschichte(n) ect.
Das gilt sowohl im Politischen wie in anderen Feldern.
Seit einiger Zeit gibt es Videos, auf Englisch, aber nun auch auf Deutsch, in denen die Frage diskutiert wird: »Warum gibt es etwas und nicht nichts?«. Dutzende Wissenschaftler und Philosophen haben schon diese Frage beantwortet und jedes Mal scheint die Antwort eine neue zu sein. Es gibt sicher keinen Wissenschaftler, der eine todsichere Antwort weiß und dem Interviewer sagt: »Du musst niemanden sonst noch dazu befragen. Meine Antwort ist die schlussendliche«.
@Gerhard: Was dein Freund sagt, klingt vernünftig, setzt aber mMn eine unmenschliche Disziplin voraus. Mir fällt dazu der kürzlich von Christoph Maria Herbst ausgesprochene Rat zur langen Lunte ein. Sicher ist es auch dem Zusammenleben nicht förderlich, wenn alle, möglichst noch zur ungefähr gleichen Zeit, ihre Ansicht zu allem und jenem äußern. Andererseits ist das angesichts der Verbreitung der sozialen Netzwerke überhaupt nicht mehr zu verhindern. Früher gabs 80 Mio. Bundestrainer und man empfand die Kakofonie während eines Turniers nicht gerade hilfreich. Heute findet diese sozusagen zu allen möglichen Themen statt und das auch noch weltweit.
Ich bin immer froh, wenn ich einen Ansatz zur Orientierung geboten bekomme. Dazu zähle ich, dass diese drei Journalisten mir zumindest das Gefühl geben, dass ich mit meiner permanenten Überforderung in diesen Zeiten nicht alleine bin.
@Horst Schulte: Ja, diese drei Leute haben Gewicht. Da pflichte ich bei.
@Horst: Vielen dank für den Hinweis. Interessanter Weise habe ich mir neulich die Frage gestellt, ob mit meinem Befinden vielleicht etwas nicht stimmt. In meinem persönlichen und beruflichen Umfeld höre ich eine zunehmende Akzeptanz zum Autoritarismus. Das gipfelte in der Feststellung eines ansonsten durchaus zurechnungsfähigen Bekannten mit der Feststellung:»Wie kann man denn als vernünftiger Mensch nicht die AFD wählen.« So was lässt mich immer fassungslos zurück.
Ja, Gewissheiten zerfallen, wie du schreibst, aber eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Demokratie ist vielleicht eine schwierige Regierungsform, aber die Herrschaft von einer oder wenigen Menschen führt immer ins Verderben.
@Peter Lohren: Sehr gern, Peter. Ich fand das Gespräch bemerkenswert und vor allem ehrlich.
Ich kenne Leute, die sich offen zur AfD bekennen, und jedes Mal bin ich aufs Neue erschüttert. Ich kann alle verstehen, die angesichts der offensichtlichen Unfähigkeit unserer politischen Führung verzweifelt sind.
Die Frage aber, was aus diesem Land wird, wenn die Nazis übernehmen, überlagert alles. Diese Mischung aus rassischen, völkischen und nationalistischen Bezügen der Anhänger der AfD ist irritierend und bestimmt meine Überzeugung, dass das Mitläufertum in diesem Land noch immer ausgeprägt ist. Irrer Weise werfen die Anhänger der AfD genau das allen anderen vor.