Orientierung im Sturm: Warum Verunsicherung kein Versagen ist

4. Februar 2026
3 Min.

Drei erfahrene Journalisten sprechen offen über Überforderung, Zweifel und Angst angesichts einer Welt im Dauerkrisenmodus. Gerade diese Verunsicherung ist kein Makel, sondern ein Zeichen von Verantwortung – und vielleicht die letzte ehrliche Ressource der Demokratie.

kiddie canvas 27
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Das ist eine wirklich lohnende Stunde, die zeigt, wie selbst gestandene Journalisten angesichts der momentanen Weltlage sich als ratlos outen. Journalisten im Podcast: Ulf Röller, Elmar Theveßen und Katrin Eigendorf. Wir sind also nicht allein!

Es ist ein seltener Moment, wenn Journalisten nicht nur über Krisen sprechen, sondern über sich selbst. Nicht eitel, nicht klagend, sondern tastend. Fast vorsichtig. In diesem Podcast geschieht genau das: Drei Menschen, die ihr Berufsleben damit verbracht haben, Welt zu ordnen, benennen offen, dass ihnen diese Ordnung entgleitet.

Das ist mehr als eine Randnotiz. Es ist ein Symptom unserer Zeit.

Wenn Analyse an Grenzen stößt

Die Sätze sind unscheinbar, aber sie tragen Gewicht. „Es überfordert mich.“ „Ich misstraue meinem eigenen Urteil.“ „Die Mechanismen funktionieren nicht mehr.“ Das sind keine hilflosen Ausrufe, sondern nüchterne Feststellungen. Menschen, die gelernt haben, Distanz zu wahren, geben zu, dass Distanz allein nicht mehr trägt.

Was hier bricht, ist nicht Kompetenz, sondern Gewissheit. Jahrzehntelang konnte man politische Prozesse erklären, Konflikte einordnen, Eskalationen vorausahnen. Heute wirkt vieles wie ein permanenter Regelbruch: moralisch, politisch, institutionell. Wer das benennt, wirkt plötzlich unsicher. Wer es nicht tut, unglaubwürdig.

Die Angst vor dem falschen Ton

Besonders bemerkenswert ist die journalistische Selbstreflexion. Da ist die Sorge, durch Berichterstattung selbst Teil des Problems zu werden. Hoffnungslosigkeit zu befördern. Zynismus salonfähig zu machen. Oder schlimmer noch: autoritäre Sehnsüchte zu normalisieren, weil das Chaos zu groß erscheint.

Diese Angst ist berechtigt. Geschichte zeigt, wie schnell Verunsicherung in den Wunsch nach dem starken Mann kippen kann. Wenn Eliten moralisch versagen, wächst nicht automatisch der Ruf nach mehr Demokratie. Oft wächst der nach weniger.

Verunsicherung als Haltung

Und doch liegt gerade hier eine Stärke. Wer Zweifel offenlegt, verweigert die Illusion von Allwissenheit. Wer sagt, „ich weiß es nicht mehr sicher“, öffnet einen Raum für gemeinsames Nachdenken. Das ist kein Rückzug, sondern eine Form von Redlichkeit.

Vielleicht ist das die neue journalistische Haltung: weniger Orakel, mehr Begleiter. Weniger große Erzählung, mehr sorgfältiges Stückwerk. Orientierung nicht als fertige Antwort, sondern als Prozess.

Demokratie braucht Ehrlichkeit, keine Gewissheit

Wir leben in einer Zeit, in der Gewissheiten zerfallen, schneller als neue entstehen. Das macht Angst. Auch denen, die beruflich damit umgehen müssen. Aber vielleicht ist genau diese Angst der letzte Beweis von Verantwortungsbewusstsein.

Denn gefährlich wird es dort, wo niemand mehr zweifelt. Wo alles erklärt scheint. Wo einfache Antworten die Komplexität erschlagen. Verunsicherung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Warnsignal. Und manchmal auch ein Kompass.

Nicht perfekt. Aber menschlich.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

5 Kommentare zu „Orientierung im Sturm: Warum Verunsicherung kein Versagen ist“

  1. Dazu lässt sich viel sagen.
    Ein guter Freund hat mir mal gesagt, daß er anders wie die meisten keine vorschnelle Urteile fällen mag, auch im privaten Umfeld. Wer kennt schon all die Motive, kennt den Background, die Vorgeschichte(n) ect.
    Das gilt sowohl im Politischen wie in anderen Feldern.
    Seit einiger Zeit gibt es Videos, auf Englisch, aber nun auch auf Deutsch, in denen die Frage diskutiert wird: „Warum gibt es etwas und nicht nichts?“. Dutzende Wissenschaftler und Philosophen haben schon diese Frage beantwortet und jedes Mal scheint die Antwort eine neue zu sein. Es gibt sicher keinen Wissenschaftler, der eine todsichere Antwort weiß und dem Interviewer sagt: „Du musst niemanden sonst noch dazu befragen. Meine Antwort ist die schlussendliche“.

  2. @Horst: Vielen dank für den Hinweis. Interessanter Weise habe ich mir neulich die Frage gestellt, ob mit meinem Befinden vielleicht etwas nicht stimmt. In meinem persönlichen und beruflichen Umfeld höre ich eine zunehmende Akzeptanz zum Autoritarismus. Das gipfelte in der Feststellung eines ansonsten durchaus zurechnungsfähigen Bekannten mit der Feststellung:“Wie kann man denn als vernünftiger Mensch nicht die AFD wählen.“ So was lässt mich immer fassungslos zurück.
    Ja, Gewissheiten zerfallen, wie du schreibst, aber eines ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Demokratie ist vielleicht eine schwierige Regierungsform, aber die Herrschaft von einer oder wenigen Menschen führt immer ins Verderben.

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