Schreiben gegen die Sprachlosigkeit

Manche Blogger*innen schreiben in letzter Zeit ausgesprochen wenig. Ich verstehe das. Wahrscheinlich sind sie von der Krisenlage intellektuell und emotional so beansprucht, dass sie einfach nicht noch mehr Beschäftigung mit den einschlägigen Themen gebrauchen können.

Bei mir ist es offenbar anders. Ich muss diesen ganzen Mist irgendwie loswerden und tue das als Blogger eigentlich schon immer, indem ich mir die Gedanken einfach vom Halse schreibe. Ja — und KI spielt dabei eine Rolle. Sonst käme ich nicht auf diese Schlagzahlen. Denn Rentner war ich ja schon auch früher bereits. Immerhin seit > 10 Jahren!

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Empfänger nehmen ab

Es gibt da noch einen anderen Punkt, der selten offen ausgesprochen wird: Viele haben das Gefühl verloren, dass ihre Worte überhaupt noch irgendwo ankommen. Früher war die Blogosphäre ein vibrierender Zwischenraum. Man schrieb einen Text, bekam Widerspruch, Zustimmung, Verlinkungen, lange Kommentare. Es entstand Reibung. Heute versickert vieles in den Strömen der Plattformen. Ein altes Thema aber es wird nicht mehr besser und diese schwindende Hoffnung mag zusätzlich an vielen nagen.

blogosphaere schweigen und schreiben
blogosphaere schweigen und schreiben

Algorithmen bevorzugen Empörung in Sekundenform, nicht das tastende Nachdenken eines langen Blogtextes. Wer sich Stunden an einen Beitrag setzt und danach drei Likes und einen Spamkommentar bekommt, fragt sich irgendwann, ob sich diese Mühe noch lohnt.

Dazu kommt die Erschöpfung durch Dauerkrise. Pandemie, Krieg, Inflation, Klimadebatten, gesellschaftliche Polarisierung, der Lärm sozialer Medien – all das wirkt wie ein permanenter Druck auf das Nervensystem. Manche ziehen sich nicht deshalb zurück, weil ihnen nichts mehr einfällt, sondern weil sie das Gefühl haben, ständig gegen eine Wand aus Aggression, Rechthaberei und moralischer Aufrüstung anzuschreiben. Jeder Satz scheint sofort einer Seite zugerechnet zu werden. Die Zwischentöne sterben zuerst.

Bloß keine Politik

Gerade politische Blogger stehen dabei unter einem besonderen Druck. Früher konnte man sich irren, ohne gleich öffentlich abgekanzelt zu werden. Heute genügt oft ein unpräzise formulierter Absatz, und sofort stehen Leute bereit, die einen entweder moralisch vernichten oder ideologisch vereinnahmen wollen. Viele vermeiden deshalb politische Themen ganz. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstschutz. Wer älter wird, entwickelt manchmal auch ein anderes Verhältnis zur eigenen Lebenszeit. Man fragt sich ernster als früher: Will ich meine Tage wirklich in diesen digitalen Schützengräben verbringen?

Und dann gibt es noch die stille Enttäuschung über die Gesellschaft selbst. Manche haben über Jahre hinweg geschrieben, diskutiert und um Verständigung gerungen – und erleben nun eine Öffentlichkeit, die sich immer tiefer in feindliche Lager aufspaltet. Oft zählt nicht mehr das Argument, sondern nur noch, wer es ausspricht. Das erschöpft. Und es macht viele still.

Das Blog nicht als Bühne, sondern als Denkraum. Vielleicht liegt genau darin ein Unterschied. Wer bloggt, um Wirkung zu erzielen, ermüdet schneller, wenn die Wirkung ausbleibt. Wer bloggt, um geistig beweglich zu bleiben oder sich selbst zu retten vor dem inneren Stau, macht weiter – selbst dann, wenn draußen kaum noch jemand zuhört.

KI – auch die noch

Dass KI dabei eine Rolle spielt, passt übrigens ziemlich gut in diese Zeit. Viele würden das wahrscheinlich nicht gern zugeben. Aber KI kann eine Art Schreibpartner sein, ein Resonanzraum, ein Werkzeug gegen die eigene Müdigkeit. Nicht unbedingt als Ersatz für Gedanken, sondern als Verstärker von Produktivität und manchmal auch als Mittel gegen die berühmte leere Seite. Vielleicht entsteht daraus gerade eine neue Form des Bloggens: weniger einsam, dialogischer, schneller, assoziativer. Das verändert den Ton und die Geschwindigkeit des Schreibens. Manche lehnen das ab. Andere entdecken dadurch überhaupt erst wieder Lust am Formulieren.

Und vielleicht liegt genau darin eine kleine Ironie unserer Zeit: Während viele verstummen, weil ihnen die Welt zu laut geworden ist, finden andere gerade durch neue Werkzeuge wieder eine Stimme.

Warum viele Blogger heute schweigen

Die politische Erschöpfung, die gesellschaftliche Polarisierung und die ständige digitale Reizüberflutung führen dazu, dass viele Menschen weniger schreiben. Blogs werden dadurch stiller – gerade im politischen Bereich.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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6 Kommentare zu „Schreiben gegen die Sprachlosigkeit“

  1. Ob Tagebuchschreiben in die Öffentlichkeit gehört, würde ich verneinen, aber das ist eine Sache, die jeder für sich ausmachen muss. Persönlich bin ich schnell gelangweilt von Tagebuchblogs. Politische und gesellschaftliche Themen liegen mir eher. Persönliche Anekdoten sind dann das Salz in der Suppe🙂

  2. Du berührst ja das Thema immer wieder.
    Es wird immer weniger gelesen, längere Texte eh kaum.

    Einen recht gehaltvollen Blog mit eher kurzen Texten lese ich nicht mehr, weil ich da nicht kommentieren kann. Ich könnte da aber manche intellektuelle Anregung gewinnen, tat ich auch über einige Zeit, aber die fehlende Kommentarmöglichkeit verdarb mir dann doch das Lesen.

  3. Vieles geht auch einfach in all dem Wust verloren. Und zudem lohnt sich bei dieser nur noch irrationalen Politik derzeit kaum einer Debatte. Wenn das doch wenigstens strategisch Böses wäre. Aber es ist nur wirres Verrücktes, und das oft und immer mehr selbst bei denen, die noch herkömmliche Politiker waren/ sind.

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