Vom Wir zum Ich und zurück? Warum linke Politik heute ins Leere läuft

24. März 2026
3 Min.

Der Wandel vom kollektiven Denken zum Individualismus hat die linke Politik in eine kritische Lage gebracht. Linke Parteien verlieren ihre Basis, während rechte Kräfte profitieren. Der Text zeigt, warum Solidarität schwerer vermittelbar ist – und welche Folgen das hat.

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Inhalt

Vom Wir zum Ich

Linke Politik findet gesellschaftlich weniger Akzeptanz. Die Klage darüber ist alt und fast schon ritualisiert: Die Sozialdemokratie habe ihren Kompass verloren, sei zu beliebig geworden, zu angepasst, zu leise. Stimmen wie die von Türmer wirken da wie ein Weckruf, ein Ruf nach Rückkehr zu etwas, das einmal selbstverständlich war: klare soziale Kante, erkennbare Interessenpolitik, ein Gefühl von „Wir“. Und doch liegt die eigentliche Geschichte tiefer und ist ganz bestimmt auch unbequemer — für Linke jedenfalls. Die SPD der 1970er Jahre bewegte sich in einer Gesellschaft, die noch wusste, was sie zusammenhält. Fabriken waren nicht nur Produktionsorte, sondern soziale Räume, Gewerkschaften mehr als Institutionen – sie waren Identität. Politik hatte einen Resonanzkörper, weil das Leben selbst kollektiver organisiert war.

Der entscheidende Bruch liegt weniger in Programmen als im Menschenbild. Wir leben heute in einer Gesellschaft, die das Individuum zur letzten Instanz erklärt hat. Freiheit bedeutet zunehmend Loslösung statt Einbindung, Selbstverwirklichung ersetzt Zugehörigkeit. Ja, man kann das Egoismus nennen – aber es ist ein leiser, gesellschaftlich legitimierter Egoismus, der sich selbst als Freiheit versteht. Für linke Politik ist das ein strukturelles Problem, denn sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, über sich hinauszudenken, Umverteilung zu akzeptieren, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen. Doch genau dieses Fundament ist brüchig geworden.

Die verlorene Mehrheit

Was in den 1970ern noch selbstverständlich war – ein gemeinsames Interesse an sozialem Aufstieg und kollektiver Sicherheit – zerfällt heute in viele parallele Lebenswirklichkeiten. Die Gesellschaft ist fragmentiert, Lebensläufe driften auseinander, gemeinsame Erfahrungen werden seltener. Wo das Gemeinsame schwindet, verliert die Linke ihren natürlichen Boden. An seine Stelle treten politische Angebote, die einfacher funktionieren: Sie sprechen nicht das „Wir“ an, sondern das „Ich in Gefahr“, versprechen Schutz, Abgrenzung und Kontrolle und reduzieren Komplexität auf klare Gegnerbilder.

Warum die Jungen anders ticken

Dass radikalere linke Positionen heute vorwiegend bei Jüngeren verfangen, ist kein Zufall. Sie erleben die Gegenwart nicht als Stabilität, sondern als Unsicherheit: steigende Mieten, fragile Erwerbsbiografien, eine Klimakrise, die ihre Zukunft überschattet. Für sie ist der Status quo kein Besitzstand, sondern ein Risiko. Ältere hingegen haben sich eingerichtet, verfügen über Eigentum, Sicherheit und Erfahrung – und verteidigen diese Ordnung. So entsteht eine leise, aber wirkmächtige Spaltung zwischen Veränderungsdruck und Bewahrungsinteresse.

Die eigentliche Ursache der Rechtsdrift

Die Rechtsdrift vieler westlicher Gesellschaften ist vor diesem Hintergrund weniger ein politisches als ein kulturelles Phänomen. Eine Gesellschaft, die sich in Individuen auflöst, verliert die Fähigkeit zur Solidarität. Und wo Solidarität fehlt, wird Umverteilung zur Zumutung, Gleichheit zur Bedrohung, kollektive Lösungen zum Misstrauensfall. Rechte Politik bietet hier eine scheinbar einfache Antwort: Sie ersetzt das soziale „Wir“ durch ein kulturelles „Wir“ – nicht mehr Klasse, sondern Nation, nicht mehr Solidarität, sondern Zugehörigkeit. Das funktioniert, weil es weniger verlangt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Tragik: Linke Parteien scheitern nicht nur an sich selbst, sondern an den veränderten Voraussetzungen der Gesellschaft. Und doch bleibt eine offene Frage, fast wie ein leiser Hoffnungsschimmer: Ob das „Wir“ wirklich verschwunden ist – oder nur verschüttet liegt, unter den Schichten eines allzu erfolgreichen Ichs.

Wenn Wahrnehmung Politik ersetzt: Die SPD als Spiegel einer Rationalitätskrise | hpd

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

8 Kommentare zu „Vom Wir zum Ich und zurück? Warum linke Politik heute ins Leere läuft“

  1. Gut, dass Du auch das Thema aufbereitest.
    Du siehst da aber offenbar einige Dinge nicht, die heute gegeben sind.
    Der linke und auch der rechte Rand wird vom Zeitgeist getrieben.

    Nicht, dass das in den 70ern nicht so war, aber eben anders. Es gab eine halbwegs eigenständige Kultur, die es heute schlicht nicht mehr gibt.

    Als Linker früher, waren das Letzte, an dem man sich orientieren wollte, die Amis. Man schaute („Ausgerechnet!“ wie Tetzlaff sagen würde) nach Frankreich und all die Länder, die Europa sonst noch zu bieten hatte und schaute, was passte, gerne auch nach Nahost oder Asien, war da aber auch schon „verklärt“, da die eigenen Infoquellen dafür nicht reichten.

    Als Rechter waren die Amis nur gut für Einzelfälle, ansonsten hat man sich natürlich am deutschen Original orientiert. Keiner wäre auch nur auf die Idee gekommen, irgendeinen Amischwätzer über Goebbels zu stellen.
    Nicht mal der kühne Michael, der sich nach der Wende durch das frauenverwaiste „Ostdeutschland“ bumste, wäre auf einen 3. Weg ausgerechnet in Dortmund gekommen.

    Seit fast der Zeitspanne, die es zumindest benutzbares Internet auch in Deutschland gibt, also knapp 30 Jahren, gibt es das nicht mehr. Sowohl der linke, wie auch der rechte Rand wird fast ausschließlich US-amerikanisch bedient. Der Rest schon seit knapp 80 Jahren. Und alle werden gefüttert mit Kitsch und Pathos, den sich Hollywood nicht getraut hat zu verfilmen.

    Im Amiland ist es übrigens ganz normal, dass Du „Mein Kampf“ in der Originalausgabe vom schwulen, schwarzen Im- und Exportjuden erhälst. Das ist eben Alltagsgeschäft.

    Genau diese Mentalität breitet sich eben hier aus. Nur, dass das hier eben nicht Amerika ist.

    • @Horst Schulte: Welchen Antiamerikanismus? Die medialen Säue, die durch das Dorf getrieben werden, basieren auf US-amerikanischen Trends. Schau doch einmal, woher die Sachen kommen, die Argumente, Haltungen und Einstellungen.
      Da ist nicht viel Eigenes dabei.
      Wann war das letzte Programm von Pispers? Das dürfte inzwischen fast 20 Jahre her sein.
      Die Bürger haben von Medien, Politik und Wirtschaft gelernt und adaptieren einfach alles, was übern Teich gerade läuft.

  2. Ich wunderte mich wenn ältere nicht sehen was die Unterschiede sind, zwischen der Politik heute und den 70er.
    Die SPD hat damals im Verbund mit Gewerkschaften für massive Lohnsteigerungen gesorgt, hat massenweise Wohnungen gebaut – billige Wohnungen, weil die Wohnsituation für Arbeiter bis dahin mies war, Kohleofen und Etagen Klo waren bis in die 80er nicht selten – Schulen und Universitäten wurden gebaut, anfangs gab es sogar Schüler BAföG, die Infrastruktur wurde aufgebaut und es gab einen starke Änderung der Öffentlichen medialen Meinung. Sodass wir in den 90ern Vielfalt und Ideen hatten. Sowohl in der industrie aber auch kulturell.
    Als die SPD dann wieder an die Macht kam, hat sie das genaue Gegenteil davon gemacht. Merkel hat dann verwaltet und dafür gesorgt das Politik durch die Medien angetrieben wird. Gleichzeitig wurde der Politik vor Ort, also vor allem den kommunen, jede tatsächliche Entwicklung verboten. Sie sind nur die Verwalter für Entscheidungen aus Bund und EU. Dank Schuldenbremse sind keine Investitionen möglich. stattdessen müssen „Investoren“ gelockt werden, die natürlich ihre Rendite erwarten (D.h. am Ende noch mehr Steuergelder werden für Gewinne der Reichen umgeleitet)

    Diese Dinge zu sehen und zu ändern wäre linke Politik. Es gibt aber keine solche Partei mehr. Alle sind nur noch darauf bedacht Posten für ihre Versorgung zu generieren. Die Entscheidungen, die wichtig wären, treffen profitorientierte Unternehmen in Verbindung mit ihren PR Instituten.

    Es wundert aber, dass immer noch 20-30% glauben es könnte sich was andern, wenn man eine Partei wählt, die noch keine Verantwortung hatte.

    • @Horst Schulte: Ja, du hast den Eindruck vermittelt

      Die Rechtsdrift vieler westlicher Gesellschaften ist vor diesem Hintergrund weniger ein politisches als ein kulturelles Phänomen. Eine Gesellschaft, die sich in Individuen auflöst, verliert die Fähigkeit zur Solidarität

      das klang für mich, wie eine Erklärung dafür, aber ich habe das wohl falsch verstanden.

      Aber du auch. Ich lebe mein Leben lang (freiwillig) von einem Niedriglohn. Daher sind für mich die von mir beschriebenen Veränderungen essentiell. Das sie für sich oberflächlich sind, sagt eigentlich schon alles.

      Ich habe immer an Solidarität geglaubt und Verzicht als Tugend gesehen. Ich komme mit wenig aus und wundere mich darüber das Menschen oft so gierig sind und ihren Wohlstand als selbstverständlich betrachten.

      Anderen helfen war mich immer ein normales Verhalten. Aber heute ist diese linke Solidarität einer selektiven Opfersuche gewichen. Das Ziel ist nicht mehr die Verbesserung der Lebensrealität von Menschen, die nicht im Wohlstand groß geworden sind, sondern links ist vor allem das was akademische Kreise in den Asten der Unis als „Kampf“ definieren. Deshalb scheitert Links in der Gesellschaft. Du magst es fehlende Solidarität nennen, ich sehe als fehlende Wahrnehmung der Realität im akademischen Elfenbeinturm.

      Das ist aber nur meine Sicht, aus der Perspektive eines Niedriglohnempfänger und ich weiß natürlich, der Gebildete hat eine völlig andere. Ich wollte diese hier einfach mal mitteilen, wenn dir das als Gepöbel vorkommt dann tut mir das leid. Aber auch das ist ein Problem. Der heutige Diskurs ist getragen von der Ansicht man müsse ein verbindliche Wahrheit finden, statt, wie es in einer offenen Gesellschaft normal wäre, mehrere Ansichten und unterschiedliche Sichtweisen zu akzeptieren. Und auf dieser Basis gemeinsame Ziele zu definieren. Eben diese Solidarität, von der du sprichst, zu finden.

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