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Manchmal verschieben sich politische Koordinaten fast geräuschlos. Friedrich Merz wirkt dieser Tage wie ein Mann, der neue Nähe sucht. Giorgia Meloni scheint ihm näher als Emmanuel Macron, der im Umgang mit »Daddy Trump« eine andere, selbstbewusstere Tonlage anschlägt. Schade eigentlich, weil es mehr ist als eine persönliche Präferenz. Es ist ein Signal.
Nähe zu Meloni heißt Nähe zu einer Politik, die sich demonstrativ an der Kante bewegt. Nicht offen extrem, aber stets mit Blick auf den rechten Rand. Genau dort, wo Verschiebungen beginnen, die später niemand mehr eingefangen bekommt. Wer hier taktisch laviert, normalisiert das Grenzwertige.
Applaus als Gradmesser
Der Blick nach Baden-Württemberg zeigt, wie weit sich die Dinge bereits verselbstständigt haben. Der Auftritt von Martin Sellner vor AfD-Publikum ist kein Ausrutscher, sondern ein Symptom. Der n-tv-Artikel bringt es auf den Punkt:
Je radikaler die These, desto größer der Applaus. Das ist kein Missverständnis zwischen Basis und Führung, das ist ein Machtverhältnis. Die sogenannte Basis treibt, die Funktionäre reagieren. Beschwichtigungen von oben prallen ab wie Wattebäusche auf Beton. Rassistischer Nonsens, offen vorgetragen, wird nicht geduldet, sondern gefeiert.
Die Illusion der Kontrolle
Die Alternative für Deutschland erzählt gern, sie habe ihre Ränder im Griff. Doch wer zuhört, merkt schnell: Die Partei wird von jenen getragen, die keine Mäßigung wollen. Wer glaubt, man könne diese Dynamik später parlamentarisch einhegen, unterschätzt die Wucht ideologischer Mobilisierung.
Und hier schließt sich der Kreis zu Merz. Wer sich nach rechts öffnet, um Stimmen zu sichern, übernimmt unweigerlich auch deren Bilder, Begriffe und Denkmuster. Das geschieht nicht über Nacht, sondern schleichend. Erst die Rhetorik, dann die Praxis.
Bilder, die wir kennen sollten
Sind sich potenzielle Wähler*innen darüber im Klaren, was folgt, wenn solche Kräfte reale Macht erhalten? Ein Blick in die USA reicht. Der Einsatz der Trump-Truppe Immigration and Customs Enforcement hat gezeigt, wie schnell staatliche Gewalt enthemmt werden kann, wenn sie ideologisch aufgeladen ist. Uniformen, Zugriff, Abschiebung als Spektakel. Wer glaubt, das sei ein fernes amerikanisches Problem, irrt. Nun ja, Frau von Storch hatte bereits vor Jahren ein deutliches Bekenntnis zum Einsatz von Gewalt gegen Flüchtlinge geleistet. Das scheinen die potenziellen Wähler der AfD irgendwie nicht zu raffen. Ähnlich wie auch alles andere, was von dieser Partei zu erwarten ist.
Die AfD-Basis in Baden-Württemberg liefert die Blaupause: Enthemmung als Identität, Applaus als Legitimation. Wer das ignoriert oder kleinredet, macht sich mitschuldig an der nächsten Eskalationsstufe.
Politik beginnt mit Entscheidungen über Nähe und Distanz. Merz’ neue Freundschaft ist keine Petitesse. Sie ist ein weiteres Puzzleteil in einem Bild, das uns allen bekannt vorkommen sollte – und das wir uns eigentlich ersparen wollten.



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