Gesellschaft   ·  4 Min.

Einen Tag später sind wir klüger, etwas. Aber nicht alle.

Soll ein Kinderlied aus ideologischen Gründen umgetextet und von einem Kinderchor vorgetragen werden? Oma Gate WDR

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Für Linke besteht die Oma-Kinderchor-Geschichte nur aus einer Kontroverse zwischen Links und Rechts. Klar, wer da Recht hatte. Die (Rechten) können sich aber auch was anstellen.

Manche stilisieren heute das, was gestern passiert ist, zum Kampf der deutschen Rechten gegen die anderen. Andere erklären, in herablassendem Tonfall, ebenfalls heute – also eine Ewigkeit später -, dass wir alle zum Jahresende noch nun bekamen, was wir verdient hätten. Wieder andere erklären kleinteilig, wie der zeitliche Ablauf dieses Shitstorms war und wie die Rechten erneut unter Beweis stellen konnten, wie gewinnbringend sie ihre Sicht der Dinge in den sozialen Medien platzieren konnten.

Missverständnis Satire

Viele zeigen sich zerknirscht: «Wie konnte das nur so eskalieren?» Schließlich handle es sich doch nur um Satire. Dass es immer häufiger Missverständnisse bei satirischen Beiträgen oder Sendungen gibt, muss uns zu denken geben. Lagerübergreifend.

WDR – Intendant, Tom Buhrow, hat sich in einer von WDR2 kurzerhand angesetzten kurzen Sondersendung an die ZuhörerInnen gewandt. Er bezeichnete das vom Dortmunder Kinderchor gesungene Lied als Fehler («ohne Wenn und Aber») und entschuldigte sich.

Es gibt aber Leute, die fanden – wie sie dies ja aus Prinzip und Berechnung immer tun -, dass man sich nicht selbst entschuldigen könne, sondern um Entschuldigung bitten müsse. Ja, wenn diese Menschen nur halbwegs so sensibel mit ihren eigenen Worten wären…

Der Streit um ein Kinderlied, das zu politischen (ideologischen) Zwecken umtextet wurde, nahmen die Gegner des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zum Anlass, erneut die Abschaffung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks zu verlangen.

Zwangsgebühr

Die Rechten (vielleicht nur nur) fordern dies schon lange. Sie kommen bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern nicht gut weg. Ihre Forderung begründen sie natürlich anders. Sie nutzen für ihre «Argumentation» einerseits die Zwangsgebührenabgabe einerseits, die sich subjektiv verschlechterte Programmqualität ganz allgemein, vor allem jedoch die politische Einseitigkeit der Sender (Systempresse) zunutze. Dass die Sender noch immer auf einen großen Vertrauensvorschuss in der Bevölkerung verweisen können, ignorieren die rechten, gelegentlich auch linken, Gegner des ÖR Rundfunks nicht.

Zum Glück werden sie sich noch ein Weilchen gedulden müssen, bis jemand vom Format (sic?) eines Boris Johnson solche Weichenstellungen (BBC) anhand neuer Mehrheitsverhältnisse ermöglicht. Deutschland ist zum Glück auch noch nicht so weit wie Frankreich. Dort arbeiten viele (Gelbwesten und Gewerkschaften) mit Hochdruck daran, Macron zu stürzen. Weil sie seine Rentenreform Mist finden. Viele Deutsche schauen auf die Entwicklung mit viel Sympathie. Weil: «Die Franzosen lassen sich nicht alles gefallen». Die wiederum scheinen sich auf die Zukunft ohne Macron zu freuen. Vielleicht haben noch nicht alle realisiert, dass diese Marine Le Pen heißen wird.

Tucholskys Erbe

Dass Kurt Tucholsky Generalvollmacht für Satire in Deutschland spätestens mit Einführung des Internets und der Sozialen Netzwerke nicht mehr gilt, haben wir gestern nicht zum ersten Mal erfahren.

Der Twitter-Gigant Ruprecht Polenz versuchte sich in einer ausgleichenden Erklärung: «Es ist eigentlich nicht schwer zu verstehen: kein Enkel sollte seine Oma „Sau“ nennen, in welchem Zusammenhang auch immer.» Ich persönlich hatte meine Mutter (87) und meine Schwiegermutter (95) vor Augen, als mein Blutdruck wegen dieser Unverschämtheiten (Umweltsau, Nazisau) bedrohlich anzusteigen schien.

Weil ich ja raus bin bei Facebook und Twitter, musste meine Frau als Blitzableiter für meine angelesene Empörung herhalten. Sie schaute mich zunächst verständnislos an, denn sie beschäftigt sich gesunder Weise wenig mit dem, was das Internet und mich beschäftigt. Als ich ihr das Lied vorspielte, waren wir uns aber einig. Ist das Satire, fragte ich Sie. «Ja», meinte sie. «Allerdings ziemlich miese». Darauf haben wir uns verständigt.

Ich habe mich später hingesetzt und die Aufregung noch ein bisschen studiert. Schließlich schrieb ich dann für Sie diesen Beitrag.

Was ist nun heute, einen Tag nach dieser Schlacht, mein Fazit aus dem vielleicht letzten Shitstorm-Tiefpunkt dieses Jahres? Wirklich alle «Internetgrößen» von Links und Rechts, auch die Von- Oben-Herab-Kommenden haben sich geäußert. Kaum eine war aus meiner Sicht sonderlich erbaulich oder klug. Die Maßstäbe verrutschen, auch meine eigenen.

Grassierende Blödheit

Die im Netz grassierende Blödheit bleibt jedenfalls hochansteckend. Ich konnte gestern noch jeden verstehen, der sich über den Liedtext aufgeregt hat, denn ich habe mich emotional mitreißen lassen.

Wir wissen zwar, dass man Debatten so nicht führen sollte. Aber wir machen es trotzdem immer und immer wieder. Gestern hatten wir es vermutlich mit einem Ausreißer zu tun. Im Schatten der Empörung konnten Forderungen nach der Absetzung des WDR – Intendanten und die Entlassung eines jungen Provokateurs, der als freier Mitarbeiter beim WDR Social-Media-Dienst arbeitet, platziert werden. Berufsverbote für Menschen, die für manche verzeihliche Fehler gemacht haben, für andere aber unverzeihliche. Wie weit sind wir gekommen?

Neue Rechte

Das alles macht in meinen Augen deutlich, wie verhängnisvoll Internetdebatten sind. Die unbedachte, rücksichtslose Verstärkung rechtsnationaler (um keine stärkere Vokabel zu nutzen) Multiplikatoren, müssen uns besorgt machen, denn solche Leute verfolgen ihre niederträchtigen und destruktiven Zielsetzungen. Es geht ihnen nicht um Anstand, um die Ehre ihrer Großmutter oder Mutter, sie glauben, sie könnten uns verarschen und uns vor ihren Karren spannen. Schaut auf die Klickzahlen bei Youtube, Facebook, Twitter etc. Autoren von der Neuen Rechten bekommen für ihre Beiträge mehr Klicks und Likes als bürgerliche oder linke Publikationen. Für dieses Phänomen gibt es zwar halbwegs einleuchtende wissenschaftliche Erklärungen, befriedigend sind diese für mich allerdings nicht.

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Artikelautor: Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!

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