Es ist, ich willâs noch mal klar sagen, es ist nicht alles wahr, was in der BILD-Zeitung steht.
Karl Lauterbach, Bundesgesundheitsminister, gestern bei âMaischbergerâInhalt Anzeigen
Es gibt sicher genug Leute, die den Vorwurf teilen, dass Karl Lauterbach oft ĂŒbertreibt und dazu neigt, die schlimmsten Szenarien an die Wand zu malen. Ich sehe es anders. Ich war gerade deshalb fĂŒr den Wissenschaftler Lauterbach im Amt des Bundesgesundheitsministers, weil ich wollte, dass uns mal reiner Wein eingeschenkt wird. Er macht seine Sache bisher gut. Ăbrigens, gerade auch im Vergleich zum vorigen Gesundheitsminister, der anders, aber leider nicht gewissenhafter gearbeitet hat.
400 â 500 Tote am Tag
Einer der VorwĂŒrfe, die Frau Rosenfeld Lauterbach machte, war, dass seine Aussage ĂŒber 400 â 500 Tote am Tag Angst geschĂŒrt habe. Es ging darum, dass Lauterbach sich gegen die kurzfristige RĂŒcknahme der CoronamaĂnahmen gewandt hatte und seine Weigerung mit einem Anstieg der tĂ€glichen Todeszahlen begrĂŒndete. Es ging um den Vergleich mit Israel. Dort waren gerade die MaĂnahmen aufgehoben worden.
Darf ich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass heute immer noch tĂ€glich ĂŒber 200 Menschen in unseren KrankenhĂ€usern sterben? Wie weit ist diese Zahl von der Zahl entfernt, die Lauterbach fĂŒr das besagte Szenarium errechnet hatte? Manchmal denke ich, die Leute malen sich die Welt genau so, dass sie ihnen in ihren Kram passt.
Journalisten dĂŒrfen alles, auch die Reputation von Wissenschaftlern mit fadenscheinigen Argumenten zerstören
Worin unterscheiden sich aber die Journalisten der Springerpresse? Machen sie das besser? Ich meine, dass sie Bundesgesundheitsminister, Karl Lauterbach, wiederholt und vehement vorhalten, stets vom schlechtesten Fall auszugehen, ist in dieser Pandemie schlieĂlich kaum zu beweisen? Dabei verbreiten sie auf ihren KanĂ€len unbelehrbar, noch ungesicherte, weil vorlĂ€ufige, Erkenntnisse.
Ein Beispiel:
Daten aus Israel deuten auf einen eher geringen Zusatznutzen einer vierten Corona-Impfdosis beim Schutz vor Omikron-Ansteckungen hin. Bei Personal im Gesundheitswesen sind mit einer vierten Dosis eines mRNA-Impfstoffs zwar Antikörperspiegel wie kurz nach dem Booster wiederhergestellt worden, allerdings sind Durchbruchsinfektionen verbreitet gewesen, wie aus einem noch nicht von externen Fachleuten geprĂŒften Paper eines israelischen Teams hervorgeht. LINK
Corona-News: Kubicki wirft LĂ€ndern âVerschleierungâ langfristiger Corona-MaĂnahmen vor â WELT
Respektlose Schnepfen
Ăberhaupt hat die konservative Presse in diesem Land, Springer vornweg, sich offenbar vorgenommen, die brachialen PropagandafeldzĂŒge des genötigten Rauswurf von Ex-âBILDâ-Chefredakteur Reichelt unbeirrt weiterzufĂŒhren. Vermutlich der neuen Union und natĂŒrlich ihrem eigenen Ruf zuliebe. âBILDâ scheint sich an rt deutsch ein Beispiel zu nehmen. Dabei sind die in ihrer Wortwahl noch lĂ€ngst nicht so brutal, wie es die âBILDâ-Leute, mitunter auch ihre Kollegen von der âWeltâ sind.
Die respektlose Art und Weise, in der gestern Frau Rosenfeld, Chefredakteurin âWeltâ, Lauterbach bei âMaischbergerâ anging, fand ich schwer ertrĂ€glich. Die Art und Weise, in der Springer-Leute stĂ€ndig ĂŒber ihn herfallen, ist inakzeptabel. Diese Leute legen es auf die Desavouierung und Zerstörung der GlaubwĂŒrdigkeit von Lauterbach an.
Ich habe Respekt vor Lauterbach.
Vor einigen Tagen schenkte er reinen Wein ein: wir haben jetzt generell ein etwas schlechteres Leben und zwar fĂŒr mind 10 Jahre.
Keiner will schlechte Nachrichten, aber wenn sie wahr sind, wieso wegschauen und weghören?
Der Mann hat Kompetenz und Resilienz satt.
Genauso sehe ich es auch. Ich halte es fĂŒr wichtig und richtig, dass Politiker solche möglichen, also realen Perspektiven benennen. Ist das nicht genau das, was normalerweise nie passiert? Oftmals vor allem deshalb, weil es fĂŒr Politiker zu unbequem ist? Wir hĂ€tten vielleicht lĂ€ngst ein anderes, modernes Rentensystem, wenn Politiker drangeblieben wĂ€ren. SchlieĂlich war die Tatsache, dass wir ein demografisches Problem bekommen werden, schon seit Ende der 1970-er Jahre bekannt. Getan hat Politik nichts. Weils die Politiker dafĂŒr zu feige waren – wĂŒrde ich sagen. Lauterbach ist mutig und er hĂ€lt dem Druck bisher erstaunlich gut Stand. Gerade das bewundere ich an ihm. Er bleibt souverĂ€n, auch wenn er massiv angegangen wird. Aber mir ist klar, dass es viele gibt, die genau das auf die Palme bringt. Endlich ein Politiker, der seine Meinung sagt und keine Angst davor hat, deshalb seinen Posten zu verlieren. Wie es in diesen stĂŒrmischen Zeiten um sein Innenleben bestellt ist, möchte ich aber nicht wissen.