Lernen Bürger aus ihrer Geschichte?

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Aus gegebenem Anlass (gestriger Jahrestag) ist der Westfälische Frieden in diesen Tagen Thema in den Medien. Angesichts einer zu explodieren scheinenden Welt lohnt sich die Beschäftigung mit der Geschichte.

Wie kommen wir, kommt Europa, aus dieser konfrontativen Zeit einer neuen Ära von Krieg und Zerstörung heraus? Werden wir womöglich wieder aufgrund der unterschiedlichen Interessen und Perspektiven in einen neuen großen Krieg verwickelt. Und wie steht es um unsere Verantwortung dafür, dass dies möglichst vermieden wird?

Taurus für die Ukraine?!

Ist Scholz’ Weigerung, der Ukraine Marschflugkörper vom Typ Taurus zu liefern, ein richtiger Schritt? Oder müssen sich alle, die diese Meinung teilen, als Verräter an der Ukraine und als Handlanger der Mörder des Regimes fühlen, von dem das Unheil ausgeht? CDU-Leute erklären den Kanzler wegen seiner „Zögerlichkeit“ sogar direkt verantwortlich für Tote in der Ukraine.

Man merkt schon an diesen Zuspitzungen, wie dünn das Eis ist, zumal wenn man sich mit der Vorstellung auseinandersetzt, wie viel Verantwortung manche Menschen tragen können oder müssen.

Moralität – unser neues Lei(d)bild

Wir haben uns stark auf die moralischen Aspekte von Konflikten konzentriert. Es dreht sich zu vieles nur um die Schuld an diesem oder jenem furchtbaren Ereignis. Die meisten von uns kennen Gott sei Dank Krieg nicht aus eigener Erfahrung, sondern nur aus den Geschichtsbüchern, aus dem Kino oder dem Fernsehen. Umso massiver treffen uns detaillierte Berichte und Dokumente aus Kriegsregionen.

Als die digitalen Medien noch kein integraler Bestandteil moderner Kriegsführung waren, verließ man sich auf geschriebene Berichte, manchmal angereichert mit ein paar Fotos. Man glaubte zu wissen, welche Bilder dem Leser zuzumuten wären und welche nicht. Ich erinnere mich daran, dass im Vietnamkrieg TV-Bilder gezeigt wurden, die in späteren Kriegen einer strikten Zensur der Militärs oder Regierungen unterlagen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sahen wir dubiose Nachtbilder, die den Eindruck verstärken sollten, dass mit großer Präzision zivile Opfer beinahe ausgeschlossen waren.

Das war von jeher eine brutale Vorspiegelung falscher Tatsachen. Krieg ist dreckig, brutal und mörderisch. Wer das, auch ohne eigene Erfahrungen in einem Krieg, noch immer nicht gerafft hat, dem ist einfach nicht zu helfen.

Die Hamas und ihre abscheulichen Strategien

Dass die Hamas, ich beziehe mich auf die Bilder, die gestern unter anderem bei X (Twitter) teilweise veröffentlicht wurden, scheinbar mit HD Kameras aufgenommen wurden, damit auch ja alle Details der Untaten der Terroristen gut erkennbar sind, ist pervers. Allerdings ist die Absicht dahinter erkennbar. Die Wirkung dieser miterlebbaren Gräueltaten wird durch diese Erkenntnis nicht gemildert, obwohl die Emotionen der Betrachter und das damit einhergehende Gefühl eines hilflosen Ausgeliefertseins gegenüber barbarischer Gewalt ist unerträglich. Die Terroristen und ihre Führer fühlen sich wohl bei dem Gedanken, wie sehr andere Menschen ihre Grausamkeit abstößt.

Typisch scheint mir, dass die Menschen der Kriegsparteien sich im und nach dem Krieg gegenseitig Unmenschlichkeit und Barbarei vorgeworfen haben. Die Präsenz der asozialen Medien hat dazu geführt, dass die Beweise in Sekundenschnelle über den Globus gehen. Die Gegenwart zeigt immer deutlicher, dass die logischerweise damit einhergehende Emotionalisierung der Empfänger ein wichtiger politischer Faktor wird. Leider gilt das für die Opfer- wie für die Täterseite. Wenn die Bilder einmal nicht in die Logik der einen Kriegspartei passen, wird einfach der Gegner verantwortlich erklärt. Beweisen muss man nichts. Sicher ist nur, dass die Emotionen ihre Adressaten finden.

Jubiläum des Westfälischen Friedens

Der westfälische Frieden wurde vor allem deshalb möglich, weil selbst die Verantwortlichen dieser Zeit das Morden und die Opfer nach dreißig Jahren satthatten. Ich gehe davon aus, dass die übrig gebliebenen paar Millionen normalen Menschen ihren Kaisern, Königen oder Fürsten darin weit voraus waren. Dass man sich auf einen Modus verständigt hat, der detaillierte und akribische Vorbereitungen bedingte, ist auch im Vergleich mit der Gegenwart von Interesse.

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Mir kommt es so vor, als würden alle Aufrufe an Politiker auf der Welt, in Verhandlungen mit Aggressoren einzutreten, zu schnell und damit zu leichtfertig abgetan werden. Dabei ist mir klar, dass es einen Unterschied macht, was Regierungen offiziell sagen und was hinter geschlossenen Türen tatsächlich passiert.

Ein gutes Ende des Krieges

Der wichtige Punkt bei den Verhandlungen in Münster und Osnabrück war, dass man sich an der Sache (dem gewünschten Frieden) entlang gehangelt und nicht mit moralischen Vorstellungen den Betrieb aufgehalten hat. „Wir müssen das Vergangene vergessen, um überhaupt Frieden schließen zu können“. Dieser Satz bildete einen Leitgedanken, der zu den Friedensverhandlungen gehörte. Dazu muss die Schuld auf allen Seiten vergeben werden. Wäre das heute denkbar? Wo wir uns doch so sicher sind, immer auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen? Nun, nach 1945 jedenfalls.

Viel Zeit für Verhandlungen

Dass sich eine sachliche Orientierung an gemeinsamen Interessen und nicht das Gegenteil besser für erfolgreiche Verhandlungsergebnisse eignet, beweist dieses Friedensabkommen auch. Auch wenn die Verhandlungen, je nach Quelle, zwischen fünf und fast sieben Jahre lang dauerten. Es hat sich gelohnt. Dem Westfälischen Frieden folgte eine Epoche der Diplomatie. Erst ca. 150 Jahre danach empfand Napoleon die Grundlagen für einen weiter andauernden Frieden nicht mehr gegeben.

Ich fand übrigens an den Koalitionen im Dreißigjährigen Krieg interessant, dass protestantische und katholische Herrscher miteinander koalierten. Die Machtinteressen waren damals wichtiger als religiöse Zugehörigkeiten. Mich hat das insofern überrascht, als ich der festen Annahme war, dass dieser Krieg wesentlich religiöse Hintergründe gehabt hätte.

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4 Gedanken zu „Lernen Bürger aus ihrer Geschichte?“

  1. Der Westfälische Friede wurde möglich, weil selbst Adel und Klerus nichts mehr zu beißen hatten. Aldi gab es noch nicht.

    Natürlich gab es auch religiöse Hintergründe, daher tagten die Katholen in MS und die Protestanten in OS. Das die Gründe nur vorgeschoben waren, ist doch schon damals ein alter Hut gewesen. Das gilt auch heute noch für derartige Kriege.

    Ein konkretes Feindbild motiviert fast immer. Frag doch mal die alten Kollegen aus dem Büro.

    „Krieg ist dreckig, brutal und mörderisch.“

    Gerade das macht viele Menschen an. Auch Leute, die man nicht für Terroristen halten würde. Schau doch mal auf die Likes zu Deinen Videos.

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  2. Dank für deine Ergänzungen.

    Dass man aus der Zahl von Likes unter einem solchen Video auch ableiten kann, dass die Liker damit die Opferzahlen bejubeln, ist eine interessante Sichtweise.

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  3. Es ehrt Dich, dass Du noch nie in die Abgründe der Menschheit geschaut hast.
    Die Videos der Hamas. Werden die jetzt vornehmlich vom BND geklickt und man bedankt sich für die Info?
    Wenn irgendwo ein Gewaltvideo ins Netz gestellt wird: Ist das die Polizei die da auf den Habichgernknopf drückt?

    Mit dem Like auf dem Videoportal signalisiert Du, dass Du gerne mehr davon sehen willst. Das ist der erste Filter der Empfehlungsautomatik.

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  4. Du sagst, ich hätte keine Ahnung? Das ist wohl richtig. Schließlich habe ich nie erlebt, was es heißt, um das eigene Überleben oder das seiner Angehörigen zu kämpfen. Insofern führe ich ein kleines, vielleicht langweiliges aber auch privilegiertes Leben.

    Ich glaube, dass ich die Funktionen der in den asozialen Medien eingesetzten Algorithmen wohl nicht umfassend, aber doch recht gut verstanden habe. Was Likes also bewirken, ist mir nicht unbekannt. Wahrscheinlich habe ich mich in meinem Text wieder einmal unklar ausgedrückt.

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