Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt

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Die alte Liedzeile habe ich nie vergessen, trotz meiner Aversion gegen deutschsprachige Schlager. Aber war Barry Ryan überhaupt ein Schlagersänger?

Vor kurzem bin ich siebzig geworden. Die letzten acht Jahre habe ich meine Rente genossen. Schon acht Jahre, die wie im Flug vergingen. Alle um mich herum sind älter geworden. Wie profan. Bis auf diejenigen, die sich, manchmal sehr vorzeitig, von dieser Welt verabschiedet haben.

Blogjubiläum

Vorgestern hatte ich etwas zu meinem 20-jährigen Blogjubiläum geschrieben. Ich habe nicht angesprochen, wie sich meine Sicht auf die Welt gerade in den vergangenen Jahren verändert hat.

Es macht eben doch einiges mit einem, wenn man aus dem Berufsleben ausscheidet. Dabei kann ich ganz ehrlich sagen, dass es mir kein Stück fehlt. Im Gegenteil: ich bin froh und glücklich darüber, diese lange Zeit hinter mir gelassen zu haben.

Dass ich die Pandemie nicht im Büro erleben musste, ist auch etwas, wofür ich wirklich dankbar sind. Ich hätte mich mit dem ewigen Maskentragen schwer abgefunden. Obwohl ich nicht zu denen gehöre, die deren Nutzen bis heute bestreiten. Meine Frau und ich hatten das Glück, uns um unsere Mutter (+98) kümmern zu können, obwohl wir nicht zeitgleich in Rente gegangen sind. Zeitlich trafen sich Notwendigkeit mit Dispositionsfreiheit. Das Glück haben nicht viele. Man sieht, wie viel man stemmen kann, wenn man zusammenhält.

Alter – Geist und Körper

Ich merke mein Alter, und zwar nicht nur körperlich. Allerdings deckt sich das nicht mit dem Gefühl, das entsteht, sobald ich über Ereignisse meines Lebens nachdenke. Habe ich nicht gerade erst die Feuerwehr verlassen? Es sind vierzig Jahre vergangen. Haben wir nicht eben erst meinen Fünfzigsten mit Verwandten und Freunden gefeiert? Das ist auch schon zwanzig Jahre her. Ich weiß aus Gesprächen mit Freunden, dass meine Befindlichkeiten keine Besonderheit sind. In dem Alter beschäftigt das viele in ähnlicher Art und Weise.

Die Grundlagen ihres Lebens scheint sich für viele Menschen zum Negativen verändert zu haben. Angeblich überfordern uns die gleichzeitigen Krisen und Ereignisse, die von grundlegenden Veränderungen und Anforderungen begleitet werden.

Zusammengenommen ergibt sich ein großes Potenzial existenzieller, aber bis jetzt nicht real existierender Unsicherheiten. Was soll nur werden? Wir fühlen uns ausgeliefert und hilflos, weil der einzelne Mensch auf die Ereignisse keinen Einfluss hat. Es gibt Aufsätze von Soziologen, die erklären, weshalb die Polarisierung der Gesellschaften (das klingt harmloser, als es ist) entstanden ist.

Medien

Da kommen die Medien ins Spiel. Der große Medientrend scheint mir in unserem Land in Schwarzmalerei zu bestehen. Dass sich manche Medien dabei besonders hervortun, nimmt man gleichgültig zur Kenntnis. Ändern kann man nur das eigene Konsumverhalten.

Die Menschen reagieren auf alle negativen Nachrichten nicht nur, sondern ihre Sorgen und Nöte werden auf diese Weise gesteigert. Das Übermaß an negativen Presseberichten hat Menschen im Informationszeitalter, glaube ich, schon immer überfordert. Leider hat diese Entwicklung inzwischen einen Punkt erreicht, der den Glauben an einfache und radikale Lösungen befördert hat (AfD). Die Glaubwürdigkeit demokratischer Institutionen hat bei vielen Bürger:innen massiv gelitten. Wie gefährlich das ist, zeigt sich an den Umfrageergebnissen der AfD, aber auch an der Sprachlosigkeit zwischen dem, was wir früher als politische Lager kannten.

Einordnung für alte Menschen

Wer sich, wie ich, viel mit negativen Vorgängen beschäftigt, der wird vielleicht eine noch kritischere Einstellung zur Realität entwickeln als andere. Zumal dann, wenn die sozialen Kontakte naturgemäß reduziert sind. Besuche in Großstädten haben meine Frau und ich stark reduziert. Wie viele, fühlen wir uns in Köln, Düsseldorf oder Aachen nicht sicher. Ältere Menschen tun sich schwerer mit Veränderungen als junge Leute. Dass es Ausnahmen gibt, ist klar. Aber generell dürfte das gestiegene Durchschnittsalter im Land ein Grund dafür sein, dass kaum etwas von Zuversicht und Optimismus zu sehen ist. Die marode Infrastruktur, die Krankenhäuser, die Inflation, die Ausländer, der Klimawandel, die Bildung, die Dominanzversuche muslimischer Jugendlicher in unseren Schulen, der Umgang mit Minderheiten. All diese Dinge und sicher noch mehr sind Anknüpfungspunkte für depressive Ansätze, Wut und Ablehnung.

Da wünscht man sich als Rentner einen anderen Fokus. Vielleicht war es nicht schlecht, einfach aus dem Fenster zu schauen und sich über Falschparker zu beschweren. Oder ist es etwa das, was ich mache – nur unter anderen (technisch besseren) Voraussetzungen? Damals brauchte man nur eine Brille, heute ist man ohne Computer, Maus und Tastatur doch einfach aufgeschmissen.

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