
Zorn ist ein schlechter Ratgeber. Das haben wir schon als Kind gelernt. Außerdem zählt er zu den sieben Todsünden. Vielleicht sagt das manchen auch noch etwas?
Nicht empören, sondern handeln!
Als es um die Entscheidung ging, die Gasimporte aus Russland abzuschalten, waren wir, wenn ich mich recht erinnere, schnell dabei. Die meisten waren überzeugt, das müsse jetzt sein. Es gab auch die Stimmen, die davor warnten, dass wir uns damit selbst treffen könnten. Aber sie waren meiner Erinnerung nach weniger zahlreich.
Inhalt
Werfen wir heute einen Blick auf den desolaten Zustand unserer Wirtschaft und vergegenwärtigen wir die maßgeblichen Gründe dafür, könnte man auf den Gedanken kommen, dass wir etwas vorschnell geurteilt und gehandelt haben. Manchmal neigen wir tatsächlich dazu, übereilt zu handeln.
Kurze Lunte
Nun scheint es wieder so weit zu sein, dass die kurze Lunte (der Deutschen) zum Vorschein kommt. Manche raten inzwischen explizit zur langen Lunte, weil diese Wesensänderung allzu auffällig zu sein scheint.
Nicht nur die Deutschen wollen Trump zeigen, dass wir uns nach all den Zumutungen eben von Vollidioten doch nicht alles bieten lassen. Zorn scheint genug aufgestaut worden zu sein, wenn es selbst Diplomaten zu viel geworden ist.
Wirft man einen Blick auf die krassen Umsatzrückgänge im Export in die USA, mag mancher zu dem Schluss neigen, dass ein paar Prozentpunkte mehr Umsatzrückgang durchaus verkraftbar wären. Dabei ist längst sicher, dass die absehbaren Konsequenzen für unseren Arbeitsmarkt (nicht nur in Deutschland) unverzüglich zu Protesten führen. Das ruft Gemecker unserer Gewerkschaften, Linkspartei, Grünen, SPD und anderer Vertreter der gebeutelten Unter- und Mittelschicht auf den Plan.
Atomenergie und andere »Entscheidungen«
Es dürfte erfahrungsgemäß schwierig werden, weil unsere Bevölkerung sich auch jetzt wieder der Folgen nicht bewusst ist, die ein umfassender Handelskrieg mit den USA nach sich ziehen wird. Wie schnell Stimmungen im Land umschlagen, haben wir erlebt, als es um das endgültige Aus der Atomenergie ging. Damals gab es kaum Proteste, und wie heute im konservativen Lager darüber »geredet« wird, muss ich nicht ausführen. Wir haben es während der Pandemie erlebt, wie Stimmungen innerhalb kürzester Zeit kippen und auch beim Ukraine-Krieg und dem ehrenvollen und großzügigen Verzicht auf billiges russisches Gas war es nicht anders.
Ein Handelskrieg mit den USA, der mit dem fast kindlich-naiv wirkenden Begriff »Bazouka« in die Debatte eingeführt wurde. Diesmal hat Macron in die Wortkiste der Albernheiten gegriffen. Früher einmal war Kanzler Scholz für solche seltsamen Begriffe (Wumms, Doppelwumms) zuständig.
Warnung vor der Warnung
US-Finanzminister, Scott Bessent, hat in Davos schon mal das Wort ergriffen und die Europäer vor Vergeltungszöllen gewarnt. Das kann einen normalen Menschen schon in die Verzweiflung treiben. Trump überzieht die Welt mit Zöllen, die seine Leute treffen, und »spendiert« ihnen zum Ausgleich pro Kopf 2000 Dollar. Wenn es dann zu einem Echo aus der EU kommt, entblöden sich die Trump-Vasallen nicht, explizite Warnungen auszusprechen.
Sollten wir uns das gefallen lassen und sind wir bereit, die Konsequenzen zu tragen, die dazu führen, dass ökonomisch kein Stein auf dem anderen bleiben wird? Die Geldsäcke im Land dürften wenig Freude an solchen Szenarien haben und wir werden noch viele Warnungen, wahrscheinlich auch Drohungen, aus dieser Ecke hören.
Steile Wand
Wir sind jetzt dran, steile Wand zu spielen und die Folgen zu ertragen. Einfach wird das nicht. Die EU wird vor allem zuerst dafür sorgen müssen, die Reihen zu schließen und denen, die wieder nicht »mitmachen« wollen, endlich und endgültig die Rote Karte zu zeigen. Wir können unmöglich weiter zulassen, dass gewisse Kräfte innerhalb der EU sich weiter als Spaltelement aufführen.
Leider scheint es inzwischen so zu sein, dass wir mit Kritik an Trump vorsichtig sein müssen. Die Bundesrepublik ist auf so vielen Gebieten dermaßen von den USA abhängig, dass uns Trump massiv schaden könnte.
Welche irre Macht der amerikanische Präsident inzwischen hat, zeigt das Beispiel von Nicolas Guillou. Der Richter am internationalen Strafgerichtshof, so las ich gerade, war einer der Richter der den Haftbefehl gegen Netanjahu erließ. Er kassierte nicht nur ein Einreiseverbot in die USA. Trump ließ zusätzlich als Antwort darauf seine Konten bei Amazon, PayPal und Airbnb sperren, dazu seine Kreditkarten American Express, Visa und Mastercard. Er und einige seiner Kollegen sind sozusagen digital komplett abgeschnitten.
Ja, die Abhängigkeit ist gegeben. Trotzdem sollten wir uns diese Unverschämtheiten nicht länger gefallen lassen.
Zu Guillow hatte ich mal etwas geschrieben: https://horstschulte.com/us-sanktionen-gegen-icc-richter-wie-washington-den-rechtsstaat-stranguliert/
@Horst Schulte: Habe ich wohl überlesen. Ich wundere mich nur, dass das medial nicht mehr Wellen geschlagen hat. Na ja eigentlich ist das demnach so verwunderlich nicht. Erschreckend, wie weit wir inzwischen gekommen sind. 😳
@Peter Lohren: Täglich dank Trump die Augen reiben und sie nach seiner täglichen »Lektion« nebst Ohren gut spülen und möglichst alles schnell vergessen.