Der Begriff Meinungsfreiheit als ideologisches Schlachtfeld

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meinungsfreiheit kulturkampf medien Kopie
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Inhalt

Was sich hierzulande abspielt, ist längst mehr als eine Debatte über Worte, Grenzen oder Zumutungen. Der Streit um Meinungsfreiheit ist mutiert – zu einem Kulturkampf, hart geführt, moralisch aufgeladen, medial befeuert. Liberale und illiberale Kräfte stehen sich gegenüber, rechts gegen links, oft blind für das, was sie gemeinsam verlieren.

Manchen Kommentatoren reicht die angeblich »journalistische« Dauerbeschallung durch das größte Focus-Elend längst nicht mehr. Namen wie Jan Fleischhauer oder Blüchel gelten dort als Maßstab. Gefordert werden mehr Härte, mehr Zuspitzung, mehr Schlag. Als wäre Journalismus ein Vorschlaghammer und kein Instrument der Aufklärung.

Wenn Kritik nicht mehr genügt

Bezeichnend ist der Umgang mit Fleischhauer selbst. Seine vergleichsweise moderate Kritik an Daniel Günther reicht Teilen des eigenen Lagers nicht mehr. Ihm wird vorgehalten, »mit den Wölfen zu heulen«, nur weil er inzwischen eine Sendung beim ZDF moderiert. Loyalität wird eingefordert, Abweichung sanktioniert. Das ist keine Debattenkultur, das ist Gesinnungsprüfung.

Hier zeigt sich die innere Logik dieses neuen Kulturkampfs: Wer nicht maximal eskaliert, gilt als Verräter. Wer differenziert, macht sich verdächtig. Die Fronten müssen klar bleiben, selbst wenn die Wirklichkeit längst komplexer ist.

Die amerikanische Versuchung

Diese Logik treibt dieses Land schleichend in eine Spaltung, wie wir sie aus den USA kennen. Dort nicht zufällig, sondern als Ergebnis jahrelanger medialer Eskalation. Auch dort begann es mit dem Ruf nach mehr »Klartext«, nach härterer Sprache, nach kompromissloser Haltung. Geendet hat es in einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr zuhört.

Was hier als »Qualitätsbeitrag« etikettiert wird, wirkt zunehmend wie ein Brandbeschleuniger. Lager werden getrennt, Fronten verhärtet, Erkenntnis wird durch Erregung ersetzt. So zerlegt man keine Lügen. So zerlegt man Gesellschaft.

Die Rolle der eigenen Reizbarkeit

Ich nehme mich davon nicht aus. Ich sehe mir zu viel Mist an. Dazu zählt auch Fleischhauers Kolumne »Der schwarze Kanal«. Und ich springe über jedes Stöckchen, das mir hingehalten wird, wenn es um die täglichen neuen Verfehlungen des Orangenen geht – Donald Trump als Dauerreiz, als Frustmaschine.

Die Amerikaner haben einen Fehler gemacht, als sie Trump 2016 zum Präsidenten wählten. Sie haben versagt, als sie es zum zweiten Mal taten. Sie haben ihre Väter und Großväter verraten, die gestorben sind für das, was sie damit auf den Müll geworfen haben. Die amerikanische Demokratie, die sich in festgemauerter Hybris immer für die stärkste der Welt hielt, hat mit wehenden Fähnchen und roten Kappen ihre eigene Demontage gewählt.

Die Schweine haben dem Metzger das Messer gegeben und immer noch zu wenige von ihnen wundern sich, warum sie nun bluten.

Quelle

Heute las ich einen klugen Text von Wortvogel, der genau diesen Mechanismus zu unterbrechen versucht. Die simple, fast banale Erkenntnis: Man muss nicht alles lesen. Man muss nicht alles kommentieren. Und man muss sich nicht jeden Tag mit den widerwärtigen Gedanken Trumps und seiner ekelhaften Arschkriecher beschäftigen.

Freiheit braucht Maß, nicht Dauerfeuer

Meinungsfreiheit ist kein Wettkampf um die schrillste Pointe. Sie lebt von Maß, von Selbstbegrenzung, von der Bereitschaft, auch den eigenen Reflexen zu misstrauen. Der gegenwärtige Kulturkampf aber belohnt das Gegenteil: Lautstärke statt Argument, Empörung statt Analyse, Lagerdenken statt Verantwortung.

Wenn wir diesen Konflikt weiter als Stellvertreterkrieg zwischen »rechts« und »links« führen, verlieren am Ende alle. Nicht die Freiheit stirbt zuerst, sondern die Fähigkeit, sie klug zu nutzen.

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5 Gedanken zu „Der Begriff Meinungsfreiheit als ideologisches Schlachtfeld“

  1. Schau dir unbedingt mal dieses Video an:

    Kaputtes Deutschland: Meine Reise durch ein verunsichertes Land | Ep. 1

    7 Jahre waren Anna und Eugen (»ein Durchschnittspaar aus Norddeutschland«) auf Weltreise (mit nur 2 kurzen Unterbrechungen). Ihr Kanal »Notizienvonunterwegs« dokumentiert einen Großteil der Reisen – ganz anders als es »Reise-Influencer« normalerweise tun. Zurück in Deutschland führt Eugen das weiter und startete eine Reise durch Deutschland, denn das Land ist nicht mehr dasselbe wie vor 7 Jahren.
    Der 1.Teil: Rügen und Hiddensee.

    »Deutschland ist gespaltener denn je – und doch vereint in einem Gefühl: Dass wir auf einem rostigen Tanker leben, der längst auf Grund gelaufen ist. Wie konnte es so weit kommen? Was ist kaputt gegangen in diesem Land – und was vielleicht auch in uns?
    Um Antworten zu finden, reise ich quer durch die Republik. Mein Ausgangspunkt: Rügen. Deutschlands größte Insel, am nordöstlichsten Rand der Karte. Dort, wo die Felsen bröckeln wie Kreide und die Wellen gegen das Land schlagen, als wollten sie es sich holen.
    Was euch erwartet? Authentische Einblicke. Persönliche Gedanken. Ehrliche Gespräche. Ein leiser Film in lauten Zeiten.«

    Tut richtig gut! Und erzeugt Verständnis, wo »normalerweise« eher Bewertungen und Verurteilungen folgen.
    SEHR INTERESSANT sind auch die Kommentare dazu! Neben viel Lob äußern sich hier Menschen aus unterschiedlichen politischen Richtungen auf vergleichsweise sachliche Art. Das Video (das nur 1.Teil einer Serie ist) ist »Qualitätsjournalismus«, wie wir ihn garnicht mehr kennen!

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