Europas sanfte Stimme in einer lauten Welt

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europa aussenpolitik schweigen macht
europa aussenpolitik schweigen macht

Europa spricht gern von Werten. Von Regeln. Vom Völkerrecht. Diese Begriffe tragen Gewicht, historisch und moralisch. Doch sie verlieren ihre Bedeutung, wenn sie folgenlos bleiben. Wer sie ausspricht, muss bereit sein, sie zu verteidigen – auch dann – nein! vor allem, wenn es unbequem wird.

Die Reaktionen der EU auf das aggressive Vorgehen der USA gegenüber Venezuela wirkten wie aus einem vertrauten Drehbuch: Besorgnis, Appelle, der Hinweis auf Dialog. Kein klares Wort zu Rechtsbrüchen, keine spürbaren Konsequenzen. Man wollte den Konflikt nicht verschärfen. Man wollte Ruhe. Man bekam Bedeutungslosigkeit.

Das ist kein diplomatisches Missgeschick, das ist ein Muster.

Europa verwechselt Zurückhaltung mit moralischer Überlegenheit. Dabei ist Schweigen keine neutrale Geste. Schweigen ist ein Signal. Es sagt: Wir sehen es, aber wir handeln nicht. Für autoritäre Akteure ist das keine Einladung zum Nachdenken, sondern zur Wiederholung.

Moralisch wird es genau hier heikel. Wer sich auf das Völkerrecht beruft, kann nicht selektiv empört sein. Recht verliert seinen Sinn, wenn es nur gegenüber Schwächeren verteidigt wird. Dann wird aus Moral Rhetorik und aus Prinzipien Dekoration.

Geschichte zeigt, dass Machtpolitik nicht durch gute Absichten gebremst wird. Sie reagiert auf Grenzen. Auf Kosten. Auf klare Ansagen. Wer diese scheut, delegiert Verantwortung an andere – und wundert sich später über die Ergebnisse.

Europa hätte Optionen. Klare diplomatische Verurteilungen. Politische und wirtschaftliche Konsequenzen. Eine gemeinsame Linie, die nicht an nationalen Befindlichkeiten zerbricht. All das wäre kein Akt der Aggression, sondern der Selbstachtung.

Stattdessen setzt man auf Hoffnung. Darauf, dass sich Konflikte abnutzen. Dass Vernunft siegt, wenn man nur lange genug wartet. Hoffnung ist menschlich. Aber Hoffnung ist keine Außenpolitik.

Moralisches Handeln bedeutet nicht, immer beliebt zu sein. Es bedeutet, bereit zu sein, Konflikte auszutragen, wenn Regeln gebrochen werden. Auch mit Partnern. Gerade mit Partnern.

Europa steht nicht außerhalb der Geschichte. Es schreibt an ihr mit – durch Handeln oder durch Unterlassen. Wer glaubt, Nicht-Entscheiden sei folgenlos, irrt. Geschichte registriert beides. Und sie ist unerbittlich in ihrer Bilanz.

Die Frage ist nicht, ob Europa stark genug ist. Die Frage ist, ob es bereit ist, Stärke zu zeigen, wenn sie nötig wäre.

Am Ende lohnt ein kurzer Blick zurück. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Nüchternheit.

Neville Chamberlain ist nicht deshalb zur historischen Warnfigur geworden, weil er Frieden wollte. Das wollten viele. Er wurde es, weil er Macht falsch einschätzte. Weil er glaubte, Worte könnten reichen, wo Interessen längst mit Gewalt durchgesetzt wurden. Sein berühmtes Versprechen vom »Frieden für unsere Zeit« war ehrlich gemeint – und politisch fatal.

Der Fehler lag nicht in der Moral, sondern in der Annahme, Moral allein könne Aggression bändigen.

Europa steht heute vor einer ähnlichen Versuchung. Nicht in der Lage, nicht in der historischen Konstellation, wohl aber in der Haltung. Der Wunsch, Konflikte zu entschärfen, indem man sie rhetorisch einhegt. Die Hoffnung, dass Zurückhaltung als Vernunft gelesen wird. Die Angst, durch Klarheit Verantwortung zu übernehmen.

Chamberlains Geschichte mahnt nicht zur Härte um der Härte willen. Sie mahnt zur Klarheit. Zur Bereitschaft, Grenzen zu benennen, bevor andere sie überschreiten. Zur Einsicht, dass Frieden nicht dort entsteht, wo man ihn beschwört, sondern dort, wo Regeln verteidigt werden.

Geschichte wiederholt sich nicht. Sie verzeiht selten jenen, die glauben, Schweigen sei die klügste Antwort. Europa leistet sich die Art von Beschwichtigungspolitik, die Feigheit und Unvermögen demonstriert. Putin, Trump und Xi wissen das auszunutzen.

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5 Gedanken zu „Europas sanfte Stimme in einer lauten Welt“

  1. D kann/will sich nicht selber verteidigen. Laut Umfragen, ist dazu nicht wirklich jemand bereit. Die junge Generation möchte das nicht.

  2. Habe mir gerade den Wikipedia-Artikel zu Chamberlaine durchgelesen – und finde seine Politik zu seiner Zeit sehr nachvollziehbar. Er wurde – für sein »diplomatisches Vorgehen« – sogar zehnfach für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Ab dem deutschen Einmarsch in Prag (1939) hat er dann umgedacht.

    Seine Stellung als Premierminister UK ist aber nicht zu vergleichen mit den Repräsentant/innen der EU, die nur das sagen dürfen, was in 27 Ländern konsensfähig ist. Du schreibst:

    »Europa hätte Optionen. Klare diplomatische Verurteilungen. Politische und wirtschaftliche Konsequenzen. Eine gemeinsame Linie, die nicht an nationalen Befindlichkeiten zerbricht. «

    Google-KI-Zitat:

    »die EU ist für eine Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) zuständig, die in enger Abstimmung mit den Mitgliedstaaten ihre Interessen nach außen vertritt, Frieden und Stabilität fördert und globale Herausforderungen wie Klima- oder Handelspolitik angeht, wobei wichtige Entscheidungen oft einstimmig getroffen werden müssen, um die nationale Souveränität zu wahren. «

    Du meinst, »die EU« könnte jetzt kantig gegenüber USA auftreten? Politische Konsequenzen – welche? Gar wirtschaftliche? Schon die 15% Zölle (Alu / Stahl deutlich mehr), haben die EU-Länder unterschiedlich stark belastet. Wenn Von der Leyen was sagen würde, das Trump auf die Palme bringt, schreckt er womöglich vor weiteren Strafmaßnahmen nicht zurück, so irre, wie dieser Narzist drauf ist – aber leider hat er die Macht. (Und Von der Leyen müsste wohl zurücktreten, wenn ihr einige Länder wegen »unabgesprochen scharfer Reaktion« aufs Dach steigen.

    Ja, Merz hätte mehr sagen können als das bisherige Geschwurbel. Als Kanzler darf er das, muss aber ebenfalls mit Konsequenzen für die eh schon schwächelnde Wirtschaft rechnen. Er glaubt wohl noch, weil Trump ihn nicht gedemütigt hat, sei sein verhaltener Kurs schadensärmer für Deutschland.

    Mich regt das alles auch auf, aber ich würde ehrlich gesagt nicht applaudieren, wenn z.B. mein Einkommen um 15% sinken würde (oder der Mindestlohn, die Grundversorgung…), weil Trump Maduro verhaftet und Militärziele im V. bombardiert hat – und Merz ihn dann ehrlich entrüstet kritisiert hätte.

    Die Belastung durch den Ukraine-Krieg ist ja schon heftig genug. Hinter der stehe ich, sehe aber auch, dass es hierzulande deshalb viel böses Blut gibt.

  3. Hier mal ein Langzitat aus »Das Menetekel an der Wand« aus Politik&Ökonomie, das die Dinge, die ich ansprechen wollte, auf den Punkt bringt (Hervorhebungen von mir)- leider auch ohne Ausweg:

    »Epochenbruch und europäische Ohnmacht

    Der Angriff auf Venezuela zeigt in aller Schärfe, wo die Weltgemeinschaft derzeit steht: Wortwörtlich inmitten eines »Epochenbruchs«, um den Bundeskanzler erneut zu zitieren. Die alte internationale Ordnung wird nicht mehr nur unterlaufen, sie wird demonstrativ ignoriert. Großmächte beginnen die Welt in Einflusszonen aufzuteilen, in denen jeweils eine dieser Großmächte entscheidet, was gilt. Eine dritte Instanz, einen übergeordneten Maßstab der Gerechtigkeit, des Friedens, der Sicherheit, schließlich: der Freiheit, gibt es dann in dieser Welt nicht mehr. Tertium non datur.

    Für Europa ist diese Entwicklung besonders gefährlich. Die EU ist militärisch fragmentiert, politisch oft uneinig und strategisch abhängig. Ihr Erfolg als Wirtschaftsraum und politisches Gebilde hängt an der Geltung von Regeln im geopolitischen und geoökonomischen Kontext. Gerade deshalb ist es für die Europäer kein moralischer Luxus, sondern elementares Eigeninteresse, am Völkerrecht festzuhalten und ihm Geltung zu verschaffen.

    Diese Aufgabe aber setzt die Fähigkeit voraus, völkerrechtliche Verstöße zu sanktionieren. Dafür fehlt es Europa gegenwärtig nicht nur an militärischer Stärke und Souveränität. Es fehlt auch an einem gemeinsamen Reflexionsprozess darüber, was »Europa« als Idee in der neuen Weltordnung bedeuten soll. Das Selbstverständnis der Europäischen Union beruht zu einem wesentlichen Teil auf jener grandiosen Erzählung, nach der Europa das Licht der Freiheit und des Friedens in den Rest der Welt gebracht hat.

    Der Hinweis, dass diese universalistischen Ideale in der historischen Wirklichkeit oft als Mäntelchen für koloniale Interessen dienten, hat das europäische Selbstbewusstsein nicht grundsätzlich getrübt; die globale Attraktivität und Geltungskraft der universalistischen Ideale schien doch augenfällig. Die Erfahrung der Regionalisierung dieser Ideale durch die Rückkehr der Großraumpolitik trifft insofern ins Herz des europäischen Selbstbewusstseins. Sie fällt zusammen mit Ansehensverlust und realer Stagnation im ökonomischen und technologischen Bereich.

    In der Folge werden Zweifel an der liberalen Demokratie mit ihren universalistischen Prämissen und am Projekt der Europäischen Union im Elektorat der europäischen Demokratien immer lauter. Die Krise ihrer geopolitischen Rahmenbedingungen wird zu einer inneren Krise des europäischen Projekts. Welchen Ausgang diese Krise nimmt, ist offen. Immer deutlicher aber wird: Ob das Völkerrecht als Institution und Versprechen ein historischer Faktor bleibt, hängt wesentlich davon ab, ob die Europäer willens und fähig sind, ihm in Wort und Tat Geltung zu verschaffen. «

    Was »und Tat« angesichts dieser Analyse bedeuten könnte, fehlt leider!

    Zur Uneinigkeit:
    »Nach mehr als 25 Jahren Verhandlungsdauer soll heute in Brüssel das Mercosur-Abkommen besiegelt werden. Paris will dem Deal nicht zustimmen – wegen Risiken für die Landwirtschaft. Die erforderliche Mehrheit dürfte dennoch zustande kommen.« (Tagesschau)

    Immerhin scheint es jetzt mehr Mehrheitsentscheidungen zu geben als früher.

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