Wohlstandsniveau: „Deutschland geht es gut.“

Deutschlands gings mal gut. Wirklich?

von: Horst Schulte

/ 5 Min. Lesezeit

Deutschland geht es gut. Das war ein CDU-Slogan, der schon immer halbgelogen war. Nur durfte man der Union oder auch ihrem Anhängsel, den Freien Demokraten, damit nicht kommen. Nicht den Deutschen ging es gut (von gewissen Kreisen freilich abgesehen), sondern dem Land. Da konnte Schäuble sogar sparen (schwarze Null) und die Jubelarien der konservativen Begleiter im Unternehmertum und in der Presse waren stets präsent. Dass die Infrastruktur still vor sich hinverrottete, wissen wir inzwischen. Unverantwortliche Politik war das. Aber wir ließen uns ja für dumm verkaufen. Wie es den Menschen im Land ging, wurde erst nach und nach (u.a. Altersarmut, Mindestlohnempfänger) sichtbar. Ich habe bis heute Zweifel, dass das alle begriffen und die Hauptschuldigen dafür ausgemacht haben.

Besonders empfänglich für rückwärtsgewandte Botschaften sind der Befragung zufolge Männer in ihren Dreißigern, die der Generation der Millennials zugerechnet werden. Als Auslöser der neuen Rückwärtsgewandtheit gelten unter anderem die Krisen der Zeit, sagt Soziologe Morris-Lange: »Als Jugendliche haben sie die Finanzkrise erlebt, zum Schulabschluss die sogenannte Migrationskrise, der Berufsstart fiel in die Coronazeit, anschließend kam der Krieg in der Ukraine«. Die Unzufriedenheit über politische Maßnahmen bilde den Nährboden für Frust.

Quelle

Das ist ein Ausschnitt aus einem Spiegel-Artikel von heute ($). Titel: »Warum bei vielen jungen Menschen die Sehnsucht nach gestern groß ist«

Wenn ich also mit Begeisterung von früher ™ schreibe, lasse ich mir nicht mehr einreden, dass es nur am Alter (72) liegt. Ähnliche Empfindungen teilt die junge Generation. Da weiß ich nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll. Verstehen kann ich das auf alle Fälle.

Obwohl ich weiß, dass radikale oder extremistische Parteien (Linkspartei / AfD) zuletzt insbesondere bei jüngeren Leuten einen erheblichen Zulauf hatten, hätte ich nicht erwartet, dass die Verklärung der Vergangenheit bei den Entscheidungen offenbar eine so prominente Rolle spielen könnte.

Ich würde sagen, die persönlichen Lebenserfahrungen der Jungen werden ihren Niederschlag gefunden haben, und das kann ihnen keiner verübeln. Zumal ich von meinen Altersgenossen ständig mit Aussagen konfrontiert werde, die diese Einstellungen doch geradezu bedingen. Man hört, dass man heute nicht mehr jung sein möchte, weil es mit Deutschland rapide bergab gehe und sich die Dinge im Gegensatz zu früher ™ so negativ darstellten.

»Work-Life-Balance«

Ratschläge mag ich in dieser Beziehung nicht geben, weil unser Lebensgefühl über Jahrzehnte fast durchgängig zumindest von einem leisen Optimismus geprägt war. Die Dinge wurden durch konjunkturelle Schwankungen arbeitsplatztechnisch oder gehaltlich während meines Lebens schon einmal etwas schlechter, allerdings waren wir NIE von strukturellen Einbrüchen berührt, die unisono von Journalisten, Ökonomen und Politikern heutzutage beklagt werden. Wie soll man aus solchen Aussagen Hoffnung schöpfen, ohne dabei die Suche nach den Schuldigen zu forcieren? Vor allem dann, wenn sich extremistische (demokratiefeindliche) politische Kräfte inzwischen in weiten Teilen unserer Bevölkerung Gehör verschafft haben.

Die Amis sind entwicklungstechnisch weit (sic?) voraus. Dort herrschen die Faschisten schon jetzt und eigentlich sollten die jungen Menschen, die das live und in Farbe miterleben, ihre eigenen Schlüsse ziehen. Aber vielleicht ist die Mutlosigkeit auch ein typisch deutsches Phänomen, das mit den Generationen an sich nur wenig zu tun hat.

»Lifestyle-Teilzeit«

Wir neigen zum Grübeln. Deshalb hätten wir uns von den Amerikanern, die bis vor gar nicht so langer Zeit für ihre positive Sicht auf die Welt erhalten hatten, diesbezüglich ruhig eine Scheibe abschneiden können. Oder von manchen unserer europäischen Nachbarn. Wir bekommen schlechte Presse. Nicht nur von den Medien, auch der Kanzler und seine Unionskollegen scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, das Elend zu vergrößern, in dem sie uns Schuldbewusstsein suggerieren. Wir arbeiten zu wenig, sind unmotiviert und feiern so viel krank, dass die Wirtschaft nur darben kann. Davon, dass Menschen, insbesondere Frauen, auf Teilzeitarbeitsangebote angewiesen sind, weil sie in ihrer Lage nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, wird schlichtweg ausgeblendet. Wie auch die Tatsache, dass in diesem Land über eine Milliarde Überstunden geleistet werden, viele davon unentgeltlich. Grüße an Frau Connemann von der CDU.

In Deutschland leisteten Arbeitnehmer 2023 durchschnittlich ca. 31,6 Überstunden, wobei über die Hälfte der insgesamt 1,3 Milliarden Stunden unbezahlt blieb.

Es ist nicht gut, wenn die Menschen ständig zu hören bekommen, wie faul und teuer sie sind. Den Arbeitgebern macht es offenbar Freude, die Leute zu demotivieren und ihnen die schlimmsten Visionen vor Augen zu halten. Gerade las ich, dass wir auf das Wohlstandsniveau der 70er Jahre zurückfallen könnten. Wie aufbauend für alle, die sich nach hinten umschauen, um dort Motivation für die Zukunft zu finden.


»Unser Sozialstaat wird auf das Maß der 1970er-Jahre schrumpfen müssen.« — Das ist kein nüchterner, volkswirtschaftlich berechnetes BIP-Szenario, sondern eine meinungsstarke politische Prognose, wonach Deutschland sich künftig nicht mehr den heutigen Umfang seines Sozialstaats leisten könne und daher in sozialen Leistungen auf ein Niveau zurückfallen müsse, das man aus den 1970er Jahren kennt.  

Quelle: Schuster, Chefredakteur »Welt am Sonntag«

Solche Ansagen von Leuten, die eine politische Agenda verfolgen, sollten wir in die Tonne treten und den Verlag, aus dem permanent solche Hiobsbotschaften stammen, gleich mit.


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