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Amy Coney Barrett will Obamacare kippen

Die Amerikaner müssen für Medikamente viel mehr bezahlen als wir in Europa. Gleichzeitig aber plädieren sie gegen Obamacare. Aber das ist nicht der einzige Unterschied, der einem auf Anhieb auffällt.


   Letzte Änderung: 7. Mrz. 2021   3 Min. Lesezeit 435

Die Vorwürfe wegen angeblichem Antiamerikanismus werden vor allem an Deutschland adressiert. Ich finde es übertrieben. Wie alles übertrieben ist, was aus den USA bzw. von den hiesigen Hardcore-Ami-Fans kommt. Warum sie in hoher Anzahl dafür sind, Obamacare wieder abzuschaffen, bleibt mir jedenfalls ein Rätsel.

Obamacare

Dieses ganze System ist so durch und durch korrupt, extremkapitalistisch, rassistisch und gewalttätig, dass ich mich wundere, dass es noch Leute gibt, die sich hier bemühen, das alles ganz anders zu beschreiben.

Meine negative Haltung ist seit der Trump-Wahl wohl zu etwas unumkehrbaren kulminiert.

Das demokratische Amerika aus den Angeln gehoben

Aus meiner Sicht tut Trump sowieso mit einigem Erfolg alles dafür, das demokratische Establishment aus den Angeln zu heben. Es ist schrecklich, dass weder die Republikaner noch die Demokraten dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen haben. So ist es möglich, dass die Pläne des auch bei der europäischen Rechten (Köppel, SVP) populären Stephen Bannon nach und nach tatsächlich Realität werden könnten.

Angesichts der starken Polarisierung eines Teils der us-amerkanischen Gesellschaft, die von einer zunehmender Militarisierung gewisser Gruppen flankiert wird, halte ich es nicht für ausgemacht, dass die Trump-Regierung je nach Ausgang der Wahlen das „Feld“ räumen wird. Diesem Präsidenten traue ich so ziemlich alles zu. Auch, dass er – nur um seine Pläne weiter umsetzen zu können, einen Bürgerkrieg riskiert. Keiner weiß, auf welche Mannstärke die paramilitärischen rechtsextremen Gruppen, die auf Trumps Stichwort warten, kommen.

Obamacare

„Das Ziel ist es, das Reich Gottes aufzubauen.“ Amy Coney Barrett

Trump plant wohl mit Barrett als Ginsburg-Nachfolgerin – ZDFheute

Die konservative „Revolution“ in den USA

Trumps Entscheidung, die krass konservative Amy Coney Barrett schnellstens ins Amt zu bringen, um seine Möglichkeiten im Falle eines aus seiner Sicht unklaren Wahlergebnisses, zu verbessern, kann nur besorgt machen.

Dass Barrett angekündigt hat, Obamacare gleichsam als die oder eine der ersten Amtshandlungen kippen zu wollen, reiht sich in die anderen Anliegen dieser Dame ein, die sie so publikumswirksam in die Öffentlichkeit hinausposaunt hat. Wie sich ihr Anliegen als radikale Christin, Abtreibungsgegnerin mit ihrem ebenso radikalen Plädoyer für die Interessen einer waffenstrotzenden und deshalb so gefährlichen Gesellschaft in Einklang bringen lässt, weiß nur sie allein. Dieser Sinn für Freiheit und Eigenverantwortung mag für viele etwas Erstrebenswertes sein. In Europa, vor allem hier in Deutschland, wird dieser Sinn eher nach gesellschaftlichem Bankrott klingen.

Kranke und Arme

Trump halte ich zugute, dass er die Opioid Krise 2017 endlich beendet hat. Jetzt lese ich, dass die Medikamentenpreise in den USA ein Niveau erreicht haben, das angesichts des Vorhaben der mutmaßlich neuen Richterin am Supreme Court für Millionen von Amerikanern noch ein Problem werden dürfte. Wenn wieder Millionen von Amerikanern ihre Krankenversicherung einbüßen, weil Obamacare fällt, wird es vielleicht doch ein böses Erwachen geben.

Zwar opponieren Politiker des Landes schon lange gegen die allgemeine Preisentwicklung für Medikamente, getan hat sich nichts. Ein Fall für Trump?

Im verlinkten NZZ-Artikel beschreibt der Autor einen typisch neoliberalen Ansatz, der in so einer Situation gern „ausgepackt“ wird.

Die Branche muss lernen, Instrumente der Digitalisierung noch stärker zu nutzen. Dadurch sollten sich beispielsweise klinische Studien kostengünstiger durchführen lassen.

Medikamentenpreise: Big Pharma ist in den USA zu weit gegangen

Medikamentenpreise: Big Pharma ist in den USA zu weit gegangen

Als ob die Digitalisierung ernsthaft die Kostenstruktur der für ihre raffgierig gekannten Pharmaindustrie so weit verändern könnte, dass annehmbarere Preise für Patienten dabei herauskämen!

Hört man den Fürsprechern der aktuellen Version der Vereinigten Staaten zu (Broder, Steinhöfel und anderen), so bekommt man von diesen um die Ohren geschlagen, dass alle Kritiker im Grunde entweder keine Ahnung hätten oder Sozialisten wären. Im Prinzip wäre das in deren Weltbild natürlich das Gleiche. Wahrscheinlich sind beide privat versichert und nicht auf Obamacare oder so angewiesen.

Dann lieber ein fürsorglicher Sozialstaat

Wir Deutsche mit unserem fürsorglichen (bevormundenden?) Sozialstaat mögen das Wesen der Amerikaner nicht (mehr) verstehen können. Vielleicht war das früher (vor den 1970er Jahren) anders. Aber das dürfte dann in den europäische Länder mit funktionierenden Sozialsystemen nicht viel anders sein. Ich möchte nur hoffen, dass das nicht mehr zutrifft, was wir früher so oft über die USA hörten. Nämlich, dass die dortigen Trends und Entwicklungen früher oder später auch hier anlanden würden. Gott bewahre.

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