Gesellschaft   ·  5 Min.

Mein Leid, Dein Leid, unser Leid

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Wenn wir an den Verhältnissen im Land etwas ändern möchten, brauchen wir mehr als Empörung über die Zustände bei Tönnies

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Täglich lese ich davon, wie mies Menschen (fremder Herkunft und anderer Hautfarbe) in unserem Land behandelt werden. Die Meldungen beschränken sich nicht auf die Berichte über konkrete Missstände, sondern sie sind mit Bewertungen und mit massiven Vorwürfen gegen Deutschland und die Deutschen verbunden. Mich macht das traurig. Aber was hilft’s? Multi-Kulti ist entweder ein idealisierter Begriff oder zum Kampfbegriff der Nationalisten mutiert.

Wenn von Deutschen, wahlweise von Kartoffeln oder Krauts die Rede ist, meint das nichts anderes als die Nachkommen der Nazis. Politisch korrekt müsste es wohl autochthone Bevölkerung heißen. Das scheint den meisten egal zu sein. Oft genug stimmen Linke, weil Sie’s natürlich immer besser wissen als alle anderen, in diesen Kanon ein, nicht selten übernehmen sie in diesem Chor der Selbstbezichtiger die erste Stimme.

Behandle Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest

Die Rumänen und Bulgaren, die seit vielen Jahren nach Deutschland kommen, werden ausgebeutet und sind so mies untergebracht, dass „man“ sich schämt. In meinem Namen passiert das nicht, sag ich mir. Ich kaufe mein Fleisch nicht im Supermarkt oder beim Discounter. „Ja, das muss man sich halt auch leisten können“, ist die Antwort, die man darauf prompt bekommt.

Ich soll mich schämen, weil irgendein Kapitalist aus den den ArbeiterInnen zugemuteten Lebensumständen Kapital schlägt? Ich hab mich doch eingerichtet in diesem System. Mein Leben lang habe ich es scheiße gefunden und jetzt, 66 Jahre alt, rede ich immer öfter davon, wie dankbar ich bin, in diesem Land leben zu können (nicht nur wegen Corona). Es mag andere Begründungen als meine geben. Aber so denken viele doch – oder?

Die Migranten sollen sich wehren aber auch daran denken, wie leicht Porzellan zerschlagen wird.

Es ist traurig, dass wir – alle miteinander – in diesem Land, diese Machenschaften hinnehmen. Mir soll keiner erzählen, er hätte noch nie davon gehört. Dass Migranten, die in Deutschland einen hohen Bevölkerungsanteil (15%) repräsentieren, sich nicht anders verhalten als die autochthone Bevölkerung es tut, sagt etwas aus. Was das genau sein könnte, ist schwer zu sagen. Vielleicht liegt es am mangelhaften Solidaritätsbewusstsein? Wer hat uns dazu gezwungen, es abzulegen. Warum hat es sich gegenüber früher ™ so verändert. Das wird doch immer behauptet.

Es wurden in den letzten Jahrzehnten Geschäftsmodelle entwickelt und etabliert, die darauf basieren, Menschen auszubeuten. Die Geschäftsmodelle basieren nicht auf einer echten Geschäftsidee, sondern auf die Ausbeutung von Menschen. Und das im 21. Jahrhundert. Manche wundern sich darüber, dass die paar Sozialisten immer noch für eine andere, bessere Gesellschaft kämpfen. Schnell empören sich die Leute darüber, dass es autonome Gruppen gibt, die zu diesem Zweck Gewalt anwenden. Ich rede nicht der Gewalt das Wort. Manchmal verstehe ich jedoch die Gefühlslage vieler desillusionierter Menschen, die es nicht wahrhaben wollen, wohin unsere Welt sich entwickelt. Wir bilden uns ein, die Sklaverei abgeschafft zu haben und erlauben Zustände wie bei Paketdiensten, Frischedienstleistern oder Schlachthöfen? Wir beklagen uns, weil die großen Kaufhäuser verschwinden, Arbeitsplätze verloren gehen und verwaiste Innenstädte drohen. Alles nicht schön. Aber es liegt nicht nur an falschen Entscheidungen der Vorstände, der Politik. Nein, letztlich liegt es bei uns.

Wir brauchen Erntehelfer und Arbeiter für Schlachthöfe

Spargel stechen, Erdbeeren ernten, Tiere schlachten und auseinanderschneiden, Häuser bauen, Häuser reparieren und was weiß ich nicht noch alles? Dafür brauchen wir in Deutschland Menschen aus EU-Ländern, in denen das Monatseinkommen einen Bruchteil dessen ausmacht, das in Deutschland (noch) üblich ist. Personenfreizügigkeit heißt das Zauberwort. Das ist eines der Pfunde, das die EU in ihren Brexit-Verhandlungen mit Premier Johnson auf gar keinen Fall aufgeben will. Aber nicht nur, weil Art. 45, Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union zu den Kernerrungenschaften der EU (Vier Grundfreiheiten) zählt, sondern weil dies angeblich zum Wohlstand Deutschlands beiträgt. Da ist es wieder: diese Verallgemeinerung. „Deutschland geht es gut“. Sicher, es gibt viele Deutsche, denen es gut geht. Aber die Zahl derer, denen es nicht gut geht, wächst. Immer weiter.

Die EU-Administration, unsere Regierung und die meisten unserer Parteien behaupten immer schon, all diese Dinge der Bevölkerung zugute kämen. Es fällt etwas für uns ab. Das will ich nicht bestreiten. Und wenn es nur die höheren Steuereinnahmen für den Staat sind. Von denen – so hört man – profitieren wir ja alle. Wenn man sagt, dass sich die Superreichen viel zu wenig an der Finanzierung unseres Geheimwesens beteiligen, wird dafür als Neider oder gleich als Sozialist abgetan. Wie ist es möglich, dass einer, der ausschließlich von seinem Kapital lebt, keine Einkommensteuer (42%), sondern nur die sehr viel niedrigere Kapitalertragssteuer (25%) bezahlt?

Aus meiner Sicht geht es darum, dass nicht nur nationale, sondern auch viele EU-Regeln die Kapitalisten reicher machen und dass dafür gesorgt wird, dass dieser Reichtum auf jede erdenkliche Art und Weise absichert wird.

Wer hat was davon, wenn Menschen mies behandelt werden?

Dazu gehören die Bilder, über die wir uns jetzt (mal wieder) beklagen.

Der Binnenmarkt stärkt die Wirtschaft und in einer idealen Welt könnte man sagen, dass alle Menschen in diesem Raum von den Maßnahmen profitieren würden. Wer zum Zynismus neigt, wird jetzt sagen: Auch die Bulgaren, Rumänen oder Polen profitieren, schließlich kommen sie nur aus diesem Grund nach Deutschland. Außerdem ist es doch eine Win-Win-Situation! Die Unternehmen profitieren und die Häuslebauer, Erdbeer – und Stangenspargel – Kunden profitieren von günstigeren Preisen. Viele von uns tun das.

Leute wie Herr Tönnies ziehen (kurzfristig) den Ärger der Nation auf sich, weil er dafür gesorgt hat, dass unsere Schlachtplatten so „preiswert“ sind, unsere Grillhähnchen und das Grillgut, das wir für ein gelungenes Wochenende einfach brauchen. Er tat nur das, was jeder „gute Kaufmann“ gut, er hat die Produktionsbedingungen der Nachfrage „angepasst“. Der Nachfrage angemessene Preise sind nur zu erzielen, in dem Ausbeutung im ganz großen Stil praktiziert wird. Ich erinnere mich noch, als der damalige Chef der Bundesagentur für Arbeit einen neuen Paketdienst gegründet hat. Die vorgesehenen Löhne waren Hungerlöhne. In der Öffentlichkeit wurde der Mann massiv dafür kritisiert, dass sein Geschäftsmodell auf Ausbeutung beruhe. Wie viele solcher Betrieb mag es inzwischen in Deutschland wohl geben? Wer jetzt Mindestlohn ruft, der soll sich an die Möglichkeiten erinnern, die Gerhard Schröder mit seiner Schleusenöffnung, Agenda 2010 genannt, geschaffen hat.

Marktüblich, weil wir nichts dagegen unternehmen

Sehr gut, könnte man sagen, dass wir in durch Corona der Brutalität solch marktüblicher Schikanen auf die Schliche gekommen sind. Dass diese Art von Wirtschaften von bestimmten politischen Parteien in Deutschland stets gefördert wurde, bringt die Gewissheit, dass diese schrecklichen Dinge kein Ende finden. Das geht weiter. Und wir dürfen uns dann wieder erregen. Das ist doch auch schon mal was. Das ist das einzige Versprechen, das wir erhalten werden.

Die Parteien, die wirklich etwas für die Menschen tun und gegen diese grauenhaften Umstände kämpfen, werden weiter abgestraft. Ich spreche von der SPD!

Wenn ich von Hunderten Millionen von Wanderarbeitern lese, die hauptsächlich in China aber auch außerhalb Chinas (Italien) arbeiten, um für ihre Familien das Lebensnotwendige zu erarbeiten und was ihnen widerfährt, kann man das vermutlich nicht im Ansatz mit den Lebensumständen der Bulgaren und Rumänen vergleichen, die von Tönnies und seiner Industrie ausgebeutet werden. Es macht allerdings sichtbar, wie groß die Menschenverachtung des kapitalistischen Systems ist. Wenn schon die Kommunisten sowas tun… Nur ist unser Anteil an der Entwicklung in China möglicherweise ja auch größer als wir glauben. Welche naheliegenden Zusammenhänge mit den Auswüchsen des westlichen Kapitalismus gibt es? All die verlängerten Werkbänke und Join Venture, die von westlichen Unternehmen dort seit Jahrzehnten etabliert wurden, werden nicht folgenlos geblieben sein.

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Artikelautor: Horst

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Damals habe ich dieses schöne Hobby für mich entdeckt. Ich bin jetzt 66 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt in der schönen Stadt Bedburg, nicht weit von Köln entfernt. Das mit dem Schreiben ist zwar weniger geworden. Aber ab und zu schreibe ich hier und anderswo. Die sozialen Netzwerke haben die Welt verändert - nicht zum Guten!