Eben las ich bei Tichys Einblick von der »Mainstream-Ökonomie«. Werden jetzt alle aktuell diskutierten Bereiche von den reaktionären Kräften Deutschlands mit jenem negativ konnotierten Begriff geschmückt? Die »Mainstream-Medien« kannte ich schon. Jetzt also auch die »Mainstream-Ökonomie«. Könnte man das von der AfD gern benutzte Wort »Alt« vor »Alt«-Parteien nicht auch durch Mainstream-Parteien ersetzen? Oder wie wärs mit der »Mainstream«-Wissenschaft. Was – das gibts schon längst?
Der weltanschauliche Krieg mit Worten kommt gut voran, muss ich sagen. Toleranz und Kompromiss sind Begriffe der politisch verbrannten Erde. Wenn heute einer von europäischen Werten erzählt, kippt die Stimmung. Das geschieht auf der linken wie auf der rechten politischen Seite, freilich aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Ökonomischer Sachverstand?
Vielleicht hatte die AfD von Anfang an recht, wenn sie den Euro zum Teufel gewünscht hat? Aber die Mainstream-Ökonomen haben sich mithilfe der Mainstream-Medien und den Mainstream-Politikern durchgesetzt. Da war einfach nichts zu machen. Als renommierte Volkswirtschaftler, einst die AfD hauptsächlich zum Kampf gegen den Euro gegründet hatten, gehörten Leute wie Max Otte, Daniel Stelters, Marc Friedrichs, Markus Krall und wie sie alle heißen, zu den scharfe Schwerter schwingenden Kombattanten.
Den Euro gibts aber immer noch, auch wenn die Zweifel wachsen. Mit der Frage, ob es bei ihrem Kampf gegen den Euro, um Kritik an der für Deutschland ungünstigen historischen Entscheidung ging oder nicht um einen wahrscheinlich nationalistisch-konservativen Ansatz, werden sich irgendwann vielleicht einmal Historiker befassen.
German Angst
Neue Umfragen zeigen, dass die Deutschen inzwischen mehr Angst vor einer Inflation haben als vor Corona. Die Nachrichtenlage ist beunruhigend und die Handlungsfähigkeit der EZB, deren Hauptaufgabe die Bekämpfung von Inflation ist, scheint sehr begrenzt zu sein. Jedenfalls wurden die Käufe von Staatsanleihen zwar reduziert, der Leitzins wird jedoch für den Moment nicht erhöht.
Damit sind wir in der Eurozone dazu verdammt, die vermutlich noch weiter steigende Inflation hinzunehmen. Wir Deutsche sind im Hinnehmen geübt. Mir fällt gleich wieder der Satz ein, den die CDU vor nicht allzu lange Zeit mal als Claim gesetzt hatte: »Deutschland geht es gut«, hieß es da. Dass damit nicht etwa die Bevölkerung, sondern der Staat selbst gemeint war, haben die meisten von uns vermutlich inzwischen begriffen. Die Nullzins-Politik der EZB bescherte vielen Menschen im Land nicht nur Gutes. Ich denke an die Menschen mit Sparguthaben, die sich sogar daran gewöhnen sollten, ab einer bestimmten Geldsumme der Bank Geld zahlen zu müssen (Negativzins).
Zinsen =
Die Rentner sind besonders betroffen. Kapitallebensversicherungen wurden zum Auslaufmodell, weil die Rendite uninteressant wurde. Der Garantiezins wird in diesem Jahr auf 0,25% sinken! Allein in meinem Fall habe ich hohe Verluste eingefahren, weil die anvisierten Renditen über die Jahrzehnte nicht mehr realisierbar waren. Überschussbeteiligung und eventuell noch Schlussüberschüssen und Bewertungsreserven schmolzen in der Sonne der EZB-Zinspolitik.
Dass dieser Verzicht seit Jahren praktiziert wird, ohne, dass es in der deutschen Bevölkerung zu Widerstand gekommen ist, war für mich überraschend. Dass wir in der Coronakrise überdeutlich vor Augen geführt bekamen, wie schlecht unser Land institutionell und organisatorisch aufgestellt ist, hat manche vielleicht erschüttert, die das vor dieser schweren Krise einfach nicht sehen oder wahrhaben wollten.
Ich halte es für möglich, dass solche Erfahrungen während Corona und die Erfordernisse der deutschen Klimapolitik eine Art von Kulminationspunkt gebildet haben, jetzt gleichsam eine Entladung des aufgestauten Zorns verursachen. Wie hoch mag der Vertrauensverlust sein, den die verantwortlichen Institutionen und Personen allein dadurch erlitten haben? Dass es politische Kräfte verstanden haben, aus dieser Gemengelage – in manchen Regionen Deutschlands Profit zu ziehen, ist schlimm, aber auch nachvollziehbar.
Noch schlimmer
In manchen Ländern der EU (Litauen, Estland, Lettland) ist die Inflation schon seit 2017 viel höher als beispielsweise in Deutschland. Vielleicht liegen die hohen Werte in diesen Ländern daran, dass sie mehr als andere vom Import abhängig sind, nicht nur was Energie (+25-30 %) anlangt. So wurde in Litauen die Milch um ca. 30 % teurer.
Nun liegt der Wert auch bei uns bei beachtlichen 5,x Prozent. Die Löhne und Gehälter sind übrigens im Jahr 2021 um ca. 1,7 % gestiegen. Das Problem ist also klar. Die Energie hat sich in Deutschland um ca. 18 % verteuert. Im EU-Schnitt beträgt die Inflation 5,3 % im Dezember 2021. Dass die EZB die Situation zu allem Übel auch noch ganz falsch eingeschätzt hat und sie noch eine Weile auf hohem Niveau verharren dürfte, macht die Sache nicht besser.
In Deutschland macht der CO₂-Preis momentan ungefähr ein Drittel der Inflation bei Energiekosten aus, und wir wissen, dass dieser Aufschlag in nächster Zeit weiter ansteigen wird.
- im Zeitraum 01.01. bis 31.12.2022 für 30 Euro
- im Zeitraum 01.01. bis 31.12.2023 für 35 Euro
- im Zeitraum 01.01. bis 31.12.2024 für 45 Euro
- im Zeitraum 01.01. bis 31.12.2025 für 55 Euro
Dass die EEG-Umlage abgeschafft wird (endgültig 2023), ist zwar gut. Aber ich habe es so verstanden, dass es nicht ausgemacht ist, ob diese Einsparung den Verbraucher auch erreichen wird.
Energiegeld
Das von den Grünen geplante Energiegeld wird in dieser Legislaturperiode wahrscheinlich nicht kommen. Mit anderen Worten, die Energie wird auch ohne Inflation – aus normalen marktwirtschaftlichen Gründen, teurer, weil die Klimapolitik der Grünen mit den Maßnahmen gegen den Energieverbrauch einen großen Teil der Lebenshaltungskosten erhöhen. Höhere Lebensmittelkosten eingeschlossen!
Dass das Energiegeld, das als Ausgleich für höhere Energiekosten von den Grünen geplant ist und das im Wahlkampf entsprechend beworben wurde, nicht so bald kommt, könnte für die Ampel, primär natürlich für die Grünen, zum großen Problem werden.
Diese Gesellschaft müsste es hinbekommen, Öl einzusparen. Dass es immer noch so läuft, dass SUV’s die Hitliste der beliebtesten Autos (hier und überall) mit anführen, lässt wenig Hoffnung.
Proteste wie in Frankreich?
Wenn sich der Preisauftrieb für Energie und Lebensmittel verstetigen sollte (Experten glauben, dass das langfristig der Fall sein könnte), könnten wir auch in Deutschland ein Problem bekommen, das ähnliche Dimensionen annimmt wie die Gelbwesten-Proteste in Frankreich. Die Radikalisierung in Teilen der Bevölkerung aufgrund der Coronalage spricht dafür, dass eine solche Entwicklung eine gefährliche Dimension annehmen könnte.
Mit einer starken Mark hätte Deutschland als Exportmeister und Industriebrache so was von verloren. Der Binnenmarkt zählt nun mal nicht, wenn es darum geht billig aus Fernost zu importieren, zu „veredeln“ und teuer zu exportieren.
Die sogenannte Inflation ist auch gesteuert. Weil keiner Bock hat, sich was auf die Halde zu legen, gibt es angeblich Lieferengpässe. Das treibt die Preise in die Höhe! Huch!
Das den „Wirtschaftsweisen“ das nicht zu peinlich ist? Vor 20 Jahren haben die sich wenigstens noch Mühe gegeben. Die RAF müsste heute schon 10.000 ermorden, um wieder für eine Basis des Ausgleichs zu sorgen (nicht ganz ernst gemeint).
Das Problem bei abgesprochenen Märkten, wie Lebensmittel und Energie sind die durch und durch korrupten Handelsbörsen. Strom müsste eigentlich billig sein, wie nie.
Die dämliche, von der Politik erst installierte Strombörse zu Leipzig sollte ja angeblich den Wettbewerb fördern. Sie macht das genaue Gegenteil. Es handelt sich um ein Kartell, wie Heidelberg Zement. Bloß staatlich noch subventionierter. Fast, wie beim Autoverkehr.
Da nutzt die Streichung der EEG-Umlage eher wenig.
Wo ist eigentlich unser Gas hin? Nun, das haben unsere „ehrbaren“ Kaufleute zum Dumpingpreis nach Polen vertickt, um hier die höheren Preise mannigfaltig abzugreifen und sich ggf. Subventionen zu sichern, sollte es Probleme mit der Versorgung geben.
Das alles ist so durchschaubar, dass hätte sich in den 80ern nicht mal eine Sackratte so getraut. Und alle machen mit, in der Hoffnung, dass es bei ihnen schon „gut“ laufen wird.
So ganz schlüssig ist deine Argumentation mit der Mark nicht. Natürlich wären unsere Exportumsätze nie auf das Niveau geklettert. Dass es trotzdem klappen kann, zeigt das schweizerische Beispiel. Und dort ist die Inflation auf sehr niedrigem Niveau. Und was die Lebensbedingungen der Eidgenossen anlangt, gibts wohl eher nichts zu meckern.
Aber solche Entwicklungen lassen sich kaum vorhersagen und bisher ist das Land Deutschland ja mit der Globalisierung und Euro nicht schlecht gefahren. Die paar Verlierer…
Als der Mist mit den Masken (März 2020) losging, meinten Wirtschaftsfachleute und Politiker gleichermaßen, dass die Abhängigkeit von China oder Indien (Pharma) abnehmen sollte. Man sieht bloß keine Maßnahmen, die solche Bemühungen sichtbar werden ließen. Die machen schön weiter wie bisher. Ob nun die Unterbrechung der Lieferketten zu den Preissteigerungen beigetragen haben oder nicht, wir müssen uns auf eine längere und höhere Inflation einstellen. Dazu kommen geopolitische Probleme, die dafür sorgen könnten, dass unsere Energiepreise, um die es ja ganz wesentlich geht, nur in eine Richtung zeigen werden. Die Politik wirkt einstweilen ratlos und alles, was sich die Grünen vorgenommen hatten, dürfte konterkariert werden. Ich sehe nicht, wie man unter diesen Voraussetzungen die CO₂-Preise weiter erhöhen wird.
Die Kapitalisten auf der Welt haben Möglichkeiten geschaffen, maximale Intransparenz herzustellen. Das nutzen sie allmählich immer mehr aus. Das merkt man auch, wie ratlos nicht nur Politiker, sondern auch Wirtschaftswissenschaftler und Fachleute in den Medien sich zu den Vorgängen äußern. Einen Plan haben die alle nicht. Und es kommt auch immer darauf an, welchem politischen Lage diese jeweils angehören. Ich weiß nicht so richtig. Aber war das eigentlich immer schon so? Ich glaube, jetzt haben uns die Kaptalisten endgültig in der Hand.
„Auf den Dienstleistungssektor entfallen rund 74% des BIP der Schweiz. Die Industrie kommt auf ca. 25%, während die Landwirtschaft weniger als 1% beiträgt.“
Vgl. https://www.eda.admin.ch/aboutswitzerland/de/home/wirtschaft/uebersicht/wirtschaft—fakten-und-zahlen.html
Soll ich Dir jetzt den Unterschied zur Industriebrache Deutschland erklären?
Dazwischen liegen Welten!
Und genau deswegen hat die Schweiz auch den Franken als Zahlungsmittel beibehalten. Denn deren „Produkte“ steigen oft im Wert.
Nein. Sie meinten das nicht. Sie äußerten das bloß. Die wissen ziemlich genau, dass sie 75 % der Industrie abräumen dürfen, wenn China und Bangladesh ausfallen sollten.
Ob Du es glauben magst oder nicht: Russland war einer der verlässlichsten Handelspartner Deutschlands. Nicht nur das Gas kam immer, wie bestellt. Frag mal die Bahn. Die hätte ihre Züge danach Timen können, hätte sie es noch gekonnt.
Oh, doch. Wirtschaft ist keine Raketenwissenschaft! Man kann da sehr genau voraussagen, was passieren wird.
Und natürlich hat Deutschland insgesamt bei der Globalisierung der Großkonzerne verloren. Selbst hierzulande werden nur noch Bezos und Musk gefeiert.
Das kommt nicht von ungefähr!
Nein! Haben sie nicht! Die Möglichkeiten sind noch die gleichen, wie sie schon James Clavell in seinen Romanen zum großen Teil beschrieben hat. Die Techniken dazu sind halt nur zeitgemäßer.
„Einen Plan haben die alle nicht.“ Aber: Ja, doch. Wie verdiene ich am Meisten, heißt der Plan.
Den haben inzwischen alle anderen Mitbewohner auch, nur dass sie damit alleine nicht weit kommen.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Du in Deutschland die höchste Narzisstendichte von Europa hast.
Ich schon. Und jeder „ehrbare“ Kaufmann hat das bereits eingepreist.
Noch kurz zum Euro angemerkt:
https://www.bpb.de/apuz/271689/aengste-und-sehnsucht-von-der-d-mark-zum-euro