Einen Mangel an Arbeit wird es zunächst nicht geben

5 Gedanken

6 Min.



Merken

HORST SCHULTE

Dieses Jahrzehnt hat wohl das Zeug, das Jahrhundertjahrzehnt des Frusts und der Unduldsamkeit zu werden. Die Alten sind unzufrieden, die Jungen auch. Anstatt uns bei der Hand zu nehmen und zu schauen, dass wir wenigstens die paar Probleme gemeinsam lösen, stöhnen viele immer lauter, wie schlimm doch alles ist und schimpfen auf die jeweils andere Gruppe.

Die Arbeit bzw. die Arbeitswelt steht als Frustquelle ziemlich weit oben. Dabei dürfte die Vielzahl der Krisen, die uns Menschen in diesen Jahren quälen und denen wir uns weitgehend hilflos ausgeliefert gegenübersehen, an der gesamten Verfassung von uns Menschen ihren Anteil haben.

Zufrieden durch Arbeit?

Irgendwie schien die Entwicklung aber auch absehbar zu sein. Die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz scheint mir keine Erfindung der Generation Z zu sein, wie man glauben könnte. Immer, wenn in den vergangenen Jahrzehnten so ein Gedanke wie „No Future“ aufkam, sahen die Älteren nicht etwa in den Rückspiegel und räumten einer offensichtlichen Logik folgend ein, dass ihre Erziehung womöglich ursächlich an der Entwicklung bestimmter Marotten beteiligt sein könnte, die ihre Kinder und Enkel zeigten.

Nun ist also die Generation Z dran. Es gibt welche, die unterstellen, dass sie keinen Bock auf Arbeit hätte. Wie oft mag es solche dummen Debatten inzwischen schon gegeben haben? Ich erinnere mich jedenfalls gut, dass meine Generation solchen „Beschuldigungen“ ebenso ausgesetzt war wie – gefühlt – alle folgenden.

Produktivität vs. Arbeitsklima

Die Produktivität und das Arbeitsklima haben sich nicht gut entwickelt. Nicht gut jedenfalls im Sinne der Beschäftigten. Inwieweit die Voraussetzungen angesichts der bevorstehenden bzw. schon spürbaren Verknappung des Gutes Arbeitskräfte die Karten für die heutigen und morgigen Arbeitnehmer im positiven Sinn neu mischen, hängt von einigen Faktoren ab.

Im Sinne der gesamten Gesellschaft wird es schwierig, wenn als Folge neuer Arbeitsplatzregeln, die Produktivität in Deutschland im internationalen Maßstab abfallen würde. Schließlich haben uns längst die Voraussagen der Wirtschaftsexperten erreicht, dass unser Land durch die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine uns ärmer werde. Kürzlich las ich, dass die Kosten, die im Kontext des Krieges entstanden wären, in Deutschland pro Kopf bereits bei 2000 Euro brutto lägen.

Wohlstand ist nicht alles – Aber wer zieht die Grenzen?

Weniger arbeiten und möglichst mit keiner allzu belastende Arbeit zu tun haben, klingt ja zuerst einmal wünschenswert. So stellen sich viele Menschen den Fortschritt vor. Nicht nur die Kohorten der Generation Z. Vermutlich wird diese Vorstellung allerdings zur Folge haben, dass die Form des Wohlstandes, mit der wir uns heute die Bilder ausmalen, eine andere sein wird.

Sicher, man kann mit weniger auskommen. Es geht vielleicht, ohne Auto, ohne Haus oder Wohnungseigentum. Gerade letztere werden durch die steigenden Kosten (Inflation) und Zinsen für die nächste Zeit nicht mehr zu den realistischen Wunschträumen zählen.

Weniger Arbeitszeit, mehr Teilzeit. Ich hätte während meiner letzten Arbeitsjahre Abstriche am Gehalt hingenommen. Aber die Zeit war noch nicht gekommen. Immerhin hatte ich erreicht, einen Tag in der Woche im Homeoffice zu arbeiten. Aber wie passt mehr Teilzeitarbeit zum Arbeitskräftemangel, der gegenwärtig längst noch nicht einmal voll ausgeprägt ist?

Arbeit ist kein Ponyhof

Ich empfinde es als schikanös, wenn jungen Leuten vorgehalten wird, dass „Arbeit kein Ponyhof“ sei (Nahles, Bundesanstalt für Arbeit). Andererseits wäre ich kein richtiger Rentner, wenn ich mir keine Sorgen um die Zukunft unseres Landes machen würde. Schließlich sind wir Leistungsträger (aka Boomer) in wenigen Jahren raus aus dem Arbeitsleben und darauf angewiesen, wenn wir nicht ganz woanders sind, dass unsere Renten erarbeitet von den wenigen Jungen in der Arbeitswelt von morgen bezahlbar bleiben.

Nun ändert sich am Rentensystem künftig sicher das eine oder andere. Ob alle Maßnahmen unserer kurzsichtigen Regierungen mehr als einen Schimmer der Hoffnung versprechen? Wohl nicht. Schließlich ist auch deshalb der Ruf der Rente so ramponiert.

Arbeitsfreundliche Gesellschaften

Wahrscheinlich gibt es menschenfreundlichere Arbeitsgesellschaften in Europa und wohl auch weltweit. Damit meine ich nicht etwa die Japaner, die kaum Urlaub machen und sich sogar nach unseren deutschen Vorstellungen überarbeiten. Mehr Flexibilität, mehr Anerkennung können bestimmt helfen, die Arbeitswelt zu heilen. Die Produktivität, so zeigte eine britische Studie, von der ich in diesen Tagen las, stieg nach einer testweisen Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 5 auf 4 Tage. Das macht doch Hoffnung!

Wir brauchen mehr Kitaplätze und das erforderliche Personal. Alleinstehende Mütter oder Väter finden – wenn überhaupt – nur schwer Kitaplätze für ihre Kinder, deren Öffnungszeiten sich mit den Ansprüchen ihrer Arbeitgeber in Einklang bringen lassen. Und das ist nur ein Problem, das in anderen Ländern gut (besser) gelöst zu sein scheint. In Deutschland klappt das bisher nicht. Vielleicht ist das auch deshalb so, weil sich zu wenige für solche Jobs finden. Ob das nur ein finanzielles Problem ist?

Was ich allerdings schwer begreife ist, welche Auswirkungen solche Veränderungen im internationalen Vergleich haben werden. In Asien leben wahnsinnig viele junge Menschen. Diese Menschen sind für ihren Ehrgeiz bekannt und im Vergleich mit uns Europäern von großem Engagement geprägt. Da denke ich nicht einmal nur an die Chinesen. Was bedeutet das für die Zukunft Deutschlands?

Welche Wirkung hätte der Kennedy-Satz wohl heute? Er sagte Anfang der 1960-er Jahre zu seinen Leuten: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern was ihr für euer Land tun könnt?“ Verfangen solche patriotischen Attitüden heute noch? Ich denke nicht. Naserümpfen wird bestenfalls die Reaktion sein und viel Unverständnis.

Deutschland war mal Vorbild

In einem Spiegel-Artikel zum Thema schreibt die Autorin zum Schluss: „Denn die Jungen haben verstanden: Wir leben, um zu leben – und nicht, um zu arbeiten.“ Nun, es soll ja Nationen in Europa geben, in denen sich diese Sicht aufs Leben schon seit Jahrzehnten manifestiert.

Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie wenig begeistert unsere Gesellschaft auf solche von der deutschen Sicht abweichende Einstellung reagiert hat. Wir erinnern uns an die vielen fiesen Adjektive, die wir dafür gefunden haben und die schließlich während und nach der Griechenlandkrise zu einem wahren Sympathietornado führten.

Nicht, dass wir wie Anfang der 1980-er Jahre, einem Höhepunkt der No-Future-Bewegung wieder singen müssen: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“. Wie passt das alles zusammen und wohin führen uns die überkandidelten Vorstellungen einer Work-Life-Balance?

Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 71 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (auch aus Überzeugung) auf dem Land.

hs010225 a

Deutschland, Grüne, Jugend

Quelle Featured-Image: Standardbild...

Letztes Update:

130 Views
Anzahl Worte im Beitrag: 1084

In der gleichen Kategorie blättern:

5 Gedanken zu „Einen Mangel an Arbeit wird es zunächst nicht geben“

  1. Ich finde nicht, dass das überkandidelt ist.
    Die meiste Märkte sind ohnehin übersättigt. Es ist komplett egal, ob nur 1000000000000 oder nur 2 Autos vom Band laufen, daher verknappt man künstlich auch die Märkte. Der Lebensmittemarkt ist komplett in der Hand von Monopolisten. Noch bis 2005 hat es einen spürbaren Unterschied gemacht, wo Du einkaufen warst.

    Wer soll denn als Gerüstbauer mit 67 noch auf jeder Baustelle seinen Job machen? Gerade wenn noch Montage innerhalb von der EU angesagt ist?

    Gibt es da Sozialpläne? Nee, aber ggf. einen Platz in einem unbezahlbaren Altenheim.

    Arbeit ist durch und durch geprägt von narzisstischen Organisationssystemen. Das macht es nicht besser. Dazu kommt das allgegenwärtige Intigrantenstadel, wenn mehr als 20 Deutsche zusammenkommen.

    Deutschland hat es verpasst sich Standbeine außerhalb der Industrie aufzubauen und will auch gar nichts anderes.

    Immerhin sind heutige Anwärter auf Jobs in einer besseren Verhandlungsposition. Nur, das nicht jeder diese auch nutzen kann.

    Es wird Zeit für notwendige Veränderungen. Deutschland wird aber auch das verschlafen. Es gefällt sich so, wie es ist.

    Antworten
  2. Ich sehe, Du kommst am Ende doch zu ähnlichen Schlüssen.

    Seit Corona wissen wir, dass der Mittelstand offensichtlich nur begrenzt wichtig ist.
    Ja, der Mittelstand hatte mal Deutschland über Dekaden am Kacken gehalten.

    Der neue Mittelstand sind Start Ups, deren Geschäftsidee es ist, ihren Laden schnell an eine Heuschrecke zu verkloppen, un sich dann in die Rente zu verabschieden.

    Der Rest der ach so freien Märkte befindet sich bereits in der Hand von Monopolisten, bzw. Oligopolen.
    Jedes digitale Geschäftsmodell ist heute bereits als Monopol konstruiert.
    Eine Firma musste da sonst lange für agieren.

    Das führt auch zu so lustigen Dingen, dass Meister Röhricht eben nicht für sich, sondern für die Gas,Wasser & Scheiße Limited international seine Rohre verlegen muss. Tut er es nicht, ist er bei nächster Gelegenheit aufgrund der Konventionalstrafe (nicht nur) vom Markt verschwunden.

    Das war schon nicht so schlecht, dass man den Kapitalismus früher etwas gezügelt hatte.

    Antworten

Lass deinen Gedanken freien Lauf


Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht! Du kannst anonym kommentieren. Dein Name und Deine E-Mail-Adresse müssen nicht eingegeben werden.


✅ Beitrag gemerkt! Favoriten anzeigen
0
Your Mastodon Instance
Share to...