Einen Mangel an Arbeit wird es zunächst nicht geben

Autor: Horst Schulte

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Dieses Jahrzehnt hat wohl das Zeug, das Jahrhundertjahrzehnt des Frusts und der Unduldsamkeit zu werden. Die Alten sind unzufrieden, die Jungen auch. Anstatt uns bei der Hand zu nehmen und zu schauen, dass wir wenigstens die paar Probleme gemeinsam lösen, stöhnen viele immer lauter, wie schlimm doch alles ist und schimpfen auf die jeweils andere Gruppe.

Die Arbeit bzw. die Arbeitswelt steht als Frustquelle ziemlich weit oben. Dabei dürfte die Vielzahl der Krisen, die uns Menschen in diesen Jahren quälen und denen wir uns weitgehend hilflos ausgeliefert gegenübersehen, an der gesamten Verfassung von uns Menschen ihren Anteil haben.

Zufrieden durch Arbeit?

Irgendwie schien die Entwicklung aber auch absehbar zu sein. Die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz scheint mir keine Erfindung der Generation Z zu sein, wie man glauben könnte. Immer, wenn in den vergangenen Jahrzehnten so ein Gedanke wie „No Future“ aufkam, sahen die Älteren nicht etwa in den Rückspiegel und räumten einer offensichtlichen Logik folgend ein, dass ihre Erziehung womöglich ursächlich an der Entwicklung bestimmter Marotten beteiligt sein könnte, die ihre Kinder und Enkel zeigten.

Nun ist also die Generation Z dran. Es gibt welche, die unterstellen, dass sie keinen Bock auf Arbeit hätte. Wie oft mag es solche dummen Debatten inzwischen schon gegeben haben? Ich erinnere mich jedenfalls gut, dass meine Generation solchen „Beschuldigungen“ ebenso ausgesetzt war wie – gefühlt – alle folgenden.

Produktivität vs. Arbeitsklima

Die Produktivität und das Arbeitsklima haben sich nicht gut entwickelt. Nicht gut jedenfalls im Sinne der Beschäftigten. Inwieweit die Voraussetzungen angesichts der bevorstehenden bzw. schon spürbaren Verknappung des Gutes Arbeitskräfte die Karten für die heutigen und morgigen Arbeitnehmer im positiven Sinn neu mischen, hängt von einigen Faktoren ab.

Im Sinne der gesamten Gesellschaft wird es schwierig, wenn als Folge neuer Arbeitsplatzregeln, die Produktivität in Deutschland im internationalen Maßstab abfallen würde. Schließlich haben uns längst die Voraussagen der Wirtschaftsexperten erreicht, dass unser Land durch die Folgen des russischen Krieges gegen die Ukraine uns ärmer werde. Kürzlich las ich, dass die Kosten, die im Kontext des Krieges entstanden wären, in Deutschland pro Kopf bereits bei 2000 Euro brutto lägen.

Wohlstand ist nicht alles – Aber wer zieht die Grenzen?

Weniger arbeiten und möglichst mit keiner allzu belastende Arbeit zu tun haben, klingt ja zuerst einmal wünschenswert. So stellen sich viele Menschen den Fortschritt vor. Nicht nur die Kohorten der Generation Z. Vermutlich wird diese Vorstellung allerdings zur Folge haben, dass die Form des Wohlstandes, mit der wir uns heute die Bilder ausmalen, eine andere sein wird.

Sicher, man kann mit weniger auskommen. Es geht vielleicht, ohne Auto, ohne Haus oder Wohnungseigentum. Gerade letztere werden durch die steigenden Kosten (Inflation) und Zinsen für die nächste Zeit nicht mehr zu den realistischen Wunschträumen zählen.

Weniger Arbeitszeit, mehr Teilzeit. Ich hätte während meiner letzten Arbeitsjahre Abstriche am Gehalt hingenommen. Aber die Zeit war noch nicht gekommen. Immerhin hatte ich erreicht, einen Tag in der Woche im Homeoffice zu arbeiten. Aber wie passt mehr Teilzeitarbeit zum Arbeitskräftemangel, der gegenwärtig längst noch nicht einmal voll ausgeprägt ist?

Arbeit ist kein Ponyhof

Ich empfinde es als schikanös, wenn jungen Leuten vorgehalten wird, dass „Arbeit kein Ponyhof“ sei (Nahles, Bundesanstalt für Arbeit). Andererseits wäre ich kein richtiger Rentner, wenn ich mir keine Sorgen um die Zukunft unseres Landes machen würde. Schließlich sind wir Leistungsträger (aka Boomer) in wenigen Jahren raus aus dem Arbeitsleben und darauf angewiesen, wenn wir nicht ganz woanders sind, dass unsere Renten erarbeitet von den wenigen Jungen in der Arbeitswelt von morgen bezahlbar bleiben.

Nun ändert sich am Rentensystem künftig sicher das eine oder andere. Ob alle Maßnahmen unserer kurzsichtigen Regierungen mehr als einen Schimmer der Hoffnung versprechen? Wohl nicht. Schließlich ist auch deshalb der Ruf der Rente so ramponiert.

Arbeitsfreundliche Gesellschaften

Wahrscheinlich gibt es menschenfreundlichere Arbeitsgesellschaften in Europa und wohl auch weltweit. Damit meine ich nicht etwa die Japaner, die kaum Urlaub machen und sich sogar nach unseren deutschen Vorstellungen überarbeiten. Mehr Flexibilität, mehr Anerkennung können bestimmt helfen, die Arbeitswelt zu heilen. Die Produktivität, so zeigte eine britische Studie, von der ich in diesen Tagen las, stieg nach einer testweisen Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 5 auf 4 Tage. Das macht doch Hoffnung!

Wir brauchen mehr Kitaplätze und das erforderliche Personal. Alleinstehende Mütter oder Väter finden – wenn überhaupt – nur schwer Kitaplätze für ihre Kinder, deren Öffnungszeiten sich mit den Ansprüchen ihrer Arbeitgeber in Einklang bringen lassen. Und das ist nur ein Problem, das in anderen Ländern gut (besser) gelöst zu sein scheint. In Deutschland klappt das bisher nicht. Vielleicht ist das auch deshalb so, weil sich zu wenige für solche Jobs finden. Ob das nur ein finanzielles Problem ist?

Was ich allerdings schwer begreife ist, welche Auswirkungen solche Veränderungen im internationalen Vergleich haben werden. In Asien leben wahnsinnig viele junge Menschen. Diese Menschen sind für ihren Ehrgeiz bekannt und im Vergleich mit uns Europäern von großem Engagement geprägt. Da denke ich nicht einmal nur an die Chinesen. Was bedeutet das für die Zukunft Deutschlands?

Welche Wirkung hätte der Kennedy-Satz wohl heute? Er sagte Anfang der 1960-er Jahre zu seinen Leuten: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann, sondern was ihr für euer Land tun könnt?“ Verfangen solche patriotischen Attitüden heute noch? Ich denke nicht. Naserümpfen wird bestenfalls die Reaktion sein und viel Unverständnis.

Deutschland war mal Vorbild

In einem Spiegel-Artikel zum Thema schreibt die Autorin zum Schluss: „Denn die Jungen haben verstanden: Wir leben, um zu leben – und nicht, um zu arbeiten.“ Nun, es soll ja Nationen in Europa geben, in denen sich diese Sicht aufs Leben schon seit Jahrzehnten manifestiert.

Ich möchte jetzt nicht darauf eingehen, wie wenig begeistert unsere Gesellschaft auf solche von der deutschen Sicht abweichende Einstellung reagiert hat. Wir erinnern uns an die vielen fiesen Adjektive, die wir dafür gefunden haben und die schließlich während und nach der Griechenlandkrise zu einem wahren Sympathietornado führten.

Nicht, dass wir wie Anfang der 1980-er Jahre, einem Höhepunkt der No-Future-Bewegung wieder singen müssen: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“. Wie passt das alles zusammen und wohin führen uns die überkandidelten Vorstellungen einer Work-Life-Balance?

Quelle Featured-Image: HorstSchulte.com

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5 Gedanken zu „Einen Mangel an Arbeit wird es zunächst nicht geben“

  1. Ich finde nicht, dass das überkandidelt ist.
    Die meiste Märkte sind ohnehin übersättigt. Es ist komplett egal, ob nur 1000000000000 oder nur 2 Autos vom Band laufen, daher verknappt man künstlich auch die Märkte. Der Lebensmittemarkt ist komplett in der Hand von Monopolisten. Noch bis 2005 hat es einen spürbaren Unterschied gemacht, wo Du einkaufen warst.

    Wer soll denn als Gerüstbauer mit 67 noch auf jeder Baustelle seinen Job machen? Gerade wenn noch Montage innerhalb von der EU angesagt ist?

    Gibt es da Sozialpläne? Nee, aber ggf. einen Platz in einem unbezahlbaren Altenheim.

    Arbeit ist durch und durch geprägt von narzisstischen Organisationssystemen. Das macht es nicht besser. Dazu kommt das allgegenwärtige Intigrantenstadel, wenn mehr als 20 Deutsche zusammenkommen.

    Deutschland hat es verpasst sich Standbeine außerhalb der Industrie aufzubauen und will auch gar nichts anderes.

    Immerhin sind heutige Anwärter auf Jobs in einer besseren Verhandlungsposition. Nur, das nicht jeder diese auch nutzen kann.

    Es wird Zeit für notwendige Veränderungen. Deutschland wird aber auch das verschlafen. Es gefällt sich so, wie es ist.

  2. Dass ich so manche Äußerung als überkandidelt empfinde, liegt vor allem an der Penetranz, in der diese gleichzeitig von mir als jammerlappenhaft empfundenen Beschwerden vorgetragen werden. Mit dem System hat das für mich nur in zweiter Linie zu tun. Schließlich profitieren auch diejenigen davon (Sozialsysteme), die sich ansonsten überwiegend negativ äußern. Historisch sehe ich immer noch keine Alternative zum Kapitalismus. Er erst ermöglicht uns das, was wir heutzutage mit dem Hintern umzuwerfen gedenken. Weil ja alles so kolossal mies ist.

    Mein Punkt ist die Sorge, dass wir (Deutschland und die EU) mit unserer vorgeschobenen moralischen Überlegenheit, den Anschluss an die Produktivität der Länder in Asien, vielleicht irgendwann in Afrika verlieren werden.

    Dass Produkte künstlich verknappt werden, um die Preise zu erhöhen, wird angesichts eines Teils unserer aktuellen Inflationsrate nicht ganz von der Hand zu weisen sein. Andererseits ist der Ursprung der Entwicklung vielleicht zu einem größeren Teil auf die Folgen der Pandemie zurückzuführen (Lieferketten). Die Auswirkungen sind immer noch nicht am Ende. Ich verstehe nicht, dass sich bei den Medikamenten immer noch nichts zu tun scheint, obwohl das Thema doch schon eine ganze Zeit bekannt ist. Die Verzögerungen legen nahe, dass die Industrie ein Interesse an dieser Verknappung hat, obwohl diese vordergründig mit der Verlagerung von Kapazitäten zu tun hat. Jetzt profitiert die Pharmaindustrie, weil sie die Preise erhöhen können. Die Argumente dafür liegen leider auf dem Tisch.

    Die Kosten für einen Platz in einem normalen Altenheim sind hoch. Aber wie du weißt, werden seit ein paar Jahren nicht mehr die Angehörigen herangezogen. Es sei denn, sie verdienen deutlich mehr Geld. Ich glaube, erst ab einem Einkommen von 100.000 Euro p.a. werden die Angehörigen herangezogen. Wie es um die Güte der Pflege etc. in den Altenheimen bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt.

    Dein Lieblingswort (im Moment jedenfalls) ist wohl alles rund um Narzissmus 🙂 Ich finde, dass insbesondere die asozialen Netzwerke einen Anteil daran haben, dass Demokratie in den Augen vieler Menschen verloren hat. Jeder will und kann mitquatschen. Von mir aus nenn das Narzissmus. Im Grunde ist dieses Stimmengewirr der Preis, den wir alle dafür zahlen. Als ob wir nicht schon davor verwirrt genug waren.

    Interessant, dass du in diesem Zusammenhang von Intriganten sprichst. So habe ich die Diskussionen, die mich zwar enorm nerven, nicht gesehen. Dass wir dazu neigen, uns gegenseitig immer weniger den Respekt zu zollen, den Menschen für ihre soziale, seelische und körperliche Gesundheit brauchen, ist viel schlimmer.

    Die Diskussionen um den Krieg der Russen gegen die Ukrainer sind das letzte Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte. Vielleicht hat die Eskalation einfach damit zu tun, dass viel zu viele mitreden und beinahe zwangsläufig das Gefühl entsteht, von diesem Stimmengewirr überfordert zu sein.

    Deutschland ist doch berühmt für seinen starken Mittelstand. Du weißt, wie viele Hidden Champignons sich darunter befinden? Ob der sich angesichts der sichtbaren Veränderungen halten kann, bleibt abzuwarten. Aber insofern sehe ich nicht, dass sich außerhalb der Industrie in unserem Land nichts entwickelt hätte. Das stimmt einfach nicht. Oder meinst du, wir sollten wieder zum Agrarland zurück?

    Mich stört, wie sich die Einkommen in Deutschland seit Schröders Agenda entwickelt haben. Deutschland als Billiglohnland! So hätte ich es nie gesehen und so hätte es nicht kommen dürfen. Wenn ein Grund dafür die Umwandlung in die Dienstleistungsindustrie gewesen sein sollte, ist diese schlecht gelungen.

  3. Ich sehe, Du kommst am Ende doch zu ähnlichen Schlüssen.

    Seit Corona wissen wir, dass der Mittelstand offensichtlich nur begrenzt wichtig ist.
    Ja, der Mittelstand hatte mal Deutschland über Dekaden am Kacken gehalten.

    Der neue Mittelstand sind Start Ups, deren Geschäftsidee es ist, ihren Laden schnell an eine Heuschrecke zu verkloppen, un sich dann in die Rente zu verabschieden.

    Der Rest der ach so freien Märkte befindet sich bereits in der Hand von Monopolisten, bzw. Oligopolen.
    Jedes digitale Geschäftsmodell ist heute bereits als Monopol konstruiert.
    Eine Firma musste da sonst lange für agieren.

    Das führt auch zu so lustigen Dingen, dass Meister Röhricht eben nicht für sich, sondern für die Gas,Wasser & Scheiße Limited international seine Rohre verlegen muss. Tut er es nicht, ist er bei nächster Gelegenheit aufgrund der Konventionalstrafe (nicht nur) vom Markt verschwunden.

    Das war schon nicht so schlecht, dass man den Kapitalismus früher etwas gezügelt hatte.

  4. Es haben viele Mittelständler während Corona gelitten. Trotzdem kann man doch nicht davon sprechen, dass dieser deutsche Mittelstand durch irgendwelche Start Ups ersetzt worden sei. Start Ups haben schon aufgrund des fehlenden Risikokapitals in D wenig Chancen. Viele Firmen hatten und haben Schwierigkeiten. Aber es kann keine Rede davon sein, dass die Stärke der deutschen Wirtschaft, also der Mittelstand, wirklich nachhaltig beeinträchtigt wäre. Allerdings gibt es Branchen, die härter betroffen sind (Messebau, Veranstaltungbranche). Dafür gibts andere, die in der Krise sogar profitiert haben.

    Dass die digitale Dimension der Wirtschaft monopolistisch geprägt ist, ist eine bedauerliche Tatsache. Andererseits ist absehbar, dass die dominierende Position der deutschen Autoindustrie nicht mehr zu halten ist. Es gibt viele neue Hersteller (China, Fernost), die mit ihren E-Autos vielleicht die Dominanz der deutschen Hersteller bricht. Diese Entwicklung müsste dir gefallen. Mir macht das eher Sorgen, weil die Autoindustrie große Bedeutung für unser Land hat. Ich sehe aber, dass diese Industrie im Hinblick auf den Klimawandel mit ihren Beharrungskräften (FDP) kritisch zu sehen ist.

    Manche Geschäftsmodell habe ich noch nie verstanden. Nehmen wir Spotify. Das Unternehmen hat in der Zeit seines Bestehens nur ein Jahr mit Gewinn abgeschlossen. Sonst sind die Verluste riesig. Wie ist es möglich, dass sich ein solches Unternehmen trotzdem als Primus hält? Ich gebe zu, seit Jahren dort Kunde zu sein. Einen besseren Streamingdienst für Musik, Podcasts und Hörbüchern kenne ich einfach nicht.

  5. Frag doch mal Twitter. Man braucht einen Dummen, der Geld dafür ausgibt, wie immer im Kapitalismus.
    Kunden sind nur die dummen Reichen. Alle anderen sind keine Kunden. Entsprechend sind die Märkte strukturiert.

    Erinnerst Du Dich noch, wie VOX als Sender angefangen hat? Intelligenter Fernsehen? Knapp 3 Monate hielten sie das durch.
    Heute würde da erst keiner mehr was anbieten wollen.

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