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Jeder kann sich vorstellen, wie die Politikerinnen und Politiker der Koalition mit ihren Schraubenschlüsseln vor den Schrauben der Rentenpolitik stehen und nicht sicher sind, ob sie es mit Links- oder Rechtsgewinden zu tun haben oder ob die Schrauben so festsitzen, dass es ohne Gewalt nicht klappen will. Denkt man an die so drängende Rentenreform, die wir nach übereinstimmender Ansicht aller dringend brauchen, fragt man sich einen Wimpernschlag später, welche gewaltigen Diskussionen bald darüber entbrennen werden und wie hoch die sozialen Kosten für jene sein werden, die sich zuerst aus der Deckung wagen.
Eins ist nämlich sicher: Es wird Diskussionen geben – zu allen dringenden Reformen – die über alles hinausgehen, was wir bisher in diesem Land je erlebt haben. Aber diese sind nötig und einer Demokratie absolut angemessen. Auch, wenn viele genau das leider dazu missbrauchen werden, uns die Nachteile unserer Staatsform zu erklären. Da fällt mir vor allem eine Partei ein, die äußerst unangenehm auffallen wird. Und das, obwohl sie doch ein Rentenniveau von 70 % in ihrem Programm fordert.
Über die öffentliche Verdammung
Bärbel Bas, die beliebte Arbeitsministerin der SPD, hat nach ihrem Vergehen an den Interessen der »jungen Generation« und ihrer Ansprache an das deutsche Unternehmertum so viel Kredit verspielt, dass sie im Grunde nur noch den Mund öffnen muss, um harschen Widerspruch zu bekommen. Ich habe meine Ansicht zu dem, was manche sogenannte Journalisten sich an Infamien gegen sie geleistet haben, kundgetan. Meine Blogbeiträge hatten nicht einen einzigen Kommentar zur Folge – woraus ich schließen muss, dass die ganze Hetze gegen Bas Früchte trägt. Keiner, außer mir, scheint Partei nehmen zu wollen. An der Bedeutung des Themas wird es wohl nicht lieben!
Der letzte Coup der Ministerin bestand darin, die Kopplung des Renteneintrittsalters an die Anzahl der Berufsjahre als interessanten Gedanken in die öffentliche Diskussion zu bringen. Doch sie hatte nicht mit der Reaktion derer gerechnet, die durch ihre akademischen Weihen gern den Abstand zu anderen betonen. Ja, als Absolventin der Hauptschule kann man schon mal auf solch unterkomplexe Lösungsansätze kommen. Das wird vermutlich nicht nur der unappetitliche Zyniker Jan Fleischhauer mit seiner blonden Stichwortgeberin denken. Prädestiniert für den Widerspruch sind auch Lehrer*innen. Allerdings auch die, die gern besonders lange studieren und danach überzeugt sind, zur Elite des Landes zu zählen. Und so wundert es mich nicht, dass aus diesem Kreis laute Kritik hörbar wurde.
Lebensleistung und Überforderung
Ich selbst habe mit 14 – mit Hauptschulabschluss – meine Lehre begonnen. Das war 1968. Als ich in Rente ging, lagen 47 Berufsjahre hinter mir. Eine beachtliche Lebensleistung, ein stiller Beitrag zum Gemeinwesen, fand ich jedenfalls. Dass manche nicht davon amüsiert waren, dass ich die Rente mit 63 gut fand und diese Chance nutzte, sei am Rande erwähnt. Ein echter Sozi macht so was halt. Kennt man ja! Nur ein Punkt trübt das: Meine Frau und ich haben keine Kinder. Auch das hätte man, wenn man wollte, in der Rente oder bei Sozialabgaben berücksichtigen können – etwa mit einem Bonus-/Malussystem. Ich hätte nichts dagegen, sie schon. Und so ist das in unserer Gesellschaft: Sobald es ans Eingemachte geht, überdrehen wir. Alles soll sich ändern und das morgen. Aber wehe, die eigenen Interessen sind betroffen. Dann drehen die Leute am Rad.
Über die deutsche Selbstgewissheit
In der Diskussion über die Rentenreform geht es um nichts Geringeres als das Verhältnis von Arbeit, Alter und sozialer Balance. Die Menschen werden älter – Gott sei Dank, wie Politikerinnen und Politiker stets hinzufügen – und die Summen der Auszahlungen je Rentner aus der Rentenkasse steigen entsprechend mit. Dass diese Entwicklung bzw. ihre Beibehaltung angesichts der demografischen Entwicklung in sich widersprüchlich ist, weiß im Grunde jede und jeder.
Doch während andere Länder pragmatisch handeln – Dänemark etwa –, bevorzugt Deutschland die endlose Debatte. Jeder redet mit bzw. versucht es zumindest, und dann wundern wir uns, dass nichts vorangeht. Dort, wo man anderswo Übereinkünfte erzielt, pflegen wir hierzulande das Misstrauen. Der Verweis auf erfolgreiche Beispiele verhallt, wie immer. Wir bestehen auf »eigenen Lösungen«, so als gäbe es im Sozialstaat ein deutsches Sondergen. Dänemark sei zu klein, heißt es. Kleine Gesellschaften hätten es leichter, Kompromisse zu finden, und die Verhältnisse seien deshalb nicht übertragbar. Vielleicht ist etwas daran. Aber wir versuchen es ja nicht mal.
Manchmal denke ich, wir verwechseln Arroganz mit Ernsthaftigkeit.


Die Idee der Koppelung an das Arbeitsalter ist seinerzeit von der IGM ins Spiel gebracht worden. Wollte keiner hören. Wenn ich nun lese, mit was für Argumenten das Arbeitgeberlager dagegen spricht, wundert mich das nicht.
Die Argumente sind allerdings Scheinargumente. Wenn Herr Pimpertz vom Institut der deutschen Wirtschaft ernsthaft behauptet, damit die Akademiker zu benachteiligen, dann ist am Thema vorbei gedacht. Allein die Verdienstdifferenz ermöglicht es einem Akademiker in der Regel den Renteneintritt zu flexibilisieren.
Das Problem scheint in Deutschland das schwarz-weiß Denken zu sein, auch in dieser Debatte. Die eine Seite will die Gunst der Stunde nutzen, um das Rentenniveau weiter abzusenken, die anderen wollen – zu Recht – nicht noch weniger Rente. Das machen andere Länder in der Tat besser, nicht nur Dänemark, auch die Niederländer haben das Rentenproblem besser gelöst. Das Rentenniveau zählt zu den höchsten in Europa und liegt meines Wissens bei 85 Prozent des letzten Nettoverdienstes.
@Peter Lohren:
Es wäre mal interessant, die Berechnungen dazu zu sehen. Ob das aufgeht?
Das mit der Gunst der Stunde, die manche im Auge haben, sehe ich exakt so, Peter. Wenn wir nicht aufpassen, machen »die« uns fertig. Klassenkampf nannte man es früher. Heute ist das, was die SPD tut, verpönt. Dennoch bin ich mir sicher: Wir brauchen unbedingt mehr Klassenkampf.
Deutschland hat mit der Agenda von Schröder den Neoliberalen Tür und Tor geöffnet.
Ich bin ja für die 0 Runde. Keiner kriegt mehr irgendwas. Rente, Soziales, Kulturelles: Adé! Dann einfach abwarten, was passiert.
@juri nello: Zuerst platzen mal die Social Media Kanäle. Wäre schön, den Knall zu hören.