Kabarett: Richter und Scharfrichter in einem sein

Wenn jemand einen „falschen Witz“ erzählt, kann das die gesellschaftliche Reputation kosten. Und was ist, wenn sie oder er das im Kabarett beruflich machen? Wenn es nach manchen linken Meinungsmachern…

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Der Zeit – Artikel von Johannes Schneider hat für mich was von Abgesang auf Satire und Kabarett. Wären alle so humorbefreit und kleinlich wie dieser journalistische Scharfrichter, hätte die politische Korrektheit uns vielleicht schon heute ein wichtiges Spielfeld für überparteiliche Gesellschaftskritik genommen.

Große, alte Zeiten

Wie wohl Dieter Hildebrandt über Johannes Schneider denken würde? Ich komme auf ihn, weil Schneider im Beitrag die von ihm und Sammy Drechsel gegründete legendäre Münchner Lach- und Schießgesellschaft gegründet hat. Wie die Ansprüche solcher Giganten des Genres wohl in unserer Gegenwart aussähen? Was habe ich mir darunter vorzustellen, wenn vom Kabarett gesagt wurde, dass dem Publikum manchmal auch gern das Lachen im Hals stecken bleiben sollte? Alle, die gutes Kabarett schätzen, weiß, wovon ich spreche.

Irgendwoher kommt schließlich die Idee, dass Kabarett auch mal wehtun kann? Oder dass, je nach Pointe, die einen weinen und die anderen lachen würden oder, dass ein Teil des Publikums beides zugleich tun könnte?

Politisch korrektes Kabarett?

Johannes Schneider schreibt das nicht. Aber ich bin mir sicher: er möchte nichts davon! Er will einwandfreies und politisch korrektes Kabarett. Vielleicht am besten noch mit dieser belehrenden Attitüde, die leider gewissen Kabarettprogrammen im TV eigen geworden sind. Abstufungen zwischen verschiedenen Spielarten gibts kaum mehr.

Dazu passt jener nun mit Zeitverzug in die Diskussion geratene Ausschnitt von 2018, wonach man Juden wie Harvey Weinstein als Wiedergutmachung (zwinker) das Belästigen von Frauen gestatten solle, weil mit Geld ja nichts gutzumachen sei (zwinkerzwinker). „Jetzt plötzlich kommt heraus, den Juden geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.“ Uff.

Lisa Eckhart: Sich schön inkorrekt durchamüsieren | ZEIT ONLINE

Mit Zeitverzug in die Diskussion geraten…

Ja, was der guten Lisa Eckart damals (2017) bei den WDR-Mitternachtsspitzen rausgehauen hat, hat eine Weile gebraucht, um den linken Empörungsapparat ans Laufen zu kriegen. Ich hatte gestern ihren damaligen Beitrag beim WDR verlinkt. Hört ihn euch an und macht euch selbst ein Bild über diese unerhört antisemitische Entgleisung Eckharts, die freilich erst dadurch besonders abscheulich (gemacht) wurde, dass die linken Medien sie irgendwie plötzlich für einen willkommenem Verwendungszweck entdeckten.

Eckart sei mitten in der MeToo-Debatte aufgetreten. Die Künstlerin habe ein hochaktuelles, für Satire nahe liegendes Thema gewählt und dabei Vorurteile gegenüber Minderheiten aufgegriffen, um genau diese Vorurteile zu entlarven. Im Kontext der MeToo-Debatte habe ihre Satire funktioniert. Kritik habe es damals nicht gegeben.

Der WDR bedauerte jedoch Missverständnisse im Zusammenhang mit einer späteren Veröffentlichung von Eckarts Auftritt auf Facebook. Im November 2019 sei das Video anlässlich eines Aktionstags für Frauen in dem sozialen Netzwerk gepostet worden. Wenige Wochen zuvor war die jüdische Synagoge in Halle Ziel eines Anschlags. So musste laut WDR der Eindruck entstehen, dass die Künstlerin aktuell und in einem anderen Kontext aufgetreten sei.

Quelle: Tagesspiegel vom Mai d.Js.

Der Kontext, aha

Ja, der Kontext spielt auch bei Satire eine Rolle! Aber wie gesagt, hört euch an, was sie wirklich gesagt und worauf sie da rekurriert hat. Das auf diese Weise auf antisemitische Ressentiments zu verkürzen ist zwar bequem und typisch, aber es greift nun einmal viel zu kurz.

Durch solche Kritiker kann es uns blühen, dass uns satirische Vergnüglichkeiten ganz abhandenkommen. Jedenfalls die Art von Kabarett, das wir einmal gekannt haben.

Aber es passt in diese Zeit. Wir halten nichts mehr aus. Egal, was der andere zu sagen hat und es mit unserer eigenen Einstellung nicht in Einklang ist.

Viele machen sich nicht die Mühe, darüber nachzudenken, sondern benutzen ihren Vorrat an intellektueller Munition, um nachdrücklich zu versuchen, Kabarettisten oder Satiriker (Nuhr/Eckhart), die inhaltlich nicht den Maßstäben eigener Vorstellung von political correctness entsprechen, aus dem öffentlichen Raum zu drängen. Dabei gilt: Steter Tropfen höhlt den Stein. Das lässt sich am Beispiel von Dieter Nuhr gut beobachten.

Niemand geht ins Kabarett, um sich über die Darbietung aufzuregen. Man geht ins Kabarett, um zu sagen: Endlich bringt das mal wer auf den Punkt. Oder auch: Endlich hat mal wer den Mut!

Lisa Eckhart: Sich schön inkorrekt durchamüsieren | ZEIT ONLINE

Es mag sein, dass ich nie ein Kabarett besucht habe, um mich darüber aufzuregen. Aber dass ich es getan habe (bei den Live-Programmen von Volker Pispers, Hagen Rether oder Max Uthoff), will ich hier ausdrücklich feststellen.

Endlich sagt es mal einer?

Es brauchte in Deutschland während meiner Lebenszeit keinen Mut, etwas „endlich“ mal zu sagen. Es kam vor, dass mir dieses Genöle, die Klagen solcher linken Wohlstandsbürger auf den Geist ging, denen immer irgendwas nicht gepasst hat.

Besonders unangenehm empfand ich es, dass manche von ihnen voraussetzten, alle wären ihrer Meinung. Ich war es nicht immer! Trotzdem habe ich mir diese Kabarettprogramme gern angehört – weil sie einfach gut waren. Und das ist das Programm von Nuhr oder Eckhart ebenso. Gut, Nuhr habe ich schon mal live gesehen, Eckhart nicht. Aber ich habe mir viele ihrer Videos angesehen. Jedes Programm ist anders. Diesen jedoch die intellektuelle Güte in dieser Art und Weise abzusprechen, wie Herr Schneider es getan hat, finde ich dumm, unfair sowieso.

Moralische Positionen

Diejenigen, die aus moralisch überhöhten Positionen heraus argumentieren, sollten überlegen, ob sie tatsächlich dabei helfen wollen, die wenigen nicht gleich voll-links zu verortenden Kabarett- oder Satirekünstler aus der Öffentlichkeit herauszudrücken. Daran arbeiten in den asozialen Hetzmedien nämlich genug Leute. Traurig finde ich, dass das vor allem Linke sind.

Update: Nichts wird gut!

Link: Lisa Eckhart nimmt nicht am Harbour Front Literaturfestival teil

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Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 71 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (auch aus Überzeugung) auf dem Land.

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Kabarett, Kultur, Linke, Nuhr, Satire

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6 Gedanken zu „Kabarett: Richter und Scharfrichter in einem sein“

  1. Hallo Horst, ich zähle mich zu den Nuhr Fans, aber nicht so wirklich zu den Eckhart Fans. Das könnte daran liegen, dass ich nicht in die Feinsinnigkeit der Eckhart vorzudringen vermag.

    In dem Weinstein Zitat erkenne ich nichts Besonderes. Wo legt die Eckhart da den Daumen drauf? Kannst du es mir, aus deiner Sicht, erklären?. Vielleicht werde ich ja dann doch noch zu einem Eckhart Fan.

  2. „Ich komme auf ihn, weil Schneider im Beitrag die von ihm und Sammy Drechsel gegründete legendäre Münchner Lach- und Schießgesellschaft gegründet hat.“

    Diesen Satz verstehe ich gar nicht…

    Der (laue) Witz ist doch, dass den Artikel des Herrn Schneider im neoliberalen Vorzeigeblatt in einer Woche keiner mehr gelesen haben wird, er ist dann einfach im Archiv verschwunden. Das Kabarett geht weiter und reibt sich nicht besonders daran.
    Ich jedenfalls werde den Artikel nicht lesen, ich lese ja längst auch die ‚Zeit‘ nicht mehr. Dadurch entgeht mir schlicht nichts von Belang.

    Lisa Eckhart sehe ich übrigens zunehmend gerne, lange hat es keine derart fein geschliffenen Betrachtungen über Menschliches gegeben. Und ich glaube fast, dass bei ihr das – von mir passend abgewandelte – Bonmot von Günter Wallraff greift: Wer sich (von Lisa Eckharts geschärften Einlassungen) provoziert fühlt, ist gemeint.

    Dass ich übrigens auch Dieter Nuhr sehr mag, auch wenn ich ihm manchmal inhaltlich nicht zustimmen kann, weißt du ja. Kabarettistisch dargebotene Standpunkte und Einschätzungen müssen für mich jedenfalls nicht stromlinienförmig zustimmungsfähig sein. Nuhr und seine Kolleginnen und Kollegen dürfen sehr wohl Dinge äußern, die nicht auf meiner politischen Denklinie liegen. Kabarett hält das aus und ich auch, sozusagen 😉

    Und noch:
    „Traurig finde ich, dass das vor allem Linke sind.“

    Traurig nur dann, wenn man glaubt (wie auch ich lange Zeit), dass sich Linke und Rechte substanziell unterscheiden und nicht bloß und tatsächlich graduell.

  3. Danke für deine Ausführungen, Horst. Definitiv,- es kommt auf den Kontext an. Ich empfinde die Eckart Passagen im Rahmen ihres Programms, indem sie auch über andere (Rand)-gruppen spricht, nicht als antisemitisch. Würde allerdings ein Höcke oder Kalbitz dies als Parole an seine Jünger ausgeben, würde ich das sehr wahrscheinlich anders bewerten.

    Beste Grüße aus einem extrem heißen Leipzig, Menachem

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