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Eine Gewalt, die keine Ausnahme ist
Es war der Fall, der Frankreich aufgewühlt hat wie selten zuvor. Gisèle Pelicot, deren Mann sie über Jahre hinweg betäubt und Dutzenden Männern zur Vergewaltigung überlassen hatte. Frauen, die vor Gericht demonstrativ auf ihre Anonymität verzichteten: „Die Scham soll die Seite wechseln.“ Ein Satz, der um die Welt ging – weil er etwas traf, das viele längst wussten, aber nicht so klar ausgesprochen hatten. Ich glaube, die Tatsache, dass insbesondere sexuelle Gewalt gegen Frauen in Kriegen als Waffe benutzt wird, allen Konventionen und Regeln zum Trotz, spricht Bände.
Und jetzt, wenige Monate später, der Fall Fernandes in Deutschland. Andere Dimension, anderes Medium, aber dasselbe Muster: Ein Mann, der eine Frau systematisch erniedrigt, kontrolliert, zerstört. Diesmal digital, mit gefälschten Profilen und Deepfake-Pornos. Die Vorwürfe gegen Christian Ulmen stehen im Raum – die Unschuldsvermutung gilt, das Verfahren läuft. Aber die gesellschaftliche Frage, die dieser Fall aufwirft, lässt sich nicht auf das Strafrecht vertagen.
Kein Randphänomen, kein Einzelfall
Wer diese Fälle als bedauerliche Ausreißer abtut, lügt sich in die Tasche. Gewalt gegen Frauen – physisch, psychisch, digital – ist kein Randphänomen. Sie ist strukturell. Sie zieht sich durch alle sozialen Schichten, durch alle Milieus. Ob in einem französischen Provinzort oder im deutschen Showgeschäft, ob mit Schlaftabletten oder mit Deepfake-Software: Die Mechanismen ähneln sich. Kontrolle. Erniedrigung. Das systematische Ausnutzen von Machtasymmetrien. Doch, daran lässt sich etwas ändern!
Wir müssen damit beginnen, dass wir hinsehen und reagieren, wenn wir auch nur den Verdacht haben, dass etwas vor sich geht, das nicht in Ordnung ist. Das ist keine Aufforderung zum Anschwärzen oder zur Denunziation. Ohne Acht aufeinander zu geben, wird es diese Form von Gewalt weiter geben und insbesondere wir Männer können uns weiter raushalten und vortäuschen, als sei unsere persönliche Sicht auf solche Dinge ein Persilschein.
Das Netz hat diese Gewalt nicht erfunden. Aber es hat ihr neue Werkzeuge gegeben. Deepfakes sind keine Zukunftstechnologie – sie sind Gegenwart. Technisch einfach zugänglich, in ihrer Wirkung verheerend. Was früher physische Nähe erforderte, geht heute vom heimischen Schreibtisch aus. Und was im Netz einmal kursiert, ist kaum noch aus der Welt zu schaffen. Wir wissen das. Aber gehen wir auch verantwortlich mit unseren Möglichkeiten um?
Das Schweigen der Männer – und was es bedeutet
Hier wird es unbequem. Und ich sage das als Mann, der sich darüber ernsthaft Gedanken macht.
Manche Blogger und Kommentatoren – gut gemeint, aber in der Wirkung kontraproduktiv – suggerieren, dass Männer als Gruppe irgendwie mitschuldig seien. Als hätten wir alle kollektiv versagt. Das ist Unsinn, und es hilft niemandem. Es treibt Männer in eine defensive Haltung, aus der heraus keine ehrliche Auseinandersetzung mehr möglich ist.
Was wirklich gebraucht wird, ist das Gegenteil kollektiver Schuldzuweisungen: nämlich individuelle Verantwortung. Männer, die solche Dinge beobachten – in der Beziehung, im Freundeskreis, im Kollegenkreis – und nicht einschreiten, sind keine Täter. Aber sie sind auch nicht neutral. Schweigen ist eine Entscheidung. Im Pelicot-Prozess waren es Dutzende Männer, die wussten oder hätten wissen können, was geschah. Keiner sprach. Das ist kein statistischer Zufall – das ist eine Kultur des Wegsehens, die sich hartnäckig hält.
Warum Gesetze allein nicht reichen
Härtere Strafen, bessere Gesetze gegen digitale Gewalt – das sind notwendige Forderungen, und es ist richtig, dass sie jetzt lauter werden.
Aber ich mache mir keine Illusionen darüber, was Gesetze leisten können. Digitale Gewalt wird nicht verschwinden. Die Technologie wird besser, nicht schlechter. Die Anonymität des Netzes schützt Täter wirksamer, als jedes Gesetz Opfer schützen kann. Das ist eine nüchterne Einschätzung – keine Kapitulation.
Was den wirklichen Unterschied macht, ist ein kultureller Wandel. Einer, in dem Männer nicht auf Schuldvorwürfe warten, um aktiv zu werden. Einer, in dem Einschreiten selbstverständlich ist – nicht weil man dazu gedrängt wird, sondern weil man verstanden hat, was auf dem Spiel steht. Gisèle Pelicot hat vor Gericht eine Haltung gezeigt, die beschämt und inspiriert zugleich. Die Frage ist, was wir daraus machen.
Was Banaszak, Grüne, heute zu diesem Thema, natürlich in Richtung des Kanzlers und des Bundespräsidenten, gesagt hat, ist unter aller Kanone. Er soll nicht andere zu irgendwas antreiben, sondern in seinem Umfeld für das sorgen, was er von den anderen verlangt.


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