Russland Deutschland
Russland Deutschland

Man muss nicht lange suchen, um in der deutschen Debatte über Russlandpolitik auf markige Worte zu stoßen. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk liefert in einem aktuellen Interview mit der NZZ ($) davon reichlich. Dass die Kritik eines deutschen Historikers in diesem Medium, das deutsche Politik voreingenommen und von oben herab kommentiert, gefällt mir zunächst schon einmal gar nicht.

Deutschland, so Kowalczuks Kernaussage, habe »die imperialistische Politik des Kremls mehrheitlich unterstützt«, die Mehrheit würde bei einem russischen Angriff »kapitulieren und weiße Flaggen hissen«. Starke Thesen, keine Frage. Aber halten sie einer nüchternen Überprüfung stand?

Inhalt

Die Antwort lautet: nur bedingt. Kowalczuks zentrale Diagnose, Deutschland habe russische Aggression zu lange unterschätzt, ist berechtigt. Die Nordstream-2-Politik war ein Fehler, die Energieabhängigkeit strategisch kurzsichtig, die Warnungen osteuropäischer Partner wurden ignoriert. Doch zwischen berechtigter Kritik und der Behauptung aktiver Unterstützung liegt ein erheblicher Unterschied.

Deutschland beteiligte sich nach 2014 an EU-Sanktionen gegen Russland, lieferte Ausrüstung an die Ukraine und war Teil der diplomatischen Isolierung Moskaus. Die Nordstream-Politik war wirtschaftlich motiviert und politisch naiv, aber sie war nicht gleichbedeutend mit Kollaboration. Wer hier von »Unterstützung imperialistischer Politik« spricht, verwischt notwendige Unterscheidungen. Die aktive Rolle Deutschlands in Russlands grausamen Krieg gegen die Ukraine, belegen wohl die ständigen feindselige Äußerungen Putins, Medwedews, Lawrows und anderer »Spitzenkräfte« des Kremels.

Die Reduktion auf Gier und Männerfreundschaft

Kowalczuks Erklärung deutscher Russlandpolitik reduziert sich letztlich auf zwei Faktoren: wirtschaftliche Interessen (»Am Ende geht es immer um Kohle«) und persönliche Beziehungen zwischen Schröder und Putin. Diese Vereinfachung wird der Komplexität nicht gerecht. Nach dem Ende des Kalten Krieges verfolgten viele westliche Staaten die Strategie, Russland durch wirtschaftliche Verflechtung zu stabilisieren und demokratisch einzuhegen. »Wandel durch Handel« erwies sich als Irrtum, war aber nicht aus reiner Profitgier geboren.

Die Annahme, Gorbatschow habe einen nachhaltigen Reformprozess eingeleitet, teilten nicht nur deutsche Politiker, sondern weite Teile der westlichen Politik. Dass Putin nicht in dieser Tradition stand, wurde zu spät erkannt. Das war ein Analysefehler, kein moralisches Versagen. Kowalczuks Psychologisierung der Schröder-Putin-Beziehung mag bei Schröder zutreffen, erklärt aber nicht die Kontinuität deutscher Russlandpolitik über vier Kanzlerschaften hinweg.

Ostdeutschland als Projektionsfläche

Besonders problematisch wird Kowalczuks Argumentation, wenn er über Ostdeutschland spricht. Seine Behauptung, dort herrsche ein »kaum noch beschreibbarer Hass auf alles Westliche«, ist empirisch nicht belegt. Dass AfD und BSW mit russlandfreundlichen Positionen punkten können, zeigt Unzufriedenheit und Fehlentwicklungen, aber nicht flächendeckenden »Hass«.

Die Darstellung der friedlichen Revolution 1989 als Trittbrettfahrer-Bewegung widerspricht historischer Forschung. Hunderttausende demonstrierten unter persönlichem Risiko gegen ein bewaffnetes Regime. Das als bloßes Abwarten und Opportunismus zu charakterisieren, ist historisch unhaltbar und diffamierend. Kowalczuks eigene biografische Prägung als Sohn eines ukrainischen Großvaters scheint hier den analytischen Blick zu trüben.

Die Projektion, die Mehrheit der Ostdeutschen würde bei einem russischen Angriff »kapitulieren und weiße Flaggen hissen«, ist Spekulation ohne empirische Basis. Umfragen zeigen differenzierte Meinungsbilder, auch wenn Putin-Sympathien existieren. Mit solchen Zuspitzungen disqualifiziert sich Kowalczuk als nüchterner Analytiker.

Was fehlt: Russlands Perspektive

Paradoxerweise liefert Kowalczuk selbst genau das, was er »Russlandverstehern« vorwirft: eine monokausale Erklärung. Er behauptet, »Russlandversteher verstehen von Russland nichts«, bietet dann aber eine Analyse, die Russlands eigene Geschichte, interne Dynamiken und Sicherheitswahrnehmung komplett ausblendet. Dass die NATO-Osterweiterung aus Moskauer Perspektive als Bedrohung wahrgenommen wurde, findet keine Erwähnung – nicht als Rechtfertigung russischer Aggression, aber als notwendiger Kontext für ihre Entstehung.

Eine ernsthafte Analyse hätte untersuchen müssen, warum die russische Elite nach 1991 zunehmend auf Konfrontationskurs ging, welche Rolle die chaotischen Jelzin-Jahre spielten und wie sich Putins Machtkonsolidierung innenpolitisch legitimierte. Stattdessen bietet Kowalczuk kulturalistische Erklärungen über »ein ganz anderes Menschenbild« und fehlende Zivilgesellschaft. Das mag nicht falsch sein, erklärt aber nichts.

Was bleibt

Deutschlands Russlandpolitik war fehlerhaft. Die Energieabhängigkeit war strategisch naiv, die Unterschätzung imperialer Ambitionen ein Analysefehler, die Ignoranz gegenüber osteuropäischen Warnungen arrogant. Kowalczuks Kernthese – Deutschland habe zu lange weggesehen – ist diskutabel. Seine Zuspitzungen und Pauschalisierungen schwächen jedoch die Überzeugungskraft seiner Argumentation erheblich.

Eine ausgewogenere Betrachtung würde anerkennen: Deutschland hat Fehler gemacht, aber von aktiver »Unterstützung« zu sprechen, verkennt die Realität. Die Kritik an pazifistischen Tendenzen ist teilweise berechtigt, die Pauschalisierung über »deutsche Kapitulation« jedoch überzogen und spekulativ. Wer ernsthafte Aufarbeitung will, braucht präzise Analyse statt polemischer Zuspitzung. Kowalczuk liefert Letzteres. Und das ausgerechnet in der Schweiz, die von geopolitischen Zwängen am wenigsten Ahnung haben dürfte.

Horst Schulte

Herausgeber, Blogger, Amateurfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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