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Facebook, Twitter können nicht, was ein Blog kann


 • Letzte Änderung: 23. Jun. 2020  3 Min. Lesezeit 178

Ich glaube, es war Anfang Juli, als ich meine Konten bei Facebook und Twitter gelöscht habe. Demnach sind die Daten jetzt (Wartefrist) futsch… oder auch nicht. Nicht zum ersten, vielleicht aber endlich doch zum letzten Mal, habe ich mich von den schlimmsten unserer »sozialen Netzwerke« verabschiedet.

In den ersten Tagen war es – wie erwartet – schwierig, auf die Kommentare in diesen Netzwerken verzichten zu müssen. Vielleicht ist es auch beim plötzlichen Verzicht auf soziale Netzwerken ein bisschen so, als wäre man suchtkrank? Allmählich wurde es besser.

Nette Kontakte

Einen Preis hat mein Ausstieg. Ich hatte mittlerweile eine Reihe von netten Kontakten, die ich nun dauerhaft verloren habe. Es handelt sich zwar hauptsächlich um Menschen, die ich persönlich kenne und denen im wirklichen Leben ab und zu begegne. Aber diese zusätzlichen Kontakte via Internet waren schon recht praktisch.

Die meisten haben viel weniger Zeug gepostet als ich, sie beschränkten sich überwiegend auf das Posten eigener oder gefundener Fotos. Manchmal war ein Meme dabei. Größere Diskussion entstanden auf diesen Kanälen nur selten. Dazu musste ich mich schon in spezielle Gruppen einklinken, was ich nur kurzfristig gemacht habe. Selbst in den Gruppen, die Themen meiner Heimatstadt behandelten, war der Umgangston mitunter recht ruppig und je nachdem auch aggressiv.

Keine Politik – unter Freunden

Über politische Fragen habe ich mich innerhalb dieses Personenkreises (meiner »Freunde«) ganz selten ausgetauscht. Wer weiß, ob wir – wäre es anders gewesen – noch »Freunde« geblieben wären?

Der Diskurs in den sozialen Netzwerken aber auch in den Kommentarspalten unterschiedlichster Anbieter ist zu wirklichen Beschimpfungszentren verkommen. Die krasse Polarisierung und die mangelnde Bereitschaft, sich gegenseitig zuzuhören, hat bei Berichten über Flüchtlinge oder den Klimawandel beängstigende Ausmaße angenommen.

Verbale Scharmützel

Verbale Auseinandersetzungen mögen eine Weile ganz spaßig oder wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert haben. Der Nutzen geht gegen aber natürlich gegen Null. Es ist aussichtslos, weil die (oberflächlichen) Argumente schon zu oft ausgetauscht wurden. Ich fürchte, es fehlt immer mehr die Geduld, vielleicht auch die Toleranz, sich gegenseitig zuzuhören. Als Diskussionsplattformen taugen sozialen Netzwerk aus meiner Sicht kaum etwas. In den Kommentarspalten von »Welt« oder »Zeit« achten Moderatoren darauf, dass der Ton halbwegs sachlich bleibt. Die Kommentarspalten der »Welt« werden von AfD-Anhängern und anderen Rechten dominiert. Wer da dagegen hält, wird flott gesperrt. Mir ist das schon oft passiert. Wahrscheinlich wollen die Moderatoren erreichen, dass Eskalationen möglichst vorn vornherein unterbleiben. Aber die Rechten beklagen die Einschränkung »ihrer Meinungsfreiheit«.

Abgewürgt, eingereiht

Leider ist das aber auch nur ein Teil eines komplexen Bildes, das noch längst nicht fertig gemalt ist. Boris Palmer nehme ich als Paradebeispiel für einen diskussionsfreudigen, meinungsstarken Nutzer der verschiedenen Kanäle. Wie mit ihm und seinen Äußerungen umgegangen wird, finde ich unterirdisch. Gestern traf er bei »Markus Lanz« auf Jakob Augstein. Letzterer demonstrierte par excellence, wie mit Palmer von der linken Öffentlichkeit verfahren wird. Eindrucksvoller hätte man aus meiner Sicht nicht zeigen können, wie Linke auch vermeintlich rechte Positionen aus dem Diskurs auszugrenzen versuchen. Das ist brutal, billig und vor allem schadet es unserer Demokratie. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich bei Twitter und Facebook nur mitgemacht, um meine Blogbeiträge zu pushen. Völlig ohne Erfolg freilich.

Die damit notwendige Erbsenzählerei hängt einem irgendwann am Hals raus. Sicher, manchmal erntete man mal ein(en?) Like oder einen Retweet.

Erfolg ohne »soziale Netzwerke«

Damit müssen viele BloggerInnen leben. Dass es Ausnahmen gibt, also wirklich gut besuchte und erfolgreiche Blogs, ist natürlich auch eine Tatsache. Ich habe das Gefühl, dass die allermeisten BloggerInnen eher für sich selbst schreiben; weil sie Spaß am Schreiben haben oder von mir aus auch, weil sie den Spaß am Schreiben trotzdem bisher nicht verloren haben. Daran ändern schwindende Besucherzahlen nur wenig.

Ich finde das schön. Es hat nämlich etwas mit Durchhaltevermögen zu tun. Und das werden wir in Zukunft ganz bestimmt noch dringend brauchen.

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