Zwischen Klowand und Kommentarspalte – Die Kultur der Dauerempörung

Wir leben in einer Ära des Dauerklagens – ob in Talkshows, sozialen Medien oder Blogs. Eine kritische Selbstbetrachtung zwischen Nostalgie und Ironie.

0 Gedanken

5 Min.



Merken

kiddie canvas 47

Ich beschwere mich selbst gern mal darüber, dass die Leute sich zu viel beschweren. Verrückt — aber es ist ein beliebtes Hobby in Deutschland und wohl nicht nur hier. Bei der Beschwerdewelle, die mitunter die Anmutung eines digitalen Tsunamis hat, bin ich selbst kein unbeteiligter Zuschauer. Worüber will ich mich beklagen?!

Schaut man die viel zu regelmäßigen Talkshows im deutschen Fernsehen, spürt man es ganz deutlich: Da hat sich etwas verändert. Was früher als Streitkultur durchging, wirkt heute oft wie ein ritualisiertes Klagefest mit vielen Gästen, die wohl ebenso wenig frei von eigenen Fehlern sind wie diejenigen, die gerade öffentlich »zerpflückt« werden.

Streit im Land
Streit im Land

Alle sind unzufrieden, und es fühlt sich meist so an, als ob diese Unzufriedenheit gut zu begründen wäre.

Und wir Blogger? Spielen neben dem, was in den sogenannten sozialen Medien abgeht, in diesem Konzert der Misstöne wohl auch eine Rolle. Dabei machen gar nicht so wenige Blogger einen ordentlichen Bogen um die Themen, die überall behandelt werden. Sie machen sich natürlich ebenfalls Gedanken über die aktuellen Nachrichten, denn ganz ausweichen kann man dem grassierenden Wahnsinn schließlich nicht.

Ich erinnere mich gut an jenen arroganten Satz von Jean-Remy von Matt, der Blogs einst mit beschmierten Klowänden verglich. Der Aufschrei damals war groß – ein Shitstorm der ersten Stunde, bevor dieser Begriff überhaupt richtig salonfähig war. Heute könnte man fast sagen: Der Mann hatte, ungewollt, einen Nerv getroffen. Blogger werden die Nase rümpfen, wenn man so etwas schreibt.

Denn die Kommentarspalten von einst sind zu Bühnen geworden. Die Schreie nach Aufmerksamkeit sind lauter, geschliffener – aber inhaltlich? Oft bleibt das, was uns empört, erstaunlich konstant. Nur die Kanäle haben sich vervielfacht. Wir Blogger und diejenigen, die sich in den asozialen Medien tummeln, feiern ihre Mutation vom Empfängern zu Sendern — nicht selten mit Einfluss.

Ich frage mich manchmal: Sind wir wirklich so unzufrieden? Oder lieben wir das Klagen einfach?

Ist es vielleicht die letzte große gemeinsame Sache, die uns alle verbindet? Eine Art Lagerfeuer in stürmischen Zeiten – nur dass wir heute nicht Holz ins Feuer werfen, sondern Tweets, Posts, Blogartikel?

Es ist nicht alles schlecht. Es ist sogar viel gut.

Aber das sagt man heute nicht mehr laut, denn Optimismus scheint inzwischen fast verdächtig. Es herrscht schnell so etwas wie Appeasement-Verdacht, dabei denke ich oft, dass uns gerade in Deutschland eine positive, eben optimistische Sicht auf die Dinge fehlt. «Ziemlich naiv» heißt es, sei dieser oder jener Gedanke. Oder schlimmer noch: «uninformiert».

Längst beklagen sich manche sogar darüber, dass sich andere beschweren. Die Meta-Klage, wenn man so möchte.

—-

Aber was hat mich dazu inspiriert, diesen Artikel gerade jetzt zu schreiben? Nun, mir fällt auf, dass das Image der noch nicht im Amt befindlichen Regierung bereits so miserabel ist wie das der Ampel in ihrer Endzeit. Obwohl ich viele Diskussionen darüber verfolgt und die Missetaten des designierten neuen Kanzlers praktisch hautnah miterlebt habe und die ganzen Zuschreibungen nachvollziehen oder sogar teilen kann, finde ich es fast verstörend, wie unreflektiert wir mit den Problemen umgehen, die vor uns liegen. Alles, was Merz und seine Entourage in der Vergangenheit falsch gemacht haben, sollte irgendwann doch keine Rolle mehr spielen. Schließlich geht es um die mittel- und langfristige Zukunft des Landes. Meiner Meinung nach ist es notwendig, Fünfe gerade sein zu lassen, wenn wir alle gemeinsam vorankommen wollen.

Gut, die Ampel wurde nicht zuletzt von der Union demontiert und vorgeführt. Dazu hat beigetragen, dass Merz mit aufgeplusterten Backen jedes Zugeständnis im Hinblick auf die Schuldenbremse versagt hat und letztlich maßgeblich zum Scheitern dieser Regierung beitrug. Dass er am Tag nach den Wahlen das tat, was viele vorausgesehen hatten, war mies und kritikwürdig. Nun ist es aber jetzt einmal so und der Blick verantwortungsvoller Politik muss nach vorn gerichtet werden. Daran hindern uns aber leider teilweise die gleichen rechthaberischen Querulanten, die auch das Klima für die Ampel im Land verdorben haben. Dazu zähle ich natürlich in erster Linie die Springer-Medien, aber auch Focus und andere rechtskonservative Medien.

Mir fällt auf, dass Blogger sich gerade in den Wochen nach den Wahlen mit negativen Kommentaren zurückgehalten haben. Vielleicht irre ich mich. Aber irgendwann geht einem die übermäßige und zahlreiche Kritik auf den Zeiger. Deshalb mag man schon gar nicht mehr darüber bloggen. Das wäre aus meiner Sicht eine positive Veränderung. Hoffentlich hat es nicht nur damit zu tun, dass man die politische Lage so deprimierend findet, dass man einfach nichts mehr darüber schreiben mag. Dass die AfD in neuen Umfragen nur noch 1 bzw. 2 % hinter der Union zurückliegt, macht mir große Sorgen.

Wir müssen unseren Fokus auf Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Vielfalt und all die unbestreitbaren Vorteile unseres Landes ausrichten.

Es muss jedem Frustrierten, Unzufriedenen klar sein, dass sie als Wähler der AfD die Verantwortung dafür tragen, dass die Demokratie nach 80 Jahren ein zweites Mal durch Rechts, also durch ihre Stimme, gekillt werden könnte.

  • Persönlicher USA-Bericht: Donald Trump gegen Minderheiten – Shortcut | DER SPIEGEL Die Regierung von Donald Trump greift die Rechte und die Sichtbarkeit von Minderheiten in den USA an: SPIEGEL-Korrespondent Marc
  • Neue Seite: Chronologie der Trump-Politik – damit es wenigstens notiert ist! Heute ist der sogenannte „Liberation Day“, an dem Trump die Befreiung der USA vom Joch des bösen Welthandels verkünden
  • Team-Wallraff-Reporter finden jede Menge Schimmel bei Kaufland Tiefgefrorene Lebensmittel sind lange haltbar, wenn sie denn durchgehend tiefgefroren bleiben. Beim Lebensmittelriesen Kaufland ist das jedoch offenbar nicht immer uneingeschränkt sichergestellt. https://ift.tt/waQPNoA
  • Zur Abschreckung hergezeigt und vorgeführt Der kleine Bildausschnitt aus dem Video, auf dem keine Männer hergezeigt werden. Dieses Video ist in seiner Kälte wirklich besonders erschütternd. Man sieht Kristi Noem,
  • „E-Mail, Adressbuch, Kalender und Notizen: Auf dieser Seite finden Sie alle Leistungen, die Sie für 1 Euro pro Monat erhalten. Posteo steht für maximalen Datenschutz, konsequente Nachhaltigkeit und innovative Verschlüsselung:

Horst Schulte

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 71 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (auch aus Überzeugung) auf dem Land.

hs010225 a

Blogs, Empörungskultur, JeanRemyvonMatt, Meinung, SozialeMedien

Quelle Featured-Image: Informationsflut und der Blogger schaut nicht nur ...

Letztes Update:

157 Views
Anzahl Worte im Beitrag: 850

In der gleichen Kategorie blättern:

Lass deinen Gedanken freien Lauf


Hier im Blog werden bei Abgabe von Kommentaren keine IP-Adressen gespeichert! Deine E-Mail-Adresse wird NIE veröffentlicht! Du kannst anonym kommentieren. Dein Name und Deine E-Mail-Adresse müssen nicht eingegeben werden.


✅ Beitrag gemerkt! Favoriten anzeigen
0
Your Mastodon Instance
Share to...