Grabpflege im Frühling: Zwischen Blütenfreude und leeren Stellen

Wenn der Frühling sogar den Friedhof heller macht

Im Frühjahr freuen sich fast alle darüber, wie schön alles blüht. Jedenfalls möchte ich das glauben. Wer daran gar nichts mehr findet, muss sich schon ziemlich tief in den Frust eingegraben haben. Vielleicht ist er dann gedanklich bereits dort vorstellig geworden, wo man aus schlechter Laune eine politische Weltanschauung macht. Aber lassen wir das. Der Frühling kann nichts dafür.

Je nachdem, woran man glaubt oder wen man geliebt hat, spielt in dieser Zeit auch die Grabpflege eine besondere Rolle. Bei uns ist das jedenfalls so. Vor allem meine Frau investiert viel Zeit in unser Familiengrab. Sie tut das mit einer Mischung aus Pflichtgefühl, Zuneigung und einer Hartnäckigkeit, gegen die jedes Unkraut eigentlich sofort kapitulieren müsste.

Ich gebe zu: Diesen Ehrgeiz teile ich nicht in gleichem Maß. Ich sehe das Grab, ich sehe die Arbeit, ich sehe den Sinn. Aber ich sehe auch sehr deutlich die Gießkanne. Und die Hacke. Und die Erde unter den Fingernägeln. Meine Frau sieht dagegen vor allem die Menschen, die dort liegen. Und wenn sie sagt, dass unsere Angehörigen diese Aufmerksamkeit verdient haben, dann bleibt mir nicht viel mehr übrig, als innerlich strammzustehen und äußerlich nicht allzu faul zu wirken.

Der alte Friedhof und seine Lücken

Bei uns gibt es einen sogenannten Alten Friedhof. Eigentlich ist er schön, sofern man das über einen Friedhof so sagen darf. Er hat etwas Gewachsenes, etwas Ruhiges, etwas, das nicht nach Planungskatalog aussieht. Ein Ort, an dem die Zeit nicht rennt, sondern eher schlurft.

Geschützt vor dem Regen
Geschützt vor dem Regen

Mein Schwiegervater, der 1985 gestorben ist, war allerdings nie ein Freund von Friedhofsbesuchen. Wenn das Ansinnen aufkam, mal wieder bei Tante X oder Onkel Y vorbeizuschauen, lautete sein Kommentar: „Nein, da liege ich noch lange genug.“ Das war trocken, rheinisch, endgültig. Und vermutlich ehrlicher, als viele fromme Sätze es je sein könnten.

Auf unserem Alten Friedhof sind über die Jahre gewaltige Lücken entstanden. Gräber sind abgelaufen, wurden abgeräumt, zurückgegeben, eingeebnet. Wie man das eben so sagt. Manchmal klingt die Verwaltungssprache, als spräche sie über Parkplätze, nicht über Leben. Dabei entstehen dort Zwischenräume, die seltsam wirken. So viele freie Stellen, dass man fast meinen könnte, die Leute lebten ewig.

Wenn ein Grab verwildert

Unmittelbar neben unserem Familiengrab befindet sich ein überwuchertes Grab. Wir wissen, dass die Angehörigen der dort Bestatteten inzwischen selbst nicht mehr leben. Die Laufzeit des Grabes ist aber noch nicht abgelaufen. Schon diese Formulierung hat etwas Merkwürdiges. Als hätte auch Erinnerung ein Ablaufdatum, sauber eingetragen in einer Akte.

Weil sich das Unkraut von dort auf unser Grab ausbreitet, habe ich zweimal eine E-Mail an die Stadt geschrieben. Auf keine erhielt ich eine Antwort. Das ist ärgerlich, aber inzwischen fast schon eine eigene Form kommunaler Poesie: Man sendet etwas ab, und irgendwo zwischen Rathaus, Zuständigkeit und Posteingang verdunstet es lautlos.

Meine Frau war es nun leid. Sie fragte sich bis zum zuständigen Mitarbeiter durch. Der war sehr freundlich und versicherte, das Problem sei bekannt. Sollten sich die Angehörigen bis Ende Juni nicht melden, werde das Grab eingeebnet. Dann dürfte sich auch das Unkraut, das von dort aus immer wieder herüberwächst, erledigt haben.

Es gibt mir jedes Mal einen Stich, wenn ich verwaiste Gräber sehe. Da liegt nicht nur jemand. Da liegt auch eine Geschichte, zu der niemand mehr kommt. Kein frischer Blumenstrauß, kein stiller Gruß, kein Mensch, der noch weiß, ob dort jemand gelacht, geschimpft, gearbeitet, geliebt oder einfach nur durchgehalten hat.

Grabpflege ist auch Erinnerungspflege

Grabpflege ist mehr als ein ordentliches Beet. Sie ist eine Form der Erinnerung, die mit Händen geschieht. Man zupft, schneidet, pflanzt, gießt. Man beugt sich über Erde und Stein und hält dabei eine Verbindung aufrecht, die im Alltag sonst leicht verblasst.

Ich bin dabei gewiss nicht der Vorzeige-Friedhofsgärtner der Republik. Meine Frau schon eher. Sie ist in dieser Hinsicht gnadenlos. Nicht gegen mich, jedenfalls meistens nicht, sondern gegen Nachlässigkeit. Für sie gehört es sich, dass das Familiengrab ordentlich aussieht. Nicht protzig, nicht übertrieben, aber gepflegt. Es soll zeigen: Ihr seid nicht vergessen.

Dagegen lässt sich wenig sagen. Schon gar nicht mit dem Argument, man sei eigentlich lieber zu Hause geblieben. Wer das anführt, steht schnell mit leeren Händen da. Oder mit der Gießkanne. Was in diesem Fall fast schlimmer ist.

Auch Friedhöfe spüren die Mangelverwaltung

Was wir aber ebenfalls sehen: Friedhöfe verändern sich. Und sie leiden, wie so vieles, unter Mangelverwaltung. Die Stadt tut, was sie kann. Aber im Stadtgebiet gibt es nicht nur diesen einen Friedhof, sondern mehrere. Dazu kommen Parks, Grünflächen, Wege, Bäume, Beete und all die Orte, an denen das Grün wächst, als hätte es einen eigenen Haushaltsplan.

Nach den vielen Regentagen der letzten Zeit sehen manche Gräber ziemlich mitgenommen aus. Die Bepflanzungen sind ramponiert, die Erde ist schwer, manches hängt schief oder sieht aus, als hätte es sich beleidigt zurückgezogen. Auch unsere Balkonbepflanzung hat gelitten. Nicht alles ist ordentlich überdacht.

Ein bisschen Sonne dürfte also wieder sein. Wobei man sich das angesichts der großen Zusammenhänge kaum noch zu sagen traut. Kaum wünscht man sich zwei freundliche Tage, steht innerlich schon der Klimawandel im Türrahmen und räuspert sich.

Zwischen Blüten und Vergänglichkeit

Vielleicht ist gerade das der Grund, warum Friedhöfe im Frühling so eigenartig berühren. Alles – auch das Unkraut – blüht, alles wächst, alles drängt ins Licht. Und mittendrin stehen Namen, Daten, Steine, Lücken. Der Frühling tut so, als ginge alles immer weiter. Der Friedhof erinnert daran, dass das nicht stimmt. Oder nur anders, als wir es gern hätten.

Die Grabpflege ist dann ein kleiner Widerspruch gegen das Verschwinden. Keine große Geste. Kein Pathos. Eher ein stiller Handgriff, ein neu gepflanztes Blümchen, ein geordnetes Beet, ein kurzer Blick auf den Stein. Vielleicht reicht das. Vielleicht ist Erinnerung manchmal genau das: nicht vergessen, obwohl der Alltag dauernd etwas anderes verlangt.

Und wenn meine Frau demnächst wieder sagt, dass wir noch einmal nach dem Grab sehen müssen, werde ich vermutlich nicht jubeln. Aber ich werde mitgehen. Schon wegen der Angehörigen. Und wegen ihr. Und weil sogar ein alter Friedhof im Frühling ein Ort sein kann, an dem man dem Leben näherkommt, als man vorher gedacht hätte.

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

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