WordPress, KI und die deutsche Bloggerblase

WordPress will KI zur grundlegenden Plattformfunktion machen, während viele deutsche Blogger:innen noch um die „Reinheit“ des Core kämpfen. Gleichzeitig zeigen internationale Daten: Kreative nutzen KI längst täglich – mit Skepsis, aber meist pragmatisch.

von: Horst Schulte

Bloggen, Empfehlung

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4 Min. Lesezeit

WordPress diskutiert gerade nichts weniger, als KI zu einem grundlegenden Bestandteil des Systems zu machen – und ein Teil der deutschsprachigen Bloggerszene verhält sich, als sei das der Untergang des offenen Webs. Dass Jetpack, das Plug-in aus dem Hause Automattic, schon seit geraumer Zeit munter Texte umschreibt, Inhalte zusammenfasst und Überschriften generiert, scheint dabei erstaunlich oft an genau den Leuten vorbeigegangen zu sein, die jetzt beim Stichwort »KI im Core« Alarm schlagen.​

Konkreter wird das im Beitrag »AI as a WordPress Fundamental«, in dem Entwicklerinnen und Entwickler skizzieren, wie KI künftig ganz selbstverständlich in den Core eingebunden werden soll – nicht als Gimmick, sondern als Werkzeug, das überall dort helfen soll, wo heute noch Copy & Paste, Klickorgien und Plug-ins mit fragwürdiger Herkunft dominieren. Schon 2023 wurde in »Let’s talk: WordPress Core & Artificial Intelligence« dazu aufgerufen, öffentlich darüber zu diskutieren, wie so eine Integration aussehen kann, welche Schnittstellen der Core bieten sollte und wo die Grenzen liegen.​

Während also auf der offiziellen Make-Seite von WordPress seit Jahren über Rahmenbedingungen, Transparenz und Verantwortlichkeiten nachgedacht wird, dominieren in deutschen Timelines oft reflexhafte Abwehrreaktionen: »KI hat im Core nichts verloren«, »Ich will WordPress ohne KI«, »Das zerstört die Plattform«. Die Ironie dabei: Wer Jetpack installiert oder WordPress.com nutzt, arbeitet in vielen Fällen längst mit genau diesen Funktionen – der »AI Assistant« sitzt direkt im Editor, schlägt Formulierungen vor, fasst Absätze zusammen oder generiert Varianten, ohne dass sich die Plattform dafür in eine apokalyptische KI-Hölle verwandelt hätte.​

Ein Blick auf die Produktseite von Jetpack AI zeigt, wie selbstverständlich die Integration inzwischen gedacht ist: KI als Content-Helfer, eingebettet in ein Toolset, das sowieso schon Sicherheit, Performance und Statistiken bündelt. Das ist vor allem bequem – und es macht sichtbar, wie künstlich die Trennlinie zwischen »WordPress mit« und »WordPress ohne« KI längst geworden ist. Die Plattform lebt seit Jahren davon, dass Funktionen ausgelagert, als Plug-ins zurückgeholt und später wieder in den Core integriert werden.​

Spannend wird es, wenn man die Bubble verlässt und versucht zu klären, ob diese sehr laute Ablehnung in Deutschland ein globales Phänomen ist. Präzise Zahlen nur für »Blogger:innen« gibt es zwar kaum, aber verschiedene Studien und Umfragen zeichnen ein deutlich anderes Bild. In einer breit angelegten Befragung unter Web-Profis und digitalen Kreativen geben zum Beispiel fast alle an, KI-Tools bereits in ihrer Arbeit einzusetzen – häufig täglich –, und bewerten ihre Erfahrungen mehrheitlich als positiv, ohne deshalb blind in Tools zu vertrauen.​

International ist die Grundstimmung gegenüber KI eher »kritisch-pragmatisch« als »fundamental ablehnend«. Viele Kreative wollen Kontrolle behalten, fordern klare Kennzeichnung und Regulierung, setzen die Tools aber längst ein: als Schreibhelfer, Ideengeber, für Bildkonzepte oder zur Routine-Automatisierung. Auch im Bereich Medien und Journalismus zeigen Befragungen, dass Nutzerinnen und Nutzer bei vollständig KI-generierten Nachrichten skeptisch sind, den Einsatz im Hintergrund – etwa für Recherche oder Strukturierung – aber durchaus akzeptieren.

Besonders deutlich wird der Kontrast, wenn man auf Influencer:innen und Content Creators schaut. Dort gehört KI inzwischen zum Standard-Werkzeugkasten, obwohl viele genau dieselben Bedenken haben wie Blogger:innen: Angst vor Austauschbarkeit, Sorge um die eigene Handschrift, Zweifel an der Qualität. Trotzdem wird KI hier nicht als Feind wahrgenommen, sondern als Werkzeug, das Arbeit abnimmt – mit der klaren Erwartung, dass am Ende immer noch ein Mensch entscheidet, was veröffentlicht wird.​

Überträgt man dieses Bild zurück in die WordPress-Welt, wirkt der deutsche Diskurs erstaunlich altmodisch: Als ginge es immer noch um die Grundsatzfrage, ob »das Internet« überhaupt eine Zukunft hat, nur diesmal mit KI. Die Core-Teams diskutieren längst darüber, wie sich Schnittstellen so gestalten lassen, dass unterschiedliche KI-Dienste genutzt werden können, ohne dass jede Seite ihre Inhalte einer Blackbox überlassen muss. Und externe Beobachter:innen beschreiben, wie ein eigenes AI-Team innerhalb des WordPress-Projekts versucht, die Vision von »AI as a fundamental part of WordPress« auf eine stabile organisatorische Basis zu stellen.​

Der eigentliche Konflikt liegt daher weniger in der Technik, sondern im Selbstbild: Wer WordPress primär als Werkzeug versteht, greift früher oder später zur KI, um Routineaufgaben zu verschlanken. Wer WordPress als Hort des »ungefilterten, reinen, authentischen Schreibens« verklärt, erlebt jede neue Funktion, die auch nur nach Automatisierung riecht, als Angriff auf die eigene Identität als Blogger:in. In diesem Spannungsfeld wird KI zur Projektionsfläche, während die Plattform selbst längst auf dem Weg ist, sie einfach als eine weitere Schicht Infrastruktur zu behandeln – wie einst den Editor, den Customizer oder die REST-API.​


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12 Gedanken zu „WordPress, KI und die deutsche Bloggerblase“

  1. »Dass Jetpack, das Plug-in aus dem Hause Automattic, schon seit geraumer Zeit munter Texte umschreibt, Inhalte zusammenfasst und Überschriften generiert, scheint dabei erstaunlich oft an genau den Leuten vorbeigegangen zu sein«

    Das ist tatsächlich an mir vorbeigegangen. Und zwar deshalb, weil ich Jetpack aus Datenschutzgründen nicht nutze. Ich habe keine Lust, diesen ganzen Wust in mein Blog zu integrieren: https://legalweb.io/dsgvo/analyse_jetpack/

    Es gibt genug anderer Sicherheits-Plugins, bei denen ein solcher Aufwand nicht nötig ist. Ich nutze bspw. Limit Logins Attempt Reloaded. Für SEO nutze ich bspw. MathRank.

  2. Gerade haben wir den ideologischen K(r)ampf gegen KI im »Core« (Sau->Dorf), davor hatten wir den K(r)ampf gegen das Block Editing. Was der (deutsche) Blogger nicht kennt, kommt nicht in sein Blog. Was Veränderung bringt, kommt nicht in sein Blog.

    Währenddessen zieht die WordPress-Karawane weiter…

    Wenn ich so zurückdenke, wie sich WP seit 2003 verändert hat und weiterentwickelt wurde, und wie ich einfach immer auf dem Laufenden geblieben bin und weiter gebloggt habe, dann macht mir KI-Funktionalität im »Core« auch nicht das Höschen nass.

  3. Ich warte ab, was WordPress in Zukunft wirklich bringt. Abgeneigt gegen KI in WordPress bin ich nicht. Vielleicht sind da ja Feature dabei, die mir wirklich gefallen!

  4. Abwarten und Kaffee trinken, das ist meine Devise zu dem Thema. Ich kann mir fast nicht vorstellen, wie das ohne (kostenpflichtige) API zu diversen LLMs funktionieren soll. Dass es mit JetPack schon gelebte Realität ist, wusste ich auch noch nicht, da ich es nicht nutze. Vielleicht geht es doch, ohne weitere Kosten.

    Und wenn es dann kommt? Tja, dann liegt es doch immer noch an mir, welche der Tools ich dann wirklich nutze oder ignoriere. Es wird mich wohl niemand dazu zwingen, die KI für Dinge einzusetzen, wo ich das nicht möchte.

    Inzwischen erinnern mich Teile der Diskussion an dieses »Neuland«, welches sich eh nie durchsetzen wird. KI wird unser Leben und das Netz massiv verändern. Mit allen Vor- und auch Nachteilen. Ja, es hat viele Risiken, aber auch einige Chancen, welche in der Technik schlummern. Warten wir doch einfach mal die Zeit ab. Dieses Aufregen und anderen erzählen, was sie zu tun und zu lassen haben, empfinde ich inzwischen als eher anstrengend.

  5. Danke für den Beitrag. Als jemand, der KI für viele Dinge nutzt (aber dabei hoffentlich das Hirn eingeschaltet lässt), kann ich mich an der hitzigen Debatte und Ablehnung nicht wirklich beteiligen. Aber jeder, wie er oder sie meint.
    Meine Meinung und die von Lars, die wir ja kürzlich im Podcast geäußert haben, ist einerseits, dass wir KI als Tool nutzen, weil es unsere Arbeit erleichtert. Andererseits beschäftigen wir uns bewusst damit, um mitreden zu können – und auch in unserem Umfeld zu informieren.

  6. »KI im Core« – wie soll das denn praktisch aussehen? Klingt so nach Zwang, was aber doch nicht sein kann, denn APIs sind kostenpflichtig und die WP-Entwickler können den Usern doch nicht vorschreiben, zahlungspflichtige Abos abzuschließen.
    Also wird es nur eine Option sein – die ich wohl nicht nutzen werde, denn ich schätze die Unabhängigkeit eines selbst gehosteten Blogs. (JetPack gibts im Digital Diary auch nicht). Wobei ich nichts gegen KI aus Werkzeug habe!

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