Weihnachten liegt noch vor uns. Und doch tragen mich meine Gedanken heute in die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Für mich ist es eine eigenartig ruhige Zeit, obwohl ich weiß, dass manche sich mit ihren Umtauscharien exakt dann das Leben weniger an- als aufregend gestalten. Manche nennen sie »zwischen den Jahren« – als gäbe es da einen kleinen Spalt im Kalender, durch den man kurz auf das eigene Leben schaut. Ich (≈ 72) habe schon einige dieser Tage erlebt. Und doch erwischen sie mich jedes Mal: als Zeit der inneren Einkehr, der Erinnerung, des Sortierens.

Erinnerung

Menschen, die uns wichtig waren, sind gegangen. Manche langsam, andere abrupt und viel zu früh. Sie fehlen nicht an jedem Tag gleich. Aber die Gedanken an sie sind immer da – wie eine zweite Schicht unter unseren warmen Weihnachtsbildern. In diesen Tagen treten sie näher an uns heran. Nicht als stechender Schmerz, eher als klares Bewusstsein: Da ist eine Lücke. Und sie bleibt.

Weihnachtsbaum 2025
Weihnachtsbaum 2025 (schon geschmückt)

Alles wirkt weicher. Geräusche sind gedimmt. Sogar das Internet, das uns sonst so gern am Kragen packt, scheint für einen Moment langsamer zu atmen. Es ist die Phase, in der man zurückblickt, ohne abzurechnen. Und nach vorn schaut, ohne Pläne in Stein zu meißeln. Vorsätze? Waren nie mein Ding. Ich habe irgendwann aufgehört, ihnen hinterherzulaufen – und es nicht bereut.

In diesen Tagen wird mir auch bewusst, was das Bloggen für mich bedeutet.

Originalität – mal mehr, mal weniger

Bloggen ist für mich kein Wettbewerb um Originalität. Eher eine Form der Begleitung. Man liest sich gegenseitig, manchmal über Jahre hinweg. Man merkt, wie sich Themen verschieben, wie der Ton sich verändert, wie Mut wächst – oder auch abnimmt. Und dann gibt es Dinge, die erstaunlich stabil bleiben: die Freude am Gestalten, am Tüfteln, am Verfeinern. Am Dranbleiben, selbst dann, wenn die Welt wieder einmal meint, sie müsse schneller sein als wir.

Ein gutes Blogtheme ist bei alldem (für mich) mehr als Technik. Es ist ein Arbeitsraum. Einer, der Spielraum lässt. Der Veränderungen zulässt. Manche bewahren bewusst ihren Wiedererkennungswert. Andere – ich zähle mich dazu – neigen zur Übertreibung. Änderungen dürfen sichtbar sein, manchmal sogar irritierend. Im Verhältnis sind es ohnehin nur wenige Blogs, die wie eine »Marke« wahrgenommen werden. Die sind oft professionell, oft kommerziell – und damit auch anders gebaut.

KI im Spiel

Dass inzwischen KI in diesem Raum steht, gehört zur Gegenwart. Nicht als Ersatz fürs Denken, sondern als Werkzeug, das neue Möglichkeiten öffnet. Dass das nicht überall Begeisterung auslöst, überrascht mich nicht. Fast jede Erweiterung des Blogger-Werkzeugkastens hat erst einmal Skepsis erzeugt: bei Plug-ins, bei Block-Editoren – und heute ist es nicht anders.

Nach längeren Blogpausen merkt man übrigens schnell, wie austauschbar manches Geschriebene ist. Das ist nicht böse gemeint. Blogtexte rauschen vorbei. Themen kehren wieder. Meinungen ähneln sich. Und dann steht sie plötzlich wieder im Raum, diese unbequeme Frage: Warum sollte man dazu noch etwas Eigenes beitragen?

Die Antwort ist verblüffend einfach.

Weil wir gern schreiben.

Schreiben ist eine andere Form des Denkens. Eine strengere. Beim Spazierengehen kann man Gedanken treiben lassen. Beim Schreiben müssen sie antreten. Man ordnet, schärft Begriffe, hält Widersprüche aus. Längst nicht jeder Text gelingt. Nicht jeder Gedanke trägt. Aber der Anspruch, genauer hinzusehen, ein Thema wirklich zu durchdringen, bleibt.

Redundanz gehört dazu

Redundanz gehört zum Handwerk. Über fast alles wurde schon gesprochen. Originalität entsteht selten durch das Thema allein, sondern durch Haltung, Ton, Perspektive. Nischenblogs gibt es viele, ihre Reichweite ist oft überschaubar. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

Ein thematisch offener Blog hat es da leichter. Er erlaubt Beweglichkeit. Er lädt unterschiedliche Leserinnen und Leser ein. Am Ende trägt meist das Zusammenspiel aus Themenwahl, Klarheit und dem Umgang mit Widerspruch.

Mir selbst gelingt dieses »Mitnehmen« nicht immer. Mein Stil ist direkt, manchmal schroff. Ich schreibe oft schnell und nehme dabei nicht immer Rücksicht auf andere Perspektiven. Das zeigt sich in Kommentaren. Andere sind darin souveräner, gelassener, verbindlicher. Ich sehe das – und lerne daraus, so gut ich kann.

Es leben die Unterschiede

Und doch: Vielleicht gehört auch das zur Bloglandschaft. Unterschiedliche Stimmen. Unterschiedliche Temperamente. Nicht jede muss harmonieren. Nicht jede muss gefallen. Vielfalt entsteht nicht durch Glätte, sondern durch Reibung. Ein großes Thema in unserer Zeit, in der manche sagen, die Demokratie sei in Gefahr – und dabei übersehen, dass sie selbst an dieser Gefahr mitbauen.


Horst Schulte

Herausgeber, Blogger, Amateurfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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2 Gedanken zu „Innere Einkehr beim Bloggen“

  1. Nicht jeder Gedanke trägt. Aber der Anspruch, genauer hinzusehen, ein Thema wirklich zu durchdringen, bleibt.

    Ich schreibe ja fast täglich Tagebuch. »Um mich besser zu verstehen«.
    Aber wenn ich auf meine Eintragungen schaue, ist da wenig von echter Tiefe. Ich durchschaue mich nachwievor nicht recht. »Unhinterfragbar«, das war ein Anspruch, den ich kaum erfüllen kann. Das ist ein deutlich schwächerer Anspruch als mich durchdringen zu wollen.
    So wird das Geschreibsel dort also eher episodenhaft.
    Immerhin habe ich so wenigstens eine Art Zugriff auf eine Phase, die ein Jahr zurückliegen kann und erstaunlicherweise kaum mehr präsent ist. Aber ein Psychogramm ist es nicht.

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