Wenn Preise das Vertrauen auffressen

Wenn Preise das Vertrauen auffressen

Inflation klingt immer ein wenig technisch. Als ginge es um Monatswerte, Kerninflationsraten, Prognosen und die Frage, ob die Europäische Zentralbank den richtigen Knopf gedrückt hat. Im Alltag sieht das anders aus. Da steht niemand vor dem Supermarktregal und denkt an Geldpolitik. Da schaut man auf Butter, Kaffee, Fleisch, Obst, Stromabschlag, Nebenkosten und Miete.

Und irgendwo zwischen Einkaufswagen und Kontoauszug geht etwas verloren, das für eine Gesellschaft wichtiger ist als manche Konjunkturkurve: Preisvertrauen.

Dieses Preisvertrauen ist die stille Vereinbarung, dass Arbeit, Rente und Erspartes morgen noch ungefähr das wert sind, was sie gestern versprochen haben. Wenn diese Vereinbarung bröckelt, wird aus Inflation mehr als ein wirtschaftliches Problem. Dann wird sie zur sozialen Frage.

Die großen Schocks kamen von außen

Man muss fair bleiben: Die großen Preisschübe der vergangenen Jahre kamen nicht zuerst aus Berlin. Corona hat Lieferketten beschädigt, Putins Krieg gegen die Ukraine hat Energiepreise und Unsicherheit explodieren lassen. Auch neue Konflikte im Nahen Osten wirken auf Märkte, Erwartungen und Rohstoffpreise.

Die Inflationsrate lag in Deutschland im April 2026 bei 2,9 Prozent, für Mai 2026 meldete Destatis vorläufig 2,6 Prozent. Das ist weit entfernt von den schlimmsten Monaten der Energiekrise. Aber für viele Haushalte fühlt es sich nicht nach Entwarnung an, weil sich Preise in Mieten, Lebensmitteln und Nebenkosten festgesetzt haben. Quelle: Destatis zur Inflation im April 2026 und Mai 2026.  

Gerade deshalb reicht es nicht, alles auf äußere Schocks zu schieben. Politik kann nicht jeden Preis verhindern. Aber sie entscheidet, ob Menschen Schutz, Orientierung und Handlungsspielraum bekommen. Oder ob sie das Gefühl haben, allein im Wind zu stehen.

Schulden sind nicht automatisch falsch

Die hohe Neuschuldenaufnahme der Merz-Regierung wird von manchen als zusätzlicher Inflationstreiber beschrieben. Ganz falsch ist der Gedanke nicht. Wenn der Staat sehr viel zusätzliches Geld ausgibt, kann das Nachfrage erzeugen. Wenn Bauwirtschaft, Verwaltung, Materialmärkte und Handwerk ohnehin eng sind, kann das Preise treiben.

Aber Schulden sind nicht automatisch falsch. Aus den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts sollten wir gelernt haben, dass man eine schwere Krise nicht gesundspart. Wer in einer Schwächephase Investitionen kürzt, verschiebt Probleme nur in die Zukunft: marode Brücken, kaputte Schulen, fehlende Wohnungen, schlechte Bahnstrecken. Auch das ist teuer. Nur steht es nicht immer so deutlich auf dem Kassenzettel.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Schulden ja oder nein? Die Frage lautet: Stärken diese Schulden das Preisvertrauen? Machen sie Wohnen, Energie, Mobilität, Bildung und Alltag verlässlicher? Oder stopfen sie nur Löcher, bis das nächste Loch sichtbar wird?

Der Vorwurf der Ökonomen ist ernst

Genau hier setzen die Vorhaltungen vieler Wirtschaftswissenschaftler an. Das ifo Institut kritisierte, dass 2025 rund 95 Prozent der neuen Schulden aus dem Sondervermögen nicht für zusätzliche Infrastrukturinvestitionen verwendet worden seien, sondern faktisch zum Stopfen anderer Haushaltslöcher dienten. Auch der Bundesrechnungshof warnte vor einem „Verschiebebahnhof“. Quelle: ifo zur Zweckentfremdung der Sonderverschuldung, Bundesrechnungshof zur Investitionsorientierung des Sondervermögens.  

Stimmt der Vorwurf also? Kurz gesagt: Er ist nicht aus der Luft gegriffen. Die Mittel heißen zwar Investitionsmittel, aber wenn dadurch im Kernhaushalt andere Ausgaben freiwerden, kann am Ende tatsächlich mehr konsumtiver Spielraum entstehen. Das ist nicht zwingend illegal, aber politisch heikel. Denn den Bürgern wurde Erneuerung versprochen: bessere Bahn, bessere Straßen, bessere Schulen, bezahlbareres Wohnen. Wenn daraus vor allem Haushaltskosmetik wird, beschädigt das Vertrauen.

Und genau dieses Vertrauen ist in Zeiten hoher Preise ohnehin dünn wie Pergament.

Die soziale Sprengkraft liegt im Alltag

Inflation wirkt ungerecht, selbst wenn sie statistisch sinkt. Wer viel besitzt, kann ausweichen. Wer wenig hat, wird getroffen. Lebensmittel und Miete kann man nicht einfach abbestellen wie ein Streaming-Abo.

Für Menschen mit niedrigen Einkommen, für Rentner, Alleinerziehende und Familien mit knappen Budgets ist Teuerung keine abstrakte Zahl. Sie ist täglicher Druck. Sie entscheidet darüber, ob der Einkauf entspannter wird oder zur Rechenaufgabe. Ob die Nebenkostenabrechnung Angst macht. Ob ein Umzug möglich bleibt. Ob man im Alter noch ruhig schlafen kann.

Dieser Druck verändert die Gesellschaft. Er macht Menschen misstrauischer. Er frisst Gelassenheit. Er lässt Neid wachsen, auch dort, wo eigentlich Solidarität nötig wäre. Wenn der eigene Einkauf immer teurer wird, schaut man schneller auf den Nachbarn, auf Bürgergeldempfänger, auf Geflüchtete, auf Beamte, auf Politiker, auf „die da oben“.

Inflation sortiert nicht nur Geldbeutel. Sie sortiert Stimmungen.

Politik muss Vertrauen erneuern

Darum muss Politik mehr leisten als beruhigende Zahlen. Sie muss sichtbar machen, dass sie die Zumutungen des Alltags versteht. Bezahlbarer Wohnraum, verlässliche Energiepreise, funktionierende Infrastruktur, gezielte Entlastung statt Gießkanne, weniger Bürokratietheater: Das alles ist keine trockene Reformagenda. Es ist Gesellschaftspolitik.

Am Ende hängt viel am Preisvertrauen. Wenn Menschen glauben, dass alles teurer wird und niemand die Richtung kennt, wird Demokratie verletzlich. Wenn sie aber sehen, dass Belastungen ehrlich benannt und praktisch angegangen werden, entsteht wieder etwas, das man in Krisenzeiten dringend braucht: Boden unter den Füßen.

P.S.: Über die Absprache, die Flassbeck in diesem Interview anspricht, habe ich in der letzten Woche erst mit meiner Frau diskutiert. Natürlich darf man die Wirkung der Zweitrundeneffekte nicht unterschätzen!

Heiner Flassbeck unterscheidet in diesem Interview scharf zwischen einem „Preisschock“ und klassischer „Inflation“. Seine Kernpunkte dazu sind:
Preisschock vs. Inflation: Flassbeck bezeichnet die aktuellen Preissteigerungen als vorübergehende Preisschocks (einmalige Ereignisse, z. B. durch externe Faktoren), nicht als klassische Inflation. Echte Inflation wäre laut seiner Definition ein selbsterhaltender Prozess, bei dem sich Löhne und Preise gegenseitig in einer Spirale nach oben treiben.

Kritik an der EZB: Er kritisiert die Europäische Zentralbank (EZB) und Institutionen wie die Bundesbank scharf für ihre Zinspolitik. In einer Rezession die Zinsen zu erhöhen, um einen vorübergehenden Preisschock zu bekämpfen, hält er für wirtschaftspolitisch falsch und konjunkturschädlich.

Lohnentwicklung: Er betont, dass Gewerkschaften in Deutschland sehr defensive Abschlüsse erzielt haben und nicht für „Zweitrundeneffekte“ verantwortlich gemacht werden sollten.

Lösungsvorschläge: Statt Zinssteigerungen schlägt er eher eine Stärkung der Binnennachfrage vor, etwa durch eine zeitlich befristete Senkung der Mehrwertsteuer (am besten europäisch abgestimmt), um den Konsum anzukurbeln.
Seiner Ansicht nach ist das Problem weniger technischer Natur, sondern ein Mangel an ökonomischem Verständnis und Kommunikation zwischen den relevanten Akteuren in Politik und Notenbanken.

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Horst Schulte
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@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Rentner, Autor, Blogger und Hobbyfotograf

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

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