Wenn auch der Fußball keinen Trost mehr spendet

30. Juni 2026
9 Min. lesen

Das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft schmerzt viele Fans. Doch noch schmerzhafter ist der Ton danach: Aus sportlicher Enttäuschung wird schnell eine Diagnose über Deutschland. Dabei wäre etwas Maß vielleicht hilfreicher als die nächste Abrechnung.

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Man muss nicht gleich jedes Fußballspiel politisieren oder Analogien zum gegenwärtigen Status des Landes suchen. Fündig würde gegenwärtig jeder, der auch nur ein wenig nachdenkt. Man muss auch nicht aus jedem verschossenen Elfmeter gleich eine nationale Charakterstudie drechseln. Manchmal verliert eine Mannschaft einfach ein Spiel. Manchmal sogar verdient.

Deutschland ist bei der WM ausgeschieden. Übrigens sind auch die Niederländer raus. Wieder einmal früher, als viele gehofft hatten. Wieder einmal mit diesem bleiernen Gefühl, das sich in den vergangenen Jahren (nun schon bei der 3. WM in Folge) rund um unsere Mannschaft festgesetzt hat. Früher war ein WM-Spiel der Deutschen ein Ereignis, das sich irgendwie in den Alltag schob. Man wusste, wann gespielt wurde. Man plante drumherum. Man stritt über Aufstellungen, aber nicht darüber, ob einen das alles überhaupt noch berührt.

Heute ist da oft eher eine müde Mischung aus Hoffnung, Gewohnheit und innerer Vorsicht. Bloß nicht zu früh freuen. Bloß nicht zu viel erwarten. Der deutsche Fußballfan ist in dieser Hinsicht inzwischen ein erfahrener Selbstschutztechniker geworden.

Der Kanzler twittert Trost

Friedrich Merz hat nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft auf X geschrieben:

„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB_Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Man kann über diesen Satz die Stirn runzeln. Viele haben das getan. Einige fragten, welches Spiel der Kanzler gesehen habe. Andere machten sich über den Ton lustig, der nach einem solchen Aus tatsächlich ein wenig klingt, als habe jemand die Glückwunschkarte schon vor dem Spiel geschrieben und dann vergessen, sie nach dem Elfmeterschießen noch einmal zu überarbeiten.

Aber vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit.

Denn der Satz enthält bei aller möglichen Schieflage auch etwas, das in diesen Tagen erstaunlich selten geworden ist: den Versuch, nach einer Niederlage nicht sofort mit dem Vorschlaghammer in die Kabine zu marschieren. Merz wollte trösten. Vielleicht zu dick. Vielleicht zu staatstragend. Vielleicht auch etwas entrückt vom konkreten Spielverlauf. Aber eben doch trösten.

Und das ist für sich genommen noch kein Skandal. Jedenfalls solange es nicht nach Fußball-Hardcorefans geht. Oder nach der AfD, deren übliche Lautsprecher sich bisher noch erstaunlich ruhig verhalten.

Zwischen Enttäuschung und öffentlicher Hinrichtung

Natürlich darf man diese Mannschaft kritisieren. Man muss es einfach. Wer bei einer Weltmeisterschaft für Deutschland spielt, steht nicht beim Betriebsausflug der Stadtsparkasse auf dem Rasen. Da geht es um Leistung, Verantwortung, Anspruch. Und ja: Um Stolz.

Joshua Kimmich sagte nach dem Aus sinngemäß, dass man Deutschland stolz machen wolle und dass die Mannschaft genau das nicht geschafft habe. Das ist bitter, aber ehrlich. Und vielleicht war es einer der stärkeren Sätze dieses traurigen Abends. Kimmich schien zu antizipieren, dass die Nationalmannschaft nicht nur für sich selbst spielte oder für die Fans des Sports. Sie spielt für Millionen Menschen, die mitfiebern, hoffen, schimpfen, leiden und sich für ein paar Stunden von diesem Land etwas Leichtes wünschen.

Das ist im Moment nicht wenig verlangt.

Deutschland wirkt seit Jahren wie ein Land, das die Schultern hängen lässt. Wirtschaftlich knirscht es. Politisch scheppert es. Gesellschaftlich redet man oft eher übereinander hinweg als miteinander. Und der Fußball, dieses Lagerfeuer mit Rasenheizung, liefert auch keinen Trost mehr.

Da kann man schon verstehen, warum so ein WM-Aus mehr ist als eine sportliche Niederlage. Für viele Menschen, die Fußball lieben, ist es ein weiterer kleiner Stich in eine ohnehin wundgescheuerte Stelle.

Constantin Schreiber und die Frage nach der Mentalität

Constantin Schreiber hat das Debakel der Nationalmannschaft in seinem Video ebenfalls aufgegriffen:

Youtube Video

Ich will gar nicht bestreiten, dass man über Mentalität sprechen darf. Eine Mannschaft kann mutlos wirken. Den Eindruck hatte ich eigentlich nicht. Obwohl sie über weitere Strecken dominierend war, konnte sie keine Tore erzielen. Umgekehrt offenbarte auch die Verteidigung starke Schwächen.

Aber gefährlich wird es dort, wo aus einer sportlichen Analyse plötzlich eine Diagnose über das ganze Land wird. Wo das schlechte Elfmeterschießen nicht mehr nur ein schlechtes Elfmeterschießen ist, sondern angeblich der Beweis für eine deutsche Mentalität, die weich, satt, führungslos oder sonstwie verdorben sei.

Da wird es schief.

Nicht, weil Deutschland keine Probleme hätte. Himmel, davon haben wir genug. Man kann dieses Land derzeit an vielen Stellen kritisieren, ohne lange suchen zu müssen. Aber gerade deshalb sollte man vorsichtig sein, aus jedem Rückschlag noch eine zusätzliche nationale Selbstanklage zu basteln.

Wer ein ohnehin angeknackstes Selbstvertrauen immer weiter drangsaliert, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann nur noch Splitter herumliegen.

Kritik ja, Selbstverachtung nein

Das ist der Punkt, der mich an vielen Reaktionen stört. Nicht der Ärger. Ärger ist erlaubt. Nach so einem Spiel sogar Pflichtprogramm. Aber zwischen Ärger und Selbstverachtung liegt ein Unterschied.

Man kann sagen: Das war zu wenig. Man kann sagen: Diese Mannschaft hat den Anspruch nicht erfüllt. Man kann über Trainer, Taktik, Spieler, DFB-Strukturen und Nachwuchsarbeit diskutieren. Alles richtig. Alles notwendig.

Aber warum muss daraus so oft sofort ein Urteil über „die Deutschen“ werden? Warum genügt es nicht mehr, eine Niederlage als Niederlage zu behandeln? Warum muss jedes Scheitern sofort in den großen Topf geworfen werden, in dem schon Wirtschaftsflaute, Regierungskrise, Bürokratie, Bildung, Bahn und schlechte Laune vor sich hin köcheln?

Vielleicht, weil wir uns daran gewöhnt haben, jedes Ereignis als Symptom zu lesen. Nichts steht mehr für sich. Alles bedeutet sofort etwas Größeres. Ein verlorenes Spiel ist dann kein verlorenes Spiel mehr, sondern ein Gleichnis. Ein Menetekel. Ein weiterer Beleg dafür, dass es mit diesem Land bergab geht. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich selbst auch über Zusammenhänge nachgedacht habe. Aber hey, was für ein Unsinn. Fußball ist Fußball und es werden wieder bessere Zeiten kommen. Erinnert sich noch einer an 1994? Bis zu Klinsmann und Löws Auftauchen hatten viele schon die Hoffnung verloren, dass Deutschland überhaupt noch mal guten Fußball spielen könnte.

Solche Gedanken, die man leichtfertig auf andere Lebensbereiche ausweiten kann, mögen manchmal intellektuell reizvoll klingen. Aber auf Dauer sind sie Gift. Nicht das Ausscheiden bei einer Fußball-WM. Denkt an die FIFA, diesen schrecklichen Verband, und dass man diese missliche Situation vielleicht als Fügung des Schicksals deuten könnte. Ist das zu abwegig? Nun gut.

Der emotionale Teil des Fußballs

Wer sich nicht für Fußball interessiert, wird das vielleicht belächeln. Es sind doch nur 22 Leute, die einem Ball hinterherlaufen. Ja, schon. Aber das ist ungefähr so, als würde man sagen, Musik bestehe aus Luftbewegungen. Stimmt zwar, unterschlägt aber die Emotionen, die rund ums dieses Spiel existieren, in keiner Weise.

Fußball ist Erinnerung. 1954, 1974, 1990, 2014. Familienabende. Biergärten. Nachbarn, die plötzlich miteinander sprechen. Kinder, die Namen auf Trikots tragen. Alte Männer, die bei Hymnen auf einmal wieder jung aussehen. Fußball kann ein Land nicht retten. Aber er konnte diesem Land gelegentlich ein Gefühl geben, das in Deutschland ohnehin nie besonders leicht über die Lippen kam: unverkrampfte Freude an sich selbst.

Vor diesem Hintergrund tut dieses wiederholte Scheitern weh – sportlich wie emotional.

Viele Menschen, die mit der Nationalmannschaft mitgehen, erleben das nicht als abstrakte Mediengeschichte. Sie erleben es als Verlust. Als eine weitere kleine Entzauberung. Als Erinnerung daran, dass selbst die Dinge, auf die früher (nicht immer aber oft) Verlass war, nicht mehr tragen.

Und dann kommen die großen Diagnosen. Die Abrechnungen. Die süffisanten Kommentare über deutsche Mentalität. Die Häme aus den sozialen Netzwerken. Auch aus dem politischen Raum wird so etwas gern aufgenommen, wenn es gerade ins eigene Niedergangslied passt.

Nur: Wem hilft das?

Vielleicht wäre etwas Milde schon ein Anfang

Vielleicht ist das der Punkt, an dem man einmal tief durchatmen sollte. Nicht, weil man die Leistung schönreden möchte. Und schon gar nicht, weil Kritik verboten wäre. Wer für Deutschland bei einer Weltmeisterschaft spielt, steht im Licht. Und wer im Licht steht, muss Schatten aushalten.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Kritik und Verachtung. Zwischen Analyse und Abrechnung. Zwischen einem schmerzhaften Fußballabend und der nächsten großen Diagnose über den angeblich verdorbenen Charakter dieses Landes.

Und gerade jenen, die diesen wundervollen Sport nur durch eine nationalistische Brille sehen und mit einer multiethnischen Mannschaft fremdeln, sei gesagt: Fußball ist Sport – kein Feld für politische Agitation.

Deutschland ist im Moment ohnehin kein Land, das vor Selbstvertrauen über die Ufer tritt. Wirtschaftlich knirscht es. Politisch scheppert es. Gesellschaftlich reden wir seit Jahren eher übereinander hinweg als miteinander. Und dann kommt auch noch der Fußball, dieser alte emotionale Notnagel, dieses letzte Lagerfeuer mit Rasenheizung, und liefert wieder keinen Trost.

Man kann darüber spotten. Aber wenn aus jedem Fehlschuss sofort ein nationales Charaktergutachten gezimmert wird, dann wird es schief.

Der Tweet des Kanzlers war in diesem Sinne vielleicht weniger peinlich, als manche meinten. Er war schlicht der Versuch, einer enttäuschten Mannschaft nicht auch noch öffentlich die Schuhe vor die Kabine zu werfen. Deshalb ist vielleicht ein Satz wie „Wir sind stolz auf euch“ nach solch einer Niederlage einfach nur anständig.

Und genau daran fehlt es mir in diesen Debatten zunehmend. An Anstand. An Maß. An der Fähigkeit, Enttäuschung auszuhalten, ohne sofort das ganze Land in die Tonne zu treten. Vielleicht wäre das schon ein Anfang: Niederlagen wieder als Niederlagen zu behandeln. Schmerzlich, ärgerlich, analysierbar. Aber nicht als endgültigen Beweis dafür, dass mit uns sowieso nichts mehr anzufangen ist.

Wir dürfen jene leise Kraft, die wir brauchen, um wieder aufzustehen, nicht angesichts frustrierender Erfahrungen einfach in die Tonne treten! Diese Kraft brauchen wir. Im Fußball. Aber längst nicht nur dort.

Die Faktenbasis passt: Deutschland ist gegen Paraguay ausgeschieden, Merz postete den Trost über den offiziellen Kanzler-X-Account, und die Reaktionen darauf waren breit kritisch bis spöttisch. Sieht so der Glaube an uns als Nation aus?

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Horst Schulte
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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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5 Kommentare zu „Wenn auch der Fußball keinen Trost mehr spendet“

  1. @HorstSchulte So ist es. Es war nur ein Fußballspiel. Deutschland war nicht gut und Paraguay auch nicht. 50:50 mit dem glücklicheren Ende für Paraguay. Vielleicht muss man noch dreimal ausscheiden, bis die Leute sich ein bisschen entspannen und einsehen, dass Deutschland und der deutsche Fußball nicht das Maß aller Dinge sind.

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