Energie als Kriegsbeute

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Es ist ein Muster, das sich wiederholt – und Europa scheint immer noch nichts daraus gelernt zu haben. Erst der Ukraine-Krieg, jetzt der Iran-Krieg. Wieder droht ein geopolitischer Konflikt, den Europa weder ausgelöst hat noch steuern kann, die Energieversorgung des Kontinents aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Unterschied: Diesmal schießen nicht Moskau und Kiew aufeinander, sondern Washington und Tel Aviv bombardieren Teheran – und das ohne jeden Rechtsgrund.

Wir reden vom Völkerrecht und über seine und unsere Ohnmacht. Dabei klingt es nur nach Fatalismus, wenn man deprimiert feststellt: Was haben wir denn anderes, als uns an das zu klammern, was die Schwachen in solchen Ausgangslagen nur machen können, nämlich an dem festzuhalten, was uns vor gewissenlosen, aggressiven Despoten in vielen Jahrzehnten bewahrt hat?

Seit dem 28. Februar 2026 führen die USA und Israel einen Angriffskrieg gegen den Iran, der nach einhelliger Einschätzung von Völkerrechtlern klar gegen Art. 2 Abs. 4 der UN-Charta verstößt. Was als „Präventivangriff“ gegen angebliche iranische Atomanlagen begann, hat sich zu einem anhaltenden Bombenkrieg ausgeweitet, der die gesamte Region destabilisiert. Der Iran reagiert – wie es jeder souveräne Staat täte – mit Gegenschlägen. Und mittendrin steckt Europa in der Klemme.

Abgesehen davon, dass man den USA nach 2003 ohnehin keine Kriegsgründe mehr abkaufen darf, ist dieses Vorgehen der unheiligen Allianz auf die Intervention des israelischen Premiers Netanjahu zurückzuführen. Trump hat sich von ihm vorführen lassen wie ein dummer Junge.

Der Flaschenhals heißt Hormus

Die entscheidende Schwachstelle ist geografischer Natur: die Straße von Hormus. Durch diesen schmalen Meeresstreifen zwischen dem Iran und der arabischen Halbinsel fließen täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte – das entspricht etwa einem Fünftel des weltweiten Verbrauchs. Seit Beginn der Kampfhandlungen Ende Februar ist der Schiffsverkehr dort nahezu zum Erliegen gekommen. Hinzu kommen die LNG-Exporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ebenfalls diese Route passieren müssen – das betrifft rund 20 Prozent des weltweiten Flüssiggashandels. Die Zerstörungen, die Iran durch seine Angriffe auch auch die Gas-Infrastruktur durchgeführt hat, ist nachhaltig. Experten reden von 4 Jahren, die benötigt würden, um die bisherigen Kapazitäten wieder zur Verfügung zu haben.

Für Europa ist das ein doppeltes Problem. Einerseits importiert die EU rund neun Prozent ihres Rohöls über diese Route, und 40 Prozent aller Diesel- und Kerosinlieferungen nehmen diesen Weg. Andererseits ist Europa beim LNG besonders verwundbar: Die Gasspeicher starteten 2026 mit einem historisch niedrigen Stand von 46 Milliarden Kubikmetern – verglichen mit 77 Milliarden im Jahr 2024. Fällt nun ausgerechnet in dieser Lage der globale LNG-Markt in Schieflage, muss Europa auf dem Spotmarkt gegen asiatische Abnehmer konkurrieren – ein Preispoker, den Europa schon 2021 bis 2023 verloren hat.

Das wahrscheinlichste Szenario: Verlängerte Hängepartie mit Dauerschmerz

Drei Szenarien werden in der Analyse diskutiert: ein begrenzter Konflikt mit anschließender diplomatischer Stabilisierung, ein regionaler Flächenbrand, oder eine innenpolitische Regimekrise im Iran. Das Wahrscheinlichste ist leider keines davon in Reinform – sondern eine toxische Mischung.

Realistisch ist ein verlängerter, „eingefrorener“ Konfliktzustand: militärische Operationen, die nicht zur offenen Gesamteskalation führen, aber auch keinen klaren Abschluss finden. Israel und die USA wollen keine Bodeninvasion. Der Iran kann nicht kapitulieren, ohne das Regime zu gefährden. Das Ergebnis: anhaltende Unsicherheit, dauerhaft erhöhte Energiepreise, blockierte Handelsrouten. Ölpreise über 100, möglicherweise 130 Dollar pro Barrel sind in diesem Szenario realistisch. Die europäischen Gaspreise schossen bereits am 2. März um fast 20 Prozent nach oben.

Für Europa bedeutet das: Eine neue Inflationswelle rollt an. Energieintensive Industrien – Chemie, Metall, Transport – stehen unter Kostendruck. Die Wiederauffüllung der Gasspeicher für den Winter 2026/27 wird teurer und schwieriger. Und der politische Preis ist noch nicht einmal eingepreist.

Europa zahlt – wieder einmal – die Rechnung anderer

Was besonders bitter ist: Europa trägt die wirtschaftlichen Konsequenzen eines Krieges, an dem es nicht beteiligt ist, den es nicht gewollt hat, und den es – trotz aller diplomatischer Bemühungen – nicht verhindern konnte. Die EU-Kommission beschwichtigt, die Versorgung sei „vorerst gesichert“. Das klingt nach dem berühmten Satz aus dem Jahr 2022, als Gazprom den Hahn zudrehte und plötzlich alles ganz anders war.

Die eigentliche Lektion aus dem Ukraine-Krieg – nämlich strukturelle Energieabhängigkeiten zu beenden und den Ausbau erneuerbarer Energien massiv zu beschleunigen – hat Europa noch immer nicht konsequent gezogen. Statt Russland als Lieferanten hat man jetzt die USA und Katar. Aber auch das ist keine Sicherheit. Wer Energie importiert, macht sich abhängig von Regionen und Regierungen, die ihre eigenen Interessen verfolgen.

Der Iran-Krieg ist ein weiteres schmerzhaftes Lehrstück: Solange Europa fossile Energie importiert, ist seine wirtschaftliche Sicherheit eine Funktion fremder Kriege. Der einzige echte Ausweg ist energiepolitische Souveränität – durch Erneuerbare, durch Effizienz, durch den Abschied vom Öl. Nicht irgendwann. Jetzt. Sagt das mal einer den Unions-Bonzen in unserem Land, einschl. Frau Reiche, ihres Zeichens Wirtschaftsministerin für Deutschland?

Horst Schulte
Horst Schulte
@HorstSchulte@horstschulte.com

Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt, wie man so sagt, in der Provinz. Großstädte sind mir ein Gräuel.

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Mein Bloggerleben reicht bis ins Jahr 2004 zurück. Ich bin jetzt 72 Jahre alt und lebe seit meiner Geburt (aus Liebe) auf dem Land.

2 Kommentare zu „Energie als Kriegsbeute“

  1. Nun ist Deutschland ein Im- und Exportland, da sein Binnenmarkt nie gezählt hat und es selber über keine eigenen Rohstoffe verfügt. Daher ist auch die Energie als Solche nicht so wichtig, sondern die Wetten, die man damit abschließen kann. Was hier nicht geht, geht eben international.

    As usual: Follow the money!

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