Ist die Demokratie im Osten verloren?

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Mauerspechte
Mauerspechte

Ist der Osten für die Demokratie verloren? Die Journalistin Jana Hensel zeichnet ein düsteres Bild: Ein erheblicher Teil der ostdeutschen Bevölkerung habe sich innerlich bereits vom System verabschiedet. Kommt mir das bekannt vor? Ja, seit 36 Jahren! Wer glaubt, das läge allein an der Migrationsfrage, macht es sich zu einfach. Es gibt zahlreiche andere Gründe, über die gejammert wird. Migration ist hier lediglich das Symptom einer viel tiefer liegenden Wunde – einer Geschichte von Entwertung, fehlendem Eigentum und einer Repräsentationslücke, die bis heute klafft.

Die Autorin und Journalistin Jana Hensel stellt in ihrem neuen Buch »Es war einmal ein Land« eine steile These auf: Ostdeutschland habe sich von der Demokratie abgewendet.

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Wer hätte gedacht, dass die Unterschiede zwischen Ost und West auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch so spürbar sind? Falls an Hensels Diagnose etwas dran ist, lohnt es sich vielleicht, ernsthaft darüber nachzudenken, wie regionale Identitäten und politische Kulturen besser zusammenfinden können. Denkbar wären neue regionale Zuschnitte oder andere Formen föderaler Zusammenarbeit – einfach, um Spannungen konstruktiv zu begegnen.

Die AfD jedenfalls wird diese Gräben kaum überbrücken. Das scheint manchen ihrer Anhänger – im Osten wie im Westen – allerdings wenig zu kümmern. Ich für meinen Teil habe echt keinen Bock darauf, mich mit den Befindlichkeiten von Ostdeutschen zu belasten. Die Probleme sind auch so schon groß genug.

In der aktuellen Debatte um den politischen Rechtsruck im Osten Deutschlands wird oft die Migrationsfrage als Hauptgrund angeführt. Doch schaut man genauer hin – wie Jana Hensel es in den beiden Gesprächen mit Paul Ronzheimer und Markus Lanz tut –, offenbart sich ein tieferliegendes, strukturelles Problem. Ein zentraler Kontrast in Hensels Argumentation ist das Verhältnis von tatsächlichen Zahlen zur gefühlten Bedrohung. Während im Westen die Migration Teil des Alltags ist, korreliert im Osten eine niedrige Zahl an Migranten mit einer überproportional hohen Ablehnung. Hensel macht deutlich: Die Migration fungiert hier als Projektionsfläche. Es geht nicht um die Menschen, die kommen, sondern um die Angst vor weiterem Kontrollverlust in einer Region, die bereits massive Umbrüche hinter sich hat.

Der spannendste Aspekt im Kontrast der beiden Diskussionen ist Hensels These zur »Elite«:

  • Im Ronzheimer-Podcast betont sie die ökonomische Ohnmacht. Ostdeutsche besitzen weniger Erbe, weniger Immobilien und weniger Kapital.

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  • Bei Markus Lanz verknüpft sie dies mit der Repräsentationslücke. Sie zieht eine provokante Parallele: Sowohl Ostdeutsche als auch Menschen mit Migrationshintergrund sind in Führungspositionen der deutschen Gesellschaft (Justiz, Wirtschaft, Medien) kaum vertreten.

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Hensel argumentiert, dass die Ostdeutschen eine Art »Migration im eigenen Land« erlebt haben. Nach 1989 änderte sich alles: das System, die Sprache, die Eliten. Wenn nun über Migration debattiert wird, triggert das bei vielen das Gefühl, erneut von einer fernen Zentrale (Berlin/Brüssel) übergangen zu werden. Die Ablehnung von Zuwanderung ist somit oft ein indirekter Protest gegen die eigene mangelnde Mitsprache.

Die Ossis wählen mehrheitlich blau. Die Weichen für die nächste Zeit sind gestellt. Die AfD übernimmt voraussichtlich schon in diesem Jahr einige ostdeutsche Bundesländer. Da haben sie dann wohl die Repräsentanz, die sie so schmerzlich vermissen.

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