Da schreibt also wieder einer in einem Medium, das sich seit Jahren wie ein Selbsthilfezirkel für Ressentiments liest. Zielgruppe klar umrissen: gekränkte Egos, diffuse Ängste, der Wunsch nach einfacher Schuldverteilung. Inhaltlich? Unterkomplexer Dreck, geschniegelt als Meinung, verkauft als Mut.
Und kaum steht dieser Text im Schaufenster, kriechen sie aus ihren Löchern: die Kommentatoren. Laut, aggressiv, stolz auf ihre eigene Gedankenarmut. Differenzierung ist für sie Verrat, Nachdenken Zeitverschwendung. Sie bellen Parolen, sie spucken Verachtung, sie nennen Menschen Probleme und fühlen sich dabei klug.
Das Erschreckende ist nicht ihre Dummheit. Dummheit gab es immer. Das Erschreckende ist der Applaus. Das Johlen. Das kollektive Schulterklopfen der geistig Verwahrlosten. Sie erkennen sich gegenseitig, sie bestärken sich, sie erklären ihre Niedertracht zur Tugend.
So entsteht Normalität. Nicht durch Putsch oder Dekret, sondern durch Wiederholung. Durch das Wegsehen der Anständigen. Durch das Achselzucken der Ermüdeten. Durch Medien, die Hetze als Debatte tarnen und Hass als Meinung verkaufen.
Und wieder sind wir ein Stück weiter. Nicht plötzlich. Nicht spektakulär. Sondern schleichend, klebrig, unerquicklich. Ein Land, das lernt, Menschenverachtung zu tolerieren, weil sie gut klickt. Ein Land, das sich daran gewöhnt, dass der Bodensatz den Ton angibt.
Das ist kein Betriebsunfall. Das ist Absicht. Und wer da noch was von Einengung der »Meinungsfreiheit« faselt, hat entweder nichts verstanden – oder alles verstanden und ist trotzdem dabei.
Und dann sagt Juli Zeh gestern im Tagesspiegel:
Der durchschnittliche AfD-Wähler will nicht das Parlament abschaffen.




Ich kann alles, was Du schreibst, so unterschreiben. Der Screenshot ist aus der WELT, richtig? Die ist mittlerweile auf dem gleichen Level wie Tichys Einblick, Apollo News oder (beinahe) dem »Compact«-Magazin.
In meinen Augen Schmutz.
Und dann kommen noch die Bedenkenträger wie Frau Zeh, die das versuchen intellektuell zu untermauern. Widerwärtig.
@Martin: Bei Juli Zeh wäre ich nicht so kritisch. Eigentlich kann ich ihre Sichtweise häufig gut nachvollziehen. In diesem Fall (AfD-Verbot und Brandmauer) ist sie vorsichtig. Auch das kann ich verstehen. Jetzt ist es für ein solches Verfahren ohnehin zu spät. Demnächst werden wir wohl die erste Regierung mit AfD-Beteiligung bei der »Arbeit« beobachten dürfen. Das wird furchtbar. Aber die Deutschen wollen es offenbar nicht anders. Jedenfalls der Teil, der nicht vor diesen Kanaillen zurückschreckt.
@Horst Schulte: Ja, aber ich will nicht, dass man uns die Demokratie kaputtmacht. Ich muss aber wie viele andere sehenden Auges zuschauen; das macht mich krank.
Der Diskurs ist so weit nach rechts gerückt, dass ich keine Chance mehr sehe, dass sich das ändert. Es ist zum Verrücktwerden.
@Martin: Die Gefühle teile ich. Wir werden das Problem nur leider nicht dadurch gelöst bekommen, dass wir diesen Leuten von der undemokratischen Seite ihre Ansichten verbieten. Das haben wir vermutlich schon zu lange und intensiv getan. Daraus ist das entstanden, das viele heute mit Grauen erfüllt. Viele Demokraten haben die Spielregeln der Demokratie schlichtweg vergessen – vielleicht aus Angst, vielleicht aus Überheblichkeit.
Puh. Du schreibst mir aus der Seele.
Danke
Stefan
@Stefan Pfeiffer: Gern. 😍🥹