Inhalt
Der dänische Spiegel: Warum es dort funktioniert
Wenn man sich die satirische Darbietung des deutschen Stillstands durch Urban Priol im Vergleich zum dänischen Modell anschaut, kommt man ins Grübeln. Ja, man kann natürlich auch nur darüber lachen. Aber wieso klappt Politik in anderen Ländern der EU soviel besser? In Dänemark gibts z.B. keinen Euro. Spielt das eine Rolle?
In Dänemark scheint im Vergleich zu unserem Land, Fortschritt kein Schreckgespenst zu sein: 80 % Erneuerbare, flächendeckende Wärmepumpen und Fahrräder statt Blechlawinen. Ein Grund für diesen Erfolg ist die Demografie: Mit einer Geburtenrate von bis zu 1,7 Kindern pro Frau und einem Durchschnittsalter von 42 Jahren ist die Gesellschaft „jünger“ und dynamischer als die deutsche. Das Fundament bilden Spitzenlöhne von über 32 Euro und die 4-Tage-Woche. Während wir hier über die Last der Migration debattieren, setzt Dänemark auf eine strikt arbeitsmarktzentrierte Zuwanderung, die das Sozialsystem stützt, statt es zu belasten. Es ist ein System, das Vertrauen schafft, statt Ängste zu schüren. Und das unter einer sozialdemokratischen Regierungsschefin. Da kommt – bei mir jedenfalls – Wehmut auf.
Sicherheit beim Wohnen: Der Blick nach Österreich
Doch nicht nur der Norden zeigt uns die Grenzen auf. Ein Blick nach Österreich, speziell nach Wien, offenbart, wie ein entspannter Wohnungsmarkt aussieht. Während in deutschen Metropolen die Mieten explodieren und der soziale Wohnungsbau fast zum Erliegen gekommen ist, setzt Wien seit über 100 Jahren auf das „Gemeindebau“-Modell. Über 60 % der Wiener leben in geförderten Wohnungen. In Wien ist Wohnen eine öffentliche Infrastrukturaufgabe, kein Spekulationsobjekt. Dort gibt es im Vergleich zu deutschen Großstädten deutlich niedrigere Mieten.
| Stadt | Mietpreis pro m² (kalt) | Gesamtpreis (50 m²) | Besonderheit |
| Wien | ca. 11 € – 15 € | 550 € – 750 € | Starker Einfluss durch sozialen Wohnbau |
| München | ca. 19 € – 24 € | 950 € – 1.200 € | Knappes Angebot, extrem hohe Nachfrage |
In Deutschland hingegen wurde die Gemeinnützigkeit in den 90ern geopfert, was uns heute teuer zu stehen kommt. Sicherheit im Alter beginnt eben mit der Sicherheit, sich das Dach über dem Kopf auch als Rentner noch leisten zu können. Warum sich die Dinge in den 1990er Jahren so verändert haben, lag auch damals schon auf die desolate Lage der kommunalen Finanzen. Wir erinnern uns? Ganze Kanalisationssysteme von Gemeinden wurden an Investoren veräußert, weil die Kassen (auch damals schon) unglaublich klamm waren.
Priols Linke Sicht und die deutsche Blockade
Urban Priol nimmt hier eine klassisch linksprogressive Position ein: Er geißelt die Verteilung von unten nach oben und entlarvt das „Geschäft mit der Angst“ als politisches Instrument. Aus seiner Sicht wird in Deutschland eine fortschrittliche Politik bewusst blockiert, um Pfründe einer kleinen Elite zu schützen. Doch warum kommt eine solche Politik derzeit bei uns kaum infrage? Es ist eine Mischung aus einer tiefen Vertrauenskrise in die Parteien und einer „Vollkasko-Mentalität“, die jede Veränderung als Gefahr sieht. Zudem fehlen Deutschland im Vergleich zu Wien oder Kopenhagen die langfristigen Strukturen; wir verwalten uns in befristeten Förderprogrammen und bürokratischen Hürden zu Tode.
Fortschrittliche Konzepte scheitern bei uns oft nicht am Geld, sondern an einer festgefahrenen politischen Kultur, die Mut durch Bedenkenträgerei ersetzt. Dass Merz Dinge versprochen und nicht eingehalten hat, ist das eine. Die andere Sache ist aber, dass diese Gesellschaft aufgrund ihres hohen Durchschnittsalters keinen Mumm mehr hat, neue Dinge auszuprobieren. Das bricht uns das Genick. Die notwendigen Reformen scheitern nicht nur an mutlosen Politikern, sondern vor allem an einer mutlosen, alten Bevölkerung.
Abschied vom Fetisch der Blechlawinen fällt ungemein schwer. Der Künstler Thomas Bayrle hat diesen Zustand wunderbar zum Thema gebracht, schon vor Jahrzehnten.
Habe mal, auch vor Jahrzehnten, einen Essay über Highwaysurfer in L.A. gelesen. Wenn es einem langweilig wurde, setzte man sich ins Auto und fuhr ziellos eine Weile ( mit anderen “ in Tuchfühlung“) auf diesen modernen „Förderbändern“.
@Gerhard: Wenn nur die Blechlawinen wären. Über die Freude, die über eine lange Zeit wachsende Zahl der Neuzulassungen habe ich mich in den 80er Jahren schon gewundert. Was mich nicht daran gehindert hat, meinen neuen Firmenwagen zumindest für eine Weile abzufeiern. Die Menschen sind soo.
@Horst Schulte: Das ist der Durst!
@Gerhard: Gier meinst.
@Horst Schulte: So gesehen: Ja
„Aus seiner Sicht wird in Deutschland eine fortschrittliche Politik bewusst blockiert, um Pfründe einer kleinen Elite zu schützen.“
Bingo! Das ist sogar die einzig mögliche Sicht. Selbst die Rechten nutzen das schon als Instrument und später dann für sich aus. 😀
„Unterm Strich zähl ich!“ Das haben die Volksvertreter mit dem Großteil ihres Souveräns gemein.
„Fortschrittliche Konzepte scheitern bei uns oft nicht am Geld, sondern an einer festgefahrenen politischen Kultur[…]“
So sicher, wie der Katalysator.
„Aber wieso klappt Politik in anderen Ländern der EU soviel besser?“
Weil die da weniger Amerika wagen und noch auf ihre eigene Kultur schauen und infolgedessen US-amerikanische Wirtschaftsfachverbrater nicht die Regel, sondern die Ausnahme sind? Weil Idealisten dort nicht als Sündenböcke herhalten müssen, sondern Ideengeber sind?
Aber tröste Dich. Die amerikanische Dauerbeschwallung ist auch bei denen gang und gäbe, nur eben nicht schon seit 80 Jahren. Die Entwicklung läuft dort auch entsprechend.
@Juri Nello: »Unterm Strich zähl ich!« Das ist anerzogen und wir können von diesem Egoismus, der im Kostüm des Individualismus Einzug hielt, einfach nicht mehr lassen. Vielleicht sind andere große Zivilisationen daran zerbrochen. Ich meine die, die mal groß waren und dann über die Jahrtausende in Vergessenheit gerieten.
@Horst Schulte: Das ist schon etwas mehr als nur Erziehung. Das ist Religion. Und zwar die der US-amerikanischen NeoCons. Das wirkt so, wie Hitlers Volksempfänger, nur nachhaltiger, da optisch und akustisch hübscher (die Tipps hatte er ja auch von dort).
Und vergessen sind die alten Regime nicht.
Nicht umsonst werden sie von der Politik, der Wirtschaft und den Medien stets bemüht, um eine Staatsräson einzufordern, die sie selbst nicht im Traum gedenken würden einzuhalten.
Also, irgendwas davon muss dann doch noch haften geblieben sein im Schädel, wenn auch verklärt.
Was war das Thema #1 bei der Kommunalwahl in Darmstadt? Bezahlbarer Wohnraum. Wer den Radikalen Stimmen abknapsen will, muss das Thema Wohnen adressieren! Und auch Vollkaskomentalität und mangelndem Veränderungswillen bin ich dabei.
P.S. Die #FckAfD hat wohl ihren Stimmanteil von 4,6 % verdoppelt. Endergebnis steht noch aus
@Stefan Pfeiffer: Traurig, wie das überall in Deutschland funktioniert. Die Leute lassen sich in meinen Augen für dumm verkaufen. Andererseits ist es katastrophal, was die Regierung (auch die vorige) leistet. Vermutlich auch aus Angst vor dem alten Wähler, der nun mal die Anspruchshaltung vor dem Hintergrund jahrzehntelanger Erfahrungen einfach nicht mehr im Griff hat.