Pete Hegseth, der US-Kriegsminister, hat bei den D-Day-Gedenkfeiern in der Normandie eine Rede gehalten, die man nicht einfach als politische Zuspitzung abtun sollte. Dafür war der Ort zu bedeutend. Sowas sollte an keinem Ort auf der Welt geäußert werden! Der D-Day war als Anlass zu ernst. Dafür liegen zu viele Tote unter den weißen Kreuzen, als dass man dort leichtfertig mit dem Wort «Invasion» hantieren dürfte.
Die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 war keine beliebige militärische Operation. Sie war ein blutiger Schritt zur Befreiung Europas vom Nationalsozialismus. Junge Männer aus Amerika, Großbritannien, Kanada und vielen anderen Ländern starben an diesen Stränden, damit Europa wieder atmen konnte. Damit Terror, Rassenwahn und Vernichtungspolitik nicht das letzte Wort behielten.
Wer an einem solchen Ort heutige Migration rhetorisch mit einer «Invasion» verknüpft, verschiebt die Geschichte in gefährlicher, für anständige Leute unzumutbare Art und Weise. Menschen, die über das Meer kommen, sind keine Wehrmacht, keine SS, keine totalitäre Armee. Unter ihnen sind Verzweifelte, Arme, Geflüchtete, Suchende. Gewiss auch Menschen, über deren Aufnahme, Integration und Grenzen politisch gestritten werden muss. Aber dieser Streit verlangt Genauigkeit. Er verlangt Anstand. Er verlangt Maß.
Hegseth aber wählte Worte, die seinem Dienstherrn wohl gefallen könnten. Vielleicht noch ein paar anderen aus diesem Regime. Er nahm den historischen Klang von D-Day und legte ihn auf die Gegenwart wie eine martialische Schablone. Das ist nicht nur geschmacklos. Es ist politisch vergiftend. Der Gruß ging an solche, die die AfD wählen. Sprache ordnet die Welt. Wer Migration zur Invasion erklärt, macht aus Menschen Feinde. Wer Europas Küsten mit den Stränden der Befreiung verknüpft, spielt mit Bildern, die jeder anständige Mensch mit Ehrfurcht behandeln müsste.
Natürlich darf man über Migration streiten. Man muss es sogar. Demokratien dürfen sich nicht vor schwierigen Fragen drücken. Aber es gibt Orte, an denen Worte schwerer wiegen als anderswo. Die Normandie ist so ein Ort. Dort spricht man nicht vor einer beliebigen Kulisse. Dort spricht man vor Gräbern. Dort spricht man im Schatten einer Geschichte, die nicht für billige Kulturkampf-Sätze missbraucht werden darf.
Hegseths Rede sollte uns aufrütteln. Nicht, weil jede Kritik an europäischer Migrationspolitik unanständig wäre. Sondern weil hier ein historischer Erinnerungsort in eine Gegenwartsparole verwandelt wurde. Wer D-Day benutzt, um Flüchtlingsboote als Bedrohungsbild zu zeichnen, beschädigt das Andenken an jene, die damals wirklich gegen eine mörderische Ideologie kämpften.
Erinnerung ist kein politischer Steinbruch. Man kann sich dort nicht bedienen, wie es gerade zur eigenen Botschaft passt. Wer vor den Gräbern der Befreier spricht, sollte nicht zündeln. Er sollte sich verneigen.
Mit diesen Leuten des Trump-Regimes ist kein Staat zu machen. Und unser Selbstbewusstsein, das europäische, dürfte ruhig etwas deutlicher in Erscheinung treten. Das muss sich keiner anhören, ohne einen fiesen Gruß über den Atlantik zu schicken.
Linkliste zu Hegseths D-Day-Äußerungen
Süddeutsche Zeitung: Mit seinem Invasions-Vergleich liegt Hegseth doppelt daneben
https://www.sueddeutsche.de/meinung/migration-trump-hegseth-li.3494878
Süddeutsche Zeitung: Hegseth spricht bei D-Day-Rede von „Invasion“ an Europas Küsten
https://www.sueddeutsche.de/politik/usa-news-hegseth-d-day-frankreich-trump-migration-li.3494806
The Guardian: Pete Hegseth’s D-day speech on immigration condemned as ‚grotesque stupidity‘
https://www.theguardian.com/world/2026/jun/07/pete-hegseth-d-day-speech-immigration-grotesque-stupidity
The Independent: Minister says he hopes Pete Hegseth regrets his ‘horrifying’ D-Day comments
https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/hegseth-normandy-d-day-speech-europe-invasion-b2991213.html
Reuters: Hegseth, at D-Day event, says Europe faces ‚invasion‘ of dangerous ideologies
https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/hegseth-d-day-event-says-europe-faces-invasion-dangerous-ideologies-2026-06-06/
AP News: Hegseth invokes immigration and ‘invasion’ in D-Day speech in France
https://apnews.com/article/france-us-hegseth-dday-immigration-7c1fd9635a4a292c6d2dc9c4b325ca11
Euronews: US defence chief uses D-Day speech to warn on migration ‚invasion‘
https://www.euronews.com/my-europe/2026/06/07/us-defence-chief-uses-d-day-speech-to-warn-on-migration-invasion
Euronews Video: Watch: Hegseth warns of ‚invasion‘ on European shores in D-Day speech
https://www.euronews.com/video/2026/06/07/us-defence-secretary-hegseth-warns-of-invasion-on-european-shores-in-d-day-speech
Der Spiegel: Hegseth vergleicht Migration mit einer Invasion
https://www.spiegel.de/ausland/pete-hegseth-nahm-bei-offizieller-europareise-sechs-seiner-kinder-mit-a-d221c748-3275-4354-85a0-d39c58039465
Welt: „Europäische Strände werden von gefährlichen Ideologien gestürmt“, kritisiert Pete Hegseth
https://www.welt.de/politik/ausland/article6a24a6a8b20db0d89b657c29/pete-hegseth-rede-zum-d-day-europaeische-straende-von-gefaehrlichen-ideologien-gestuermt.html
Und – was meint die Springer-Presse dazu?
Der WELT-Artikel bewertet Hegseths Rede nicht ausdrücklich in einem eigenen Kommentar. Er rahmt sie aber kritisch, indem er von einem «provokanten Vergleich» spricht, die Formulierung «Invasion» hervorhebt und die scharfe Kritik von Hakeem Jeffries wiedergibt. Eine eigenständige moralische oder historische Einordnung der Redaktion bleibt jedoch weitgehend aus. Typisch, irgendwie. Überhaupt sind die Äußerungen deutscher Medien zu dünn.

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