Zwischen Zuspitzung und Verdrängung: Was vom Streit um Correctiv bleibt

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Der Streit um die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen ist längst kein Streit mehr über journalistische Details. Er ist zu einer Ausweichbewegung geworden. Im Zentrum steht nicht mehr die Frage, was dort politisch verhandelt wurde, sondern wie erfolgreich man den Befund relativieren kann.

correctiv potsdam berichterstattung fazit
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Ja, Correctiv hat zugespitzt. Der Ton war alarmistisch, der Titel maximal aufgeladen. Gerichte haben an einzelnen Formulierungen Korrekturen verlangt, dort, wo aus Zuspitzung rechtlich heikel werdende Tatsachenbehauptungen wurden. Das ist kein Ruhmesblatt. Aber es ist auch kein Widerruf der Recherche.

Denn der Kern ist nicht gekippt worden. Weder von Gerichten noch von Sicherheitsbehörden. Das Treffen in Potsdam hat stattgefunden. Der Teilnehmerkreis ist belegt. Und das dort diskutierte Remigrationskonzept richtet sich langfristig auch gegen Menschen mit deutschem Pass – nicht als offene Deportationsfantasie, sondern als juristisch verbrämter Druck zur »freiwilligen« Ausreise. Politisch macht das keinen harmloseren Eindruck, nur einen berechnenderen.

Die Erzählung, alles sei »widerlegt« oder »in sich zusammengefallen«, lebt von einer gezielten Verwechslung: Juristische Präzisierung wird als inhaltliche Entlastung verkauft. Dass Gerichte keine »Kernaussagen bestätigen«, sondern einzelne Sätze prüfen, wird ignoriert. Dass das Bundesverwaltungsgericht Sellners Remigrationsidee als verfassungswidrig einordnet, passt nicht ins Narrativ. Ebenso wenig die Einschätzung des Verfassungsschutzes, der das Treffen in eine Reihe strategischer Vernetzungen der extremen Rechten stellt.

Die seriöse Kritik an Correctiv liegt woanders. Sie fragt, ob deutlicher zwischen belegtem Gesprächsinhalt und journalistischer Deutung hätte getrennt werden müssen. Ob mehr Kontext, mehr Einordnung, mehr politische Nüchternheit die Wirkung sogar verstärkt hätte. Diese Kritik ist berechtigt.

Deutschlandfunk

Unredlich ist dagegen die Behauptung, es habe »nichts Problematisches« gegeben. Wer so argumentiert, verschiebt den Maßstab. Nicht die Recherche ist dann das Problem, sondern die Tatsache, dass völkische Politik heute im Tonfall von Gutachten und Strategiepapiere daherkommt – und damit anschlussfähig für bürgerliche Milieus wird.

Das Fazit ist unbequem und gerade deshalb umkämpft. Correctiv hat keine Fiktion enthüllt, sondern eine reale politische Konvergenz sichtbar gemacht. Die Fehler lagen in der Dramaturgie, nicht in der Diagnose. Wer den Streit nutzt, um das Thema zu erledigen, redet weniger über Journalismus als über die eigene Bereitschaft, radikale und letztlich demokratiefeindliche Politik zu verharmlosen.

Streit um »Geheimplan«: Rechtsexperte nennt »Correctiv«-Urteil »Realitätsverweigerung«– Reporter antwortet in offenem Brief – WELT – Quelle

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